Bundesliga

So scheinheilig ist das Salihamidzic-Bashing

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Hasan Salihamidzic ist seit Ende Juli Sportchef des FC Bayern. Von Beginn an wird er von zahlreichen Berichterstattern sehr kritisch gesehen und teilweise persönlich diffamiert.

Am Montag veröffentlichte der kicker einen Leitartikel über Salihamidzic. Der Grundtenor: Der „AZUBI“ (=Auszubildender) muss quasi noch alle Facetten des Job kennenlernen. Dabei wirken einige Passagen sehr konstruiert. Beispielsweise wird sich darüber negativ ausgelassen, wie sich Salihamidzic kleidet und stylt: „Jung-Manager-Einheitslook“. Es soll ein Gesamtbild gezeichnet werden, dass Salihamidzic in ein schlechtes Licht rückt. Auch wird mehrfach erwähnt, dass Salihamidzic bei öffentlichen Auftritten auf dem Podium dabei sei, aber kaum etwas zu sagen habe. Dabei gehört zur Wahrheit, dass etwa bei der Präsentation von Trainer Jupp Heynckes in der Allianz Arena die Journalisten ungewohnt lange Zeit Fragen stellen durften, aber eben kein Berichterstatter dem Sportchef eine Frage stellen wollte. Folglich konnte Salihamidzic auch keine Antwort geben und eine hohe Redezeit erreichen. Auch urteilte der kicker, Salihamidzic würde rhetorisch sehr schwach sein und gebe in der Regel Floskeln von sich. Auch dieses Urteil wirkt ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Salihamidzic hat bereits sehr lange und ausführliche Statements von sich gegeben – und als er die Entlassung von Trainer Carlo Ancelotti rund 30 Minuten vor der Presse rechtfertigen musste, gab der 40-Jährige sehr wohl einige Interna preis.

Kannte Salihamidzic Lemar nicht?

Der kicker kritisierte auch, Salihamidzic habe im Sommer in Sachen mögliche Transfers zunächst Monaco-Star Thomas Lemar nicht gekannt und erklärt, er würde es per Youtube-Video nachholen. Auch hier fehlt, wenn diese Behauptung überhaupt stimmt, die Einordnung: Es kommt gelegentlich vor, dass Manager und Trainer in der Bundesliga einige gute Spieler in Europas Fußballwelt nicht gleich kennen. Weiter im Bericht heißt es: Salihamidzic habe intern zwar einige harte Regeln in Sachen Disziplin durchgesetzt, er sei aber dabei inkonsequent gewesen, weil er zum Beispiel Franck Ribery an einem freien Tag dann doch einen Ausflug ins Ausland erlaubte hatte, obwohl derlei Ausflüge verboten sind. Auch die Mannschaft habe angeblich diese Inkonsequenz bereits negativ quittiert. Selbst dass Salihamidzic zu seiner Amtseinführung ein Lied vor der Mannschaft gesungen hat, erhält eine negative Anmerkung: „Auch Salihamidzics Gesangssolo, zum Einstand auf dem Essenstisch vor versammelter Truppe dargebracht, wurde eher belächelt – wie im Internet zu sehen ist -, kann aber auch als Teambuildingmaßnahme geschönt werden.“ Will man den Tenor des Berichts zugespitzt zusammenfassen, lautet das Ergebnis: Salihamidzic hat es fachlich nicht drauf, ist inkonsequent und kennt nicht mal die besten Fußballer in Europa. Er kleidet sich schlecht, sein sprachliches Ausdrucksvermögen ist begrenzt – und eigentlich kann er nicht mal singen. Der kicker ist dabei nicht das erste Medium, dass Salihamidzic teilweise unsachlich und oberflächlich abkanzelt.

Breyer wägt in seinem Urteil ab

Aufgabe von Berichterstattern ist es jedoch, ein ausgewogenes Bild zu zeichnen und Gesamtzusammenhänge einzuordnen. Der ZDF-Reporter Jochen Breyer bashte im Sportbuzzer Salihamidzic als „zaghaft, zögerlich, ängstlich“ – andererseits hielt er ihm zumindest auch einige Faktoren zugute. Salihamidzic wolle in turbulenten Zeiten auf Sicherheit spielen, sprich vorsichtig agieren, auch weil die Bayern-Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge nicht immer einer Meinung seien. Allgemein wird Salihamidzic auch dafür kritisiert, dass er ohne Vorerfahrung an den Job gelangt ist. Das ist zwar Fakt – aber im Profi-Fußball ein üblicher Vorgang. Es gibt reihenweise Beispiele, wie Profi-Klubs einen erfahrenen Ex-Spieler als Sportchef ins kalte Wasser geworfen haben. Selten wurde ein Manager bereits nach zwei Monaten so angegangen wie Salihamidzic. Michael Zorc von Borussia Dortmund musste sich in seinen Anfangsjahren mehrfach von Leitmedien sinngemäß anhören, dass er unfähig sei, einen Top-Klub zu führen. 2011 und 2012 wurde Borussia Dortmund Deutscher Meister, auch weil Zorc im Verbund mit Klubchef Hans-Joachim Watzke und Präsident Reinhard Rauball die richtigen Entscheidungen getroffen hatte. Auch Horst Heldt wurde einst schnell vom Ex-Profi zum Manager umfunktioniert – kurze Zeit später holte der VfB Stuttgart die Deutsche Meisterschaft (2007).

Es gab immer Manager-Novizen

Salihamidzic weist Schwächen auf, aber er ist noch lange nicht zum Scheitern verurteilt. In der Bayern-Historie hat es einige Manager/Sportchef-Novizen gegeben, die sich in das Amt eingearbeitet haben. Uli Hoeneß, Christian Nerlinger – selbst Matthias Sammer waren erstmalig im Job. Auch wird kaum erwähnt, was Salihamidzic gut macht. Er vermeidet nämlich einige Anfängerfehler. Bereits zu Beginn wurde von ihm öffentlich erwartet, die Mannschaft für schwache Leistungen zu kritisieren. Hätte er dies getan, wäre sein Standing in der Mannschaft gesunken – und es hätte ohnehin keine Wirkung gehabt, da nicht Salihamidzic die strukturellen Probleme in der Mannschaft geschaffen hat. So wäre im Anschluss wohl geurteilt worden: „Brazzo“ ist gescheitert. Dieser Medien-Falle ist er entgangen. Salihamidzic gibt sich öffentlich sehr diplomatisch und hat noch keine Person angegriffen – weder Spieler, Funktionäre noch Medien. Dabei ist er mehrfach provoziert worden. Es zeigt, dass der Bosnier seine Worte sehr wohl im Griff hat und überlegt, was er sagt. Salihamidzic hat für RTL und das ZDF gearbeitet, dort erhielt er ein Medien-Coaching und weiß in etwa, wie der Medien-Betrieb vonstatten geht. Auch unter den Tisch fallen gelassen wird, dass Salihamidzic in den vergangenen Jahren als Unternehmer nebenbei tätig war. Wirtschaftliche Zusammenhänge sind ihm demnach nicht ganz fremd. Ob ein Manager in der Bundesliga Erfolg hat, lässt sich ohnehin selten von seinem Ausbildungsgrad, seiner Rhetorik oder seinem Aussehen ableiten – schon gar nicht nach zwei Monaten, weshalb Salihamidzic eine ausgewogenere Berichterstattung verdient hätte. Zum Vergleich: In Politik und Wirtschaft werden den Führungspersonen in der Regel 100 Tage zur Eingewöhnung Zeit gegeben. Erst danach wird ein erstes kritisches, fundiertes Urteil gefällt.

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