Bundesliga

Warum Kovac die „Mini-Krise“ meistern wird

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Nach drei Spielen ohne Sieg wird die Qualität von FC-Bayern-Coach Niko Kovac infrage gestellt. Für ein gerechtes Urteil ist aber noch nicht der Zeitpunkt gekommen.

Mitte August gratulierten bereits die ersten Berichterstatter dem FC Bayern zur deutschen Meisterschaft 2019. Woche um Woche folgten weitere Gratulanten, bis die Serie von sieben Pflichtspielsiegen endete. Schalke-Manager Christian Heidel glaubte vor zwei Wochen sogar, dass der deutsche Rekordmeister kein Ligaspiel in der Saison 2018/19 verlieren werde. Waren es eher provokativ gemeinte Beiträge? Oder fachliche Analysen? fussball.news hat sich den Glückwünschen an den FC Bayern jedenfalls nicht angeschlossen und erklärte Mitte August seinen Userinnen und Usern, warum der Kampf um die deutsche Meisterschaft 2018/19 wohl sehr spannend wird.

Neue Gefechtslage

Schon Anfang Oktober existiert nun eine neue Gefechtslage: Niko Kovac soll schon nach drei Monaten Amtszeit nicht mehr gut genug für den FC Bayern sein. Nachzulesen ist das Urteil in zahlreichen Kommentaren. Hinzu kommen brisante Artikel: Zahlreiche Spieler sollen bereits sauer auf Kovac sein. Laut Bild-Zeitung vom Freitag soll etwa Weltstar (und Ersatzspieler) James zuletzt einen Wutanfall bekommen und bereits in der Kabine angekündigt haben, den Verein verlassen zu wollen. Wer sich aber auf ein schnelles Ende der Ära Kovac beim FC Bayern einstellt, dürfte sich täuschen. Die Gründe:

Individuelle Qualität:

Der FC Bayern verfügt unter den Bundesligaklubs weiter über die mit Abstand höchste individuelle Qualität im Kader. Die Erfahrung im internationalen Fußball zeigt: Top besetzte Teams können für einige Spiele in ein Leistungsloch fallen, sie erholen sich aber in der Regel und belegen am Saisonende trotzdem noch einen Top-Drei-Platz. In den kommenden vier Bundesliga-Spieltagen wartet mit Gladbach nur ein Gegner aus den Top Sechs der Tabelle auf den FC Bayern. Es folgen die Auswärtsspiele in Wolfsburg und Mainz, danach reist der SC Freiburg nach München. Zehn bis zwölf Punkte aus diesen vier Partien für den FC Bayern erscheinen trotz Leistungstief nicht unmöglich.

Analyse ist erfolgt:

Nach dem 1:1 gegen Ajax Amsterdam wirkte Kovac ernüchtert und erbat für eine Analyse der Sieglos-Serie Zeit. Gleichzeitig nannte er aber schon selbst die Hauptschwächen seines Teams. Sinngemäß: mangelnde Schnelligkeit, lasches Zweikampfverhalten und überhastetes und ideenloses Vorgehen bei Ballbesitz. FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß erklärte zudem das Rotationssystem von Kovac als Unsicherheitsfaktor für die Spieler. Drei der vier Schwachpunkte lassen sich aber relativ schnell verändern. Je mehr junge Spieler Kovac in der Startelf einsetzt, desto mehr Speed ist im Team vorhanden. Das Zweikampfverhalten wird er nun im Training wieder verstärkt üben lassen, das Rotationssystem kann er jederzeit abschaffen und auf eine Stammelf bauen, die – wie unter Vorgänger Jupp Heynckes – konstant Top-Leistung abruft.

Krisen-erfahrener Coach:

Niko Kovac hat in den vergangenen rund drei Jahren bei Eintracht Frankfurt mehrere Krisen überstanden. Er konnte die Eintracht vor dem Abstieg in die Zweite Liga retten, er spielte 2016/17 die schwächste Bundesliga-Rückrunde mit seinem Team, um dann 2017/18 wieder einen Top-Start hinzulegen. Im April 2018 musste er nach Bekanntgabe seines Wechsels zu Bayern München Shitstorms auf allen Ebenen aushalten. Nichts konnte Kovac jedoch grundsätzlich erschüttern, er blieb stets besonnen und fand für die jeweils neue Situation eine passende Lösung. So holte er mit der Eintracht am Ende den DFB-Pokal.

Kovac als Stratege:

Niko Kovac soll den Umbruch beim FC Bayern einleiten und die jüngere Generation an Spielern auf Top-Niveau führen. Kovac geht dabei sehr behutsam vor. Er schenkte zunächst vor allem den „Altstars“ wie Franck Ribery das Vertrauen und setzte die Klub-Ikonen nicht sofort auf das Abstellgleis. In den besonders wichtigen Partien wie nun beim Champions-League-Duell gegen Ajax Amsterdam (1:1) ließ Kovac nahezu alle Routiniers von Beginn an starten. Das Durchschnittsalter betrug rund 30 Jahre, doch die ältere Spielergeneration zahlte das Vertrauen nicht zurück. Das muss aber kein Nachteil für Kovac sein. Er kann nun verstärkt argumentieren, warum er künftig auf die junge Garde um Leon Goretzka und Serge Gnabry setzen will. Die „Mini-Krise“ macht quasi den Weg frei für Reformen, die wiederum Kovac Zeit und Luft verschaffen.

Finanzieller Faktor:

Kovac besitzt für Bundesliga-Verhältnisse einen unüblichen Dreijahresvertrag beim FC Bayern. Eine frühzeitige Entlassung von Kovac hätte wohl einen zweistelligen Millionenbetrag als Abfindung zur Folge. Rein wirtschaftlich gesehen müsste Kovac demnach schon sehr schwere sportliche Vergehen begehen, um noch in diesem Herbst entlassen zu werden. Die Führung des FC Bayern wird aber Kovac den Rücken stärken. Davon ist auszugehen. Denn eine Schwächung von Niko Kovac würde auch auf Sportchef Hasan Salihamidzic abfärben. Schließlich betonte der Bosnier im Frühjahr, dass die Verpflichtung von Niko Kovac sein Vorschlag war.

 

 

About Daniel Michel

Daniel Michel, Jahrgang 1981, gründete im Dezember 2015 das Nachrichtenportal fussball.news. Zuvor war er als freier Journalist u.a. bei Sport1, Eurosport und der Perform Group tätig. Er ist zudem Co-Herausgeber einer Fußball-Buchreihe und Autor mehrerer Bücher und Kalender.

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