Bundesliga

Wie die Demontage von Manuel Neuer bereits begonnen hat

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Torhüter Manuel Neuer kämpft beim FC Bayern um seinen Status.

Als im Herbst 2019 die Gefahr bestand, dass Manuel Neuer seinen Status als Nummer eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft verlieren könnte, teilten die Bayern-Funktionäre gegen DFB und Medien aus. Präsident Uli Hoeneß sagte zum Torwart-Duell Marc-Andre ter Stegen vs. Manuel Neuer: „Ter Stegen hat überhaupt keinen Anspruch. Es gibt keine Diskussion, dass nur Neuer die eins ist. Wir lassen uns nicht gefallen, dass unsere Spieler geschädigt werden. Ter Stegen ist ein sehr guter Torwart. Aber Manuel ist viel besser, viel erfahrener. Der kann solange spielen, wie er gesund ist. Er wird immer der Beste sein.“ Bei den Torhütern sei es anders als im Feld, so Hoeneß weiter, da könne man nicht einfach hin und her wechseln. „Die Hierarchie muss klar sein. Und die Hierarchie ist: Manuel Neuer ist die Nummer eins. Er ist über viele Jahre der beste Torwart der Welt gewesen.“

Wie klingen eigentlich diese Sätze, wenn man den Namen ter Stegen durch Alexander Nübel ersetzt und das Thema auf den FC Bayern überträgt? Eine fiktive Kostprobe: „Nübel hat überhaupt keinen Anspruch. Es gibt keine Diskussion, dass nur Neuer die eins ist.“ Und: „Nübel ist ein sehr guter Torwart. Aber Manuel ist viel besser, viel erfahrener. Der kann solange spielen, wie er gesund ist. Er wird immer der Beste sein.“ Hat man allerdings so von keinem Bayern-Funktionär gehört.

Was dieses Beispiel aufzeigen soll? Der FC Bayern befürchtete, dass der unumstrittene Status von Manuel Neuer in der Nationalmannschaft ins Wanken gerät. Die Abteilung Attacke war zur Stelle und gab Neuer Flankenschutz und Rückendeckung zugleich. Nun aber ziehen die Kaderplaner selbst den unumstrittenen Status von Manuel Neuer bei sich in München in Zweifel, indem sie Alexander Nübel von Schalke 04 für die kommende Saison verpflichten. Das Verhältnis zu Neuer ist weniger an vielen PR-Floskeln der Bayern-Funktionäre zu erkennen, sondern eher daran, was die Verantwortlichen nicht sagen – und vor allem: wie sie im Hintergrund handeln.

Die Demontage von Manuel Neuer hat längst begonnen. Dafür gibt es zahlreiche Indizien:

1. Die Wahl der Ersatztorhüter

Seit Neuer seit 2011 beim FC Bayern spielt, hat er Torhüter an die Seite gestellt bekommen, für die der Sachverhalt klar war: Sie sind die Nummer zwei und erhalten nur Einsätze, wenn Neuer verletzt oder gesperrt ist. Mit dem 23-jährigen Alexander Nübel kommt nun erstmals in der Neuer-Ära ein Torwart nach München bei dem klar ist: Früher oder später will er die Nummer eins des FC Bayern sein. Das erhöht automatisch psychisch den Druck für Neuer. Wohl jeder Sportler kann bezeugen, dass es einen Unterschied ausmacht, ob man mit jemanden um eine Position konkurriert, der hohe Ansprüche stellt – oder der sich in seine Rolle (als Ersatzkeeper) fügt.

2. Neuer zeigte Schwäche

Sehr selten wird auf eines der größten Erfolgsrezepte des FC Bayern hingewiesen – unter anderem aber nachzulesen im Buch „Münchens wahre Leibe“ (Riva-Verlag, 2018): Sobald ein Spieler Schwäche zeigt, muss er in der Regel um seinen Status in München fürchten und wird rasch durch einen anderen Spieler ersetzt. Ein Parade-Beispiel ist der Verkauf von Giovane Elber als Torschützenkönig (!) 2003. In den vergangenen Jahren wurde dieses extreme Leistungsprinzip in München oftmals außer Kraft gesetzt. Manuel Neuer war lange Zeit verletzt (Mittelfußbruch) und zeitweise spielte er schwach, was mit Sicherheit einen Denkprozess bei der Vereinsführung ausgelöst haben dürfte. Man ersetzte Neuer zwar nicht direkt – das wäre auch kaum vermittelbar gewesen -, aber im Endeffekt begann hinter den Kulissen wohl bereits die Planung der Post-Neuer-Ära. Immerhin ist Neuer nun 33 Jahre alt und die Gefahr besteht durchaus, dass irgendwann wieder eine längere Verletzungspause folgen könnte.

3. Transparenz

Manuel Neuer betonte 2019 sinngemäß noch, er sei von der FC-Bayern-Führung auf dem Laufenden gehalten, was eine mögliche Verpflichtung von Alexander Nübel betreffe. Offenbar wurde der Kapitän des FC Bayern aber nur oberflächlich informiert, denn wie sonst ist zu erklären, dass Neuer erst kürzlich davon erfahren hat, dass er offenbar 15 Pflichtspiele in der kommenden Saison an Nübel abtreten solle? Besonders bitter für Neuer: In dieser Woche gab er noch eine Pressekonferenz mit klaren Ansagen. Sinngemäß: Er sei die Nummer eins und er wolle immer spielen. Hätte er so eine Pressekonferenz mit so markigen Worten gegeben, wenn ihm die Sport1-Meldung vom Freitag bekannt gewesen wäre? Angeblich hat der FC Bayern Alexander Nübel sogar schriftlich 15 Einsätze in der kommenden Saison zugesichert! Das würde bedeuten, dass Nübel nahezu die komplette Hinrunde der Bundesliga spielen müsste – oder nahezu alle Spiele in der Champions League und im DFB-Pokal. Viele Beobachter und Fans fragten sich, warum Nübel, Kapitän und Nummer eins bei Schalke 04, sich freiwillig auf die Ersatzbank des FC Bayern setzen will. Die Antwort dürfte nun lauten: Weil er weiß, dass er teilweise doch zum Einsatz kommen wird. Somit wird aber eindeutig gegen die Ansprüche von Manuel Neuer gehandelt. Der Klub signalisiert Neuer damit, dass man nicht mehr zu 100 Prozent auf ihn setzt. Für Neuer dürfte dies einer Erniedrigung gleichkommen, zumal er ein sehr verdienter Spieler des Klubs ist. Die Frage ist, ob sich Neuer auf die neuen Gegebenheiten einlassen will – oder sich einen Verein sucht, der ihm den unumstrittenen Status als Nummer eins zubilligt.

Wer übrigens behauptet, Manuel Neuer sei gegenüber Alexander Nübel leistungstechnisch eindeutig im Vorteil, der sollte eine bedeutende Statistik nicht übersehen. Nübel hat in dieser Saison 35 Prozent an gegnerischen Großchancen vereitelt – der Top-Wert der Bundesliga. Neuer kommt „nur“ auf Platz neun und 22,2 Prozent. Gibt es in München vielleicht auch leise Zweifel an der sportlichen Leistungsfähigkeit von Neuer?

About Daniel Michel

Daniel Michel, Jahrgang 1981, gründete im Dezember 2015 das Nachrichtenportal fussball.news. Zuvor war er als freier Journalist u.a. bei Sport1, Eurosport und der Perform Group tätig. Er ist zudem Co-Herausgeber einer Fußball-Buchreihe und Autor mehrerer Bücher und Kalender.

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