Bundesliga

Was beim FC Bayern schief läuft (9): Der „Eckball-Fluch“ der Münchner

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Der FC Bayern ist deutscher Meister und Pokalsieger, dennoch weist der Klub in vielen Bereichen große Probleme auf. fussball.news legt in einer 13-teiligen Serie dar, was bei den Roten strukturell schief läuft. Teil 9 handelt von einer chronischen Schwäche der Münchner.

Seit Monaten gibt es drei wesentliche Kritikpunkte am FC Bayern: Die Eignung von Niko Kovac als Trainer des FC Bayern wird angezweifelt, der Vereinsführung wird eine zögerliche Transferpolitik angelastet und die Frage nach der individuellen Qualität der Spieler kommt immer mal wieder auf. Experten und ein Teil der Fans hinterfragen, ob der FC Bayern sich wieder zurück in die europäischen Top Vier kämpfen kann.

Der Knackpunkt gegen Liverpool:

Selten wird jedoch über den sportlichen Knackpunkt der vergangenen Saison diskutiert: Im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League stand es bis zur 68. Spielminute 1:1 zwischen dem FC Bayern und dem FC Liverpool. Es war völlig offen, welches Team ins Viertelfinale einziehen würde. Dann aber erzielte Virgil van Dijk nach einem Eckball das 2:1 für Liverpool – die Münchner erholten sich von diesem Kopfballtreffer nicht mehr und verloren die Partie mit 1:3. In der Nachbearbeitung der Partie ging es insbesondere darum, welche mutlose Taktik Niko Kovac für sein Team angeordnet hatte. Der Coach selbst wiederum formulierte relativ deutlich, dass die individuelle Qualität seiner Spieler für Liverpool nicht ausgereicht habe. Die Situation beim Eckball vor dem 1:2 geriet nur zur Randnotiz.

Dabei gibt es beim FC Bayern eine lange Negativ-Historie in Sachen gegnerische Eckbälle. Ein paar bittere Niederlagen durch Eckball-Gegentore seien verdichtet angeführt:

1. Beim Champions-League-Finale 1999 kassierte der FC Bayern gegen Manchester United (1:2) beide Gegentreffer in der Nachspielzeit – jeweils nach einem Eckball!

2. In den Saisons 2010/11 und 2011/12 schnappte Borussia Dortmund dem FC Bayern den deutschen Meistertitel weg. Jeweils Eckbälle versetzten den Münchnern den eigentlichen Todesstoß. Im Februar 2011 siegte Dortmund in München mit 3:1. Nach einem Eckball köpfte Mats Hummels zum 3:1-Endstand für den BVB ein. Im Jahr darauf kam es am 30. Spieltag zum Mega-Fight in Dortmund. Die Bayern besaßen drei Punkte Rückstand auf den BVB, lange stand es in der spannungsgeladenen Partie 0:0. Nach einer Ecke erzielten dann die Dortmunder in der 77. Spielminute das 1:0 – und gingen als Sieger vom Platz. Die Meisterschaft war praktisch entschieden.

3. Doch 2012 sollten die Bayern nochmal bei einem Eckball unaufmerksam sein. Es war vielleicht der wichtigste gegnerische Eckball in der Vereinsgeschichte der Münchner. Im eigenen Stadion bestritt der FC Bayern das Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea. Die Londoner machten offensiv keinen Stich – bis in der 88. Minute Chelsea nach einer Ecke den 1:1-Ausgleich erzielte (Torschütze: Didier Drogba) und sich im Elfmeterschießen durchsetzte. Das „Drama dahoam“ war perfekt – zum Leidwesen der Münchner.

4. Einer der bittersten Champions-League-Tage des FC Bayern wurde ebenfalls per Eckball eingeleitet: Im Halbfinal-Rückspiel 2014 gegen Real Madrid kassierten die Münchner das 0:1 nach einer Ecke (Modric auf Ramos) und gingen als amtierender Titelverteidiger mit 0:4 unter.

Viele Trainer betonen, dass es bei internationalen Top-Spielen auf „Kleinigkeiten“ ankomme und dass eine Standardsituation ein Spiel entscheiden könne. Tatsächlich kommen bei einer Eckballsituation viele fußballerische Elemente zusammen. Man muss mental stark sein, taktisch gewieft und es bedarf individueller Qualität, um nach einem Eckball einen entscheidenden Treffer zu erzielen.

Verdichtet formuliert:

Beim Champions-League-Finale 1999 waren die FC-Bayern-Spieler mental nicht auf der Höhe, als sie das 1:2 kassierten.

Beim „Finale dahoam“ 2012 war es hauptsächlich ein taktischer Fehler. Es war eine katastrophale Zuteilung vor dem Eckball zum 1:1 zu beobachten. Unglaublich: Mit Daniel van Buyten stand der wohl kopfballstärkste Spieler zunächst an der Strafraumgrenze und deckte den eher harmlos wirkenden Gary Cahill ab!

2018/19 gegen Liverpool war es dagegen eine Frage der individuellen Qualität. Die nicht mehr ganz auf dem Höhepunkt ihrer Karriere wirkenden Mats Hummels und Javi Martinez konnten mit dem dynamischen und sprungkräftigen Virgil van Dijk nicht mithalten und ließen ihn zum 2:1 einköpfen.

Oftmals betont der FC Bayern, dass er aus besonders bitteren Niederlagen seine Lehren ziehe und gestärkt daraus hervorgehe. Für die aktuelle Saison sollte deshalb die Devise eindeutig sein: Den „Eckball-Fluch“ stoppen, um in der Champions League weit zu gelangen.

About Daniel Michel

Daniel Michel, Jahrgang 1981, gründete im Dezember 2015 das Nachrichtenportal fussball.news. Zuvor war er als freier Journalist u.a. bei Sport1, Eurosport und der Perform Group tätig. Er ist zudem Co-Herausgeber einer Fußball-Buchreihe und Autor mehrerer Bücher und Kalender.

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