Borussia Dortmund

Warum dem BVB viel mehr als ein Stürmer fehlt

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Nach dem torlosen Remis im Revierderby beim FC Schalke 04 sind Diskussionen um die Stürmer-Position bei Borussia Dortmund in vollem Gange. Mit Alexander Nübel legte direkt nach der Partie ausgerechnet der Keeper des Erzrivalen den Finger in die Wunde.

Sonderlich gefährlich habe der BVB ja gar nicht sein können, sagte er bei Sky, „weil von denen keiner in die Box wollte“. Ein Kern der Wahrheit ist in der Aussage des Schalker Kapitäns durchaus enthalten. Die Strafraumbesetzung ist in der Mannschaft von Lucien Favre ein großes Problem. Gegen Inter Mailand unter der Woche war in der 1. Halbzeit mehrfach der linke Flügelverteidiger Nico Schulz in vorderster Position aktiv. So wartete nach den ohnehin nur spärlichen Abschlüssen kein Spieler instinktiv auf den Abpraller, den er zum schmeichelhaften Torerfolg hätte verwerten können.

Erinnerung an letzte Klopp-Saison

Die jüngsten Eindrücke geben in dieser Hinsicht ein erschreckendes Bild ab. Die Strafraumbesetzung gegen die Lombarden und Schalke war wahrscheinlich so schwach, wie seit der letzten Saison von Jürgen Klopp nicht mehr. Daraus zu schließen, dem BVB würde nur ein waschechter Stürmer fehlen, greift aber viel zu kurz. Das zeigt auch die Erinnerung an 2014/15. Denn damals hatten die Schwarzgelben ja gerade erst über 30 Millionen Euro in Ciro Immobile und Adrian Ramos investiert, die gemeinsam die Lücke von Robert Lewandowski stopfen sollten. Besser wurde es erst, als Pierre-Emerick Aubameyang dauerhaft ins Zentrum rückte.

Alcacer fehlt, hätte aber wohl keinen großen Unterschied gemacht

Den Gabuner gab Dortmund im Winter 2018 ab, in Paco Alcacer kam ein halbes Jahr später ein adäquater Nachfolger. Natürlich geht der Spanier mit seiner langwierigen Verletzung dem Vizemeister aktuell sehr ab. Eine abweichende Analyse wäre lächerlich, schließlich trifft der 26-Jährige im Dress von Borussia Dortmund statistisch gesehen ziemlich genau alle 90 Minuten. Jedoch liegt die Vermutung nahe, dass die Auftritte gegen Inter und Schalke mit Alcacer kaum anders verlaufen wären.

BVB kommt nicht konstant in die gefährlichen Zonen

Schließlich liegt seine Stärke in erster Linie im Abschluss, im Gespür für den richtigen Moment im oder kurz vor dem gegnerischen Strafraum. Das Problem: In diese Zonen kommt der BVB zuletzt gar nicht mehr. Nachhaltigen Ballbesitz in für den Gegner gefährlichen Regionen hat die Elf von Lucien Favre in den vergangenen Wochen immer seltener erzeugen können. Treffer waren zuletzt eher das Produkt kurzer Momente des Genies Einzelner, denn stark vorgetragener Angriffe des Teams. Alcacer hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Schalke genauso durchgehangen wie Mario Götze.

Stürmer Götze besser als sein Ruf

Am Weltmeister von 2014 wollen Experten nun erkennen können, warum es im Spiel des BVB hapert. Mit einer falschen Neun namens Götze seien die ambitionierten Saisonziele nicht zu erreichen, tönt es aus vielen Richtungen. Dass der eigentliche Mittelfeldspieler in der vergangenen Rückrunde zu den besten Feldspielern des BVB gehörte und dabei einen Großteil seiner Einsätze in vorderster Front absolvierte, fällt da wohl als unangenehmer Kontrapunkt hinten über. Tatsächlich hat sich Götze in der Vorsaison immer besser in die Position ganz vorne eingefunden, Favre schien mit seiner Versetzung letztlich recht gehabt zu haben.

Beschämende Harmlosigkeit

Dass der 27-Jährige aktuell nicht in Topform ist, sei dahingestellt. Auch wenn er es wäre, hätte er alleine keinen Unterschied in den vergangenen, beschämend harmlosen Auftritten des BVB machen können. Es fehlt schließlich nicht nur ein Stürmer, sondern auch eine konsequente Spielidee, wie ein solcher einzusetzen wäre. So liegt die Vermutung nahe, dass die Diskussion auch anhalten würde, hätte Alcacer zur Verfügung gestanden. Dann hätte sie sich womöglich darum gedreht, dass der Spanier sich kaum am Spiel beteiligt und nur wenige Ballaktionen sammelt.

Versäumnis in der Kaderplanung

Wenn der Ball nur selten in die Zonen kommt, in denen ein Stürmer helfen kann, muss aber eher die Statik im Spiel insgesamt auf den Prüfstand. Dortmund hat nun mal keinen Angreifer, den man mit langen Bällen aus der Abwehr füttern kann, um die Pressinglinien des Gegners kurzerhand zu überspielen. Das darf als Versäumnis in der Kaderplanung gelten. fussball.news legte den Finger bereits im Februar in diese Wunde und forderte die Verantwortlichen auf, einen klassischeren Mittelstürmer-Typus zu verpflichten. Der hätte in Mailand und auf Schalke wenigstens theoretisch die Chance gehabt, einen Unterschied zu machen. Dass das Spiel des BVB jedoch an deutlich mehr erkrankt ist als der Abstinenz eines Neuners, wird mit jedem Auftritt deutlicher.

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