2. Bundesliga

Warum man VfB-Boss Hitzlsperger genauer auf die Finger schauen sollte

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Stuttgart entlässt wieder einen Coach – doch wie steht es eigentlich um die Qualität von Vorstandschef Thomas Hitzlsperger?

Seit der Saison 2013/14 befindet sich der VfB Stuttgart in einem nachhaltigen sportlichen Abwärtstrend. Zwei Abstiege aus der Bundesliga (2016, 2019) sind der Beleg dafür. Die Schwaben zählen in zahlreichen Kategorien – u.a. sportliche Erfolge, Fan-Basis, Wirtschaftskraft – formal zu den acht stärksten Klubs in Deutschland. Die Sehnsucht des Stuttgarter Umfelds ist deshalb groß, so schnell wie möglich an glorreiche Tage anzuknüpfen. Dazu zählt zunächst vor allem der Aufstieg in die Bundesliga. Doch bei Tabellenplatz drei und zuletzt nur elf Punkten aus den vergangenen neun Spielen ist beim fünfmaligen deutschen Meister Ernüchterung eingekehrt. Die Klubführung hat entschieden, sich von Trainer Tim Walter nach einem halben Jahr der Zusammenarbeit zu trennen. Ein neuer Coach soll das Ruder herumreißen und die Schwaben direkt in die Bundesliga führen. Vorstandschef Thomas Hitzlsperger ist maßgeblich verantwortlich für die schwierige Lage beim VfB, dennoch genießt er weiterhin große Unterstützung im Stuttgarter Umfeld. Die Gründe dafür liegen auf der Hand:

Hitzlsperger als „Meisterheld“ von 2007

Hitzlsperger profitiert von seiner Zeit als Spieler des VfB Stuttgart und seinem legendären Volley-Tor zum 1:1 gegen Energie Cottbus, das den Stuttgartern letztendlich zu einem 2:1-Sieg am letzten Spieltag der Saison 2006/07 verhalf und den Gewinn der deutschen Meisterschaft sicherte. Der 37-Jährige wirkt authentisch, dynamisch und besitzt ein Herz für den VfB – man kann von den Voraussetzungen her kaum mehr von einem Vorstandschef verlangen. Doch blickt man in die jüngere Vergangenheit von Hitzlsperger zurück, sind Zweifel angebracht, ob er die nötige Erfahrung besitzt, den VfB Stuttgart in die Top Acht des deutschen Fußballs zurückzuführen.

Seit 2016 als Funktionär tätig

Hitzlsperger ist seit 2016 als Funktionär beim VfB Stuttgart tätig. Zunächst als Berater des Vorstands, 2017 stieg er dann ins Präsidium auf. Im Februar 2018 wurde er Direktor des Nachwuchsleistungszentrums. Im Februar 2019 folgte die Beförderung zum Sportvorstand. Seit Oktober 2019 ist Hitzlsperger sogar Vorstandschef des VfB. Doch was ist in den letzten rund vier Jahren geschehen, in denen der gebürtige Münchner immer mehr Verantwortung erhielt?

Der VfB holte 2017 den als Manager unerfahrenen Michael Reschke vom FC Bayern.  Stuttgart geriet nach der Rückkehr in die Bundesliga 2017/18 umgehend wieder in den Abstiegskampf. Der beliebte Coach Hannes Wolf wurde entlassen.

Mit Nachfolger Tayfun Korkut folgte ein kurzes Zwischenhoch, weil das Team das defensive „Mauern“ ausreizte und perfektionierte.

2018/19 gab der VfB dann fast 50 Millionen Euro für neue Spieler aus – doch die Weiß-Roten kämpften von Beginn an um den Klassenerhalt. In der Folge mussten erst Coach Korkut und dann Manager Reschke ihre Posten räumen.

Spätestens ab Februar 2019 an der vordersten Funktionärsfront

Thomas Hitzlsperger rückte als Sportvorstand spätestens ab Februar 2019 an die vorderste Funktionärsfront. Der VfB steckte in der Krise – und Hitzlsperger beging typische Anfängerfehler. Er traute sich nicht, rechtzeitig Trainer Markus Weinzierl zu entlassen. In der Schlussphase schwenkte Hitzlsperger dann doch um und gab einem Rookie – Nachwuchstrainer Nico Willig – eine Chance. Dabei wäre in einer derart prekären Situation eher ein erfahrener Coach der Marke Felix Magath passend gewesen. Hitzlsperger nahm sich dennoch geschickt aus der Schusslinie und holte im Mai noch Sven Mislintat als Sportdirektor hinzu. Als verantwortlich für die VfB-Misere galten Michael Reschke – und der dann im Sommer zurückgetretene Präsident Wolfgang Dietrich.

Risiko bei der Trainerwahl

Mit dem Image des Erneuerers stieg Hitzlsperger im Herbst 2019 sogar zum Vorstandsvorsitzenden der Profi-Abteilung auf. Gemeinsam mit Mislintat entschied er sich für Tim Walter als VfB-Trainer der Saison 2019/2020. Walter arbeitete zuvor im Amateurbereich des FC Bayern und für den Zweitligisten Holstein Kiel. Die Erfolgsbilanz von Walter hielt sich in Grenzen. Mit den Bayern-Amateuren verfehlte er den Aufstieg in die Dritte Liga – und in der Saison 2018/19 übernahm er den Zweitligisten und Vorjahresdritten Holstein Kiel, um ihn auf Platz sechs zu führen. Hitzlsperger entschied sich – gemessen an den Ansprüchen und Rahmenbedingungen des VfB – für den unerfahrenen Walter als Coach und ging damit erneut ins Risiko. Doch nach nur sechs Monaten beendete Hitzlsperger nun das Abenteuer mit Walter. Die Entlassung von Walter darf auch als Eingeständnis des VfB-Chefs gesehen werden, zum dritten Mal bei der Trainerfrage (Weinzierl, Willig, Walter) falsch gelegen zu haben.

Hitzlsperger gilt als unantastbar

Erneut aber scheint Hitzlsperger vor großer Kritik verschont zu bleiben. Es wirkt fast schon kurios: Je schlechter es um den VfB bestellt ist, desto mehr Verantwortung erhält der 37-Jährige, obwohl er bereits seit 2016 die Geschicke des VfB mitbeeinflussen darf. Der VfB verfügt über eine große Fan-Basis, finanzkräftige Sponsoren und einen für die Zweite Liga top besetzten Kader. Seit mindestens Februar 2019 weiß Hitzlsperger dieses Potenzial nicht in positive Ergebnisse umzumünzen. So ungeduldig die Stuttgarter mit ihren Coaches und Managern auch wirken, bei Thomas Hitzlsperger scheinen sie große Geduld aufzubringen. Auch nach rund vier Jahren als Funktionär beim VfB Stuttgart gilt Hitzlsperger als unantastbar.

About Daniel Michel

Daniel Michel, Jahrgang 1981, gründete im Dezember 2015 das Nachrichtenportal fussball.news. Zuvor war er als freier Journalist u.a. bei Sport1, Eurosport und der Perform Group tätig. Er ist zudem Co-Herausgeber einer Fußball-Buchreihe und Autor mehrerer Bücher und Kalender.

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