Bundesliga

Was beim FC Bayern schief läuft (11): Die Underdog-Rhetorik des Hans-Dieter Flick

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Der FC Bayern ist deutscher Meister und Pokalsieger, dennoch weist der Klub in vielen Bereichen große Probleme auf. fussball.news legt in einer 13-teiligen Serie dar, was bei den Roten strukturell schief läuft. Teil 11 handelt von der Rhetorik von Chefcoach Hans-Dieter Flick.

Ende Juni 2019 hat fussball.news seine Analyse-Serie über den FC Bayern gestartet, seitdem sind viele strukturelle Probleme der Münchner offensichtlich geworden und haben – wie sich im Nachhinein zeigt – auch massive Auswirkungen auf die aktuelle Saison. Während der FC Bayern trotz vier Punkten Rückstand auf RB Leipzig hofft, 2020 wieder deutscher Meister zu werden, sollte man nicht vergessen, dass die Münchner auch nur noch drei Punkte von den Europa-League-Plätzen trennen. Für den FC Bayern ist es deshalb rhetorisch ein Spagat, einerseits sich als selbstbewusster Titelfavorit zu geben, andererseits sich aber auch Schwächen einzugestehen (u.a. körperliche Fitness, Tempodefizite, teamtaktisches Fehlverhalten, mangelnde Chancenverwertung).

Kovac tippte auf Titelgewinn – trotz 1:3 in Leverkusen

Ein Teil der Fans des FC Bayern in den sozialen Medien warf Ex-Cheftrainer Niko Kovac vor, er benutze die Sprache eines „Underdogs“ und rede den Gegner gerne stark – das sei nicht sebstbewusst, nicht Bayern-like. Tatsächlich war die rhetorische Strategie von Kovac desöfteren sehr fragwürdig – andererseits bewies er in einem sehr wichtigen Moment durchaus, dass er das berühmte „Bayern-Gen“ besitzt. Als die Münchner in der Saison 2018/19 in der Rückrunde in Leverkusen eine 1:3-Niederlage kassierten und nach 20 Spieltagen immer noch sieben Punkte Rückstand auf Tabellenführer Borussia Dortmund hatten, da betonte Kovac kurz nach der Niederlage im Interview mit Sky: Er glaube bis zur letzten Sekunde an den Titelgewinn, man solle sich nur die Saison 2001 in Erinnerung rufen, als der FC Bayern im letzten Moment noch das Titelrennen gegen Schalke zu seinen Gunsten entschieden habe. Am Ende reüussierte Kovac und die Münchner fingen die nervös gewordenen Dortmunder noch von Platz eins ab.

Flick will kein Co-Trainer mehr sein

Wie verhält es sich nun mit der rhetorischen Strategie bei Kovac-Nachfolger Hans-Dieter Flick? Generell ist festzustellen, dass Flick nicht selten seine Meinung ändert. So gab er sich die ersten Wochen als Interimstrainer in München sehr demütig und erweckte den Eindruck, dass er für alle Aufgaben des Klubs zur Verfügung stehen würde. Rund zwei Monate später kommt für Flick eine Rückkehr auf den Co-Trainer-Posten in der nächsten Saison nicht mehr infrage und er fordert forsch neue Spieler für den FC Bayern. Dieses Vorgehen kann man ihm als selbstbewusst auslegen.

„Möchte“ oder „muss“ der FC Bayern Meister werden?

Andererseits verhält er sich teilweise wie ein „Underdog“. Vor dem bedeutenden Auswärtsspiel (14. Spieltag) beim damaligen Tabellenführer Borussia Mönchengladbach wich Flick etwa der Frage nach dem Saisonziel aus. Er sagte sinngemäß, der FC Bayern muss nicht Meister werden, sondern er „möchte“. Die Bild-Zeitung erklärte Flick im Nachgang, dass der FC Bayern mit diesem Kader deutscher Meister werden müsse und es da keine zwei Meinung geben dürfe. Der an diesem Tag unsicher wirkende Flick reiste mit seinem Team nach Gladbach – und die Münchner spielten in der zweiten Halbzeit tatsächlich so, als müssten sie nicht den Anspruch auf den Titel erheben. Aus einer 1:0-Führung wurde fahrlässig eine 1:2-Niederlage. Die Folge: sieben Punkte Rückstand auf Platz eins.

Hilferuf von Flick

Dass Hans-Dieter Flick nun in der Winterpause offen Verstärkung für die Mannschaft fordert, wird dem FC-Bayern-Coach oftmals positiv ausgelegt. Zudem wird Flick für seine Strategie gelobt. Der Coach baue eben vor, dass wenn die Münchner den Titel nicht holen, Flick das Scheitern auf die schwache Personalpolitik der Münchner schieben könne. Man kann die Forderung von Flick allerdings auch als Hilferuf ansehen, der vor allem Tabellenführer RB Leipzig in die Karten spielt. Die Verantwortlichen in München wirken nervös, der Druck steigt, was FC-Bayern-Manager Hasan Salihamidzic indirekt auch bestätigte, als er betonte, Flick spüre eben nun als Chefcoach des FC Bayern die neue Erwartungshaltung an ihn und sein Team.

Flick tippt auf Leipzig

Flick leistete sich aber nun in dieser Woche noch einen besonderen rhetorischen Fehlgriff. Die Nachrichtenagentur dpa fragte in der Winterpause bei den Klubs nach, wer denn nun der Favorit auf den Meistertitel 2020 sei. Flick gab Tabellenführer RB Leipzig an. Nun kann man Flick unterstellen, er wolle mit diesem Voting den Druck auf Leipzig erhöhen und hoffe auf einen Leistungseinbruch bei den Sachsen. Eigentlich aber hat ein Trainer des FC Bayern so ein Psychospielchen nicht nötig, wenn er sich sicher und selbstbewusst fühlt.

Natürlich kann der FC Bayern weiterhin deutscher Meister 2020 werden, doch es gibt immer mehr Anzeichen, die darauf hindeuten, dass eine sehr erfolgreiche Ära der Münchner nun auch auf nationaler Ebene zu Ende gehen wird. Selbst rhetorisch hinken die Mia-san-Mia-Bayern offenbar ihren Ansprüchen hinterher.

About Daniel Michel

Daniel Michel, Jahrgang 1981, gründete im Dezember 2015 das Nachrichtenportal fussball.news. Zuvor war er als freier Journalist u.a. bei Sport1, Eurosport und der Perform Group tätig. Er ist zudem Co-Herausgeber einer Fußball-Buchreihe und Autor mehrerer Bücher und Kalender.

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