Bundesliga

Torwart-Rotation: Nagelsmann ist Kovac einen Schritt voraus

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Von den fussball.news-Reportern Christopher Michel (Frankfurt) und Daniel Michel (München)

Julian Nagelsmann hat am Dienstag gegen Hannover 96 für eine Überraschung gesorgt. Der Trainer der TSG Hoffenheim ließ Torhüter Oliver Baumann draußen und setzte auf Ersatzmann Gregor Kobel. Nicht etwa, um ihn zu motivieren – sondern aus Gründen der Belastungssteuerung! Ein völlig neuer, in dieser Form nicht gekannter Ansatz. Doch auch bei den Topteams in Europa war in der Vergangenheit eine Rotation auf der Position des Schlussmannes nicht unüblich.

FC-Bayern-Trainer Niko Kovac wirkte überrascht, als er auf der Pressekonferenz nach der Partie zwischen dem FC Bayern München und dem FC Augsburg (1:1) von fussball.news gefragt wurde, ob nicht auch bei Torhüter Manuel Neuer eine Rotation nötig sei. „Ich weiß nicht, warum bei den Torhütern rotiert werden muss“, antwortete der Kroate. Torhüter seien weniger läuferisch gefordert, sondern müssten vor allem konzentriert bleiben. „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass man hier so gut wie gar nicht wechselt, außer wenn jemand verletzt ist oder schwierige Zeiten hinter sich hat“, so Kovac weiter.

Nagelsmann bricht ein „Tabu“

Der Torhüter als unantastbare Instanz? Es war demnach Julian Nagelsmann, der hier nun mit einem „Tabu“ gebrochen hat. Baumann wurde in Hoffenheim „aus Gründen der Belastungssteuerung“ komplett aus dem Kader gestrichen. In der Tat sind es nicht die reinen Laufleistungen, die bei den Keepern als Hauptgrund angeführt werden müssen. Seit einigen Jahren hat sich das Spiel auf dieser Position aber komplett geändert. Die Torhüter haben quasi die Aufgaben des früheren Liberos übernommen, sie sind hinter den häufig sehr hoch verteidigenden Abwehrketten noch stärker als Fußballer gefordert und in das Abwehr- und Aufbauspiel involviert. Bälle halten und Flanken abfangen? Das alleine genügt nicht mehr höchsten Ansprüchen. Die physische Belastung für die Keeper ist somit auch ohne signifikanten Anstieg der Laufleistung deutlich komplexer geworden.

Vorbild Real und Barcelona

Dabei scheint in Deutschland eine Entwicklung im europäischen Spitzen-Fußball verpasst worden zu sein. Zwei große Mannschaften Europas sind in den Jahren 2014 und 2015 mit Rotation auf dem Torhüterposten Champions-League-Sieger geworden! Das Motiv lautete jedoch nicht „Belastungssteuerung“ – sondern Qualität. Real Madrid ließ Diego Lopez in der spanischen Liga und Iker Casillas in der Königsklasse, ein Jahr später der FC Barcelona Claudio Bravo im nationalen und Marc-Andre ter Stegen im internationalen Wettbewerb auflaufen. Die Folge waren motivierte Torhüter, die starke Leistungen abriefen, wenn sie gebraucht wurden. Vor allem: Sie wussten, dass sie zu Einsätzen kommen, auch wenn der Konkurrent topfit und in Bestform agiert. Zudem setzen auch in der aktuellen Spielzeit internationale Top-Klubs in gewissem Maß auf die Torwart-Rotation (u.a. FC Liverpool und Paris Saint-Germain).

Kovac baut vollständig auf Neuer

Beim FC Bayern sitzt dagegen hinter Manuel Neuer mit Sven Ulreich einer der stärksten Torhüter der Vorsaison ausnahmslos auf der Ersatzbank. Ulreich vertrat den Weltmeister in dessen verletzungsbedingter Abwesenheit 2017/18 tadellos, einzig sein schwerer Patzer gegen Real im Halbfinale der Champions League (1:2/2:2) führte zu heftigen Diskussionen. „Im Moment besteht aber kein Anlass, ihn zu bringen. Manuel Neuer ist gesund, hatte eine lange Pause“, erklärte Kovac. Nach fussball.news-Informationen sind allerdings am Fitnesszustand von Manuel Neuer – er hat drei schwere Fußverletzungen hinter sich – Zweifel angebracht. Es gibt Experten in München, die hinter vorgehaltener Hand es für nicht unwahrscheinlich halten, dass Neuer (legale) Schmerzmittel wie etwa den Arzneistoff Diclofenac einnimmt, um beschwerdefrei spielen zu können.

Ulreich muss warten

Gegen den FC Augsburg wirkte Neuers Auftritt jedenfalls phasenweise seltsam lethargisch, neben Unsicherheiten beim Spielaufbau patzte er gravierend beim Treffer von Felix Götze (1:1). Mit Sven Ulreich hätte Kovac einen zweiten Mann, der Neuer adäquat ersetzen und so motiviert bleiben könnte. Bislang schließt es Kovac aber aus, die Schlussmänner in sein ansonsten viel gepriesenes Rotationssystem einzubinden – weder aus Gründen der „Belastungssteuerung“, noch aus qualitativen. Die Abendzeitung bezeichnete deshalb Ersatzkeeper Ulreich nach dem 1:1 gegen Augsburg als den wahren „Verlierer dieses Unentschiedens“.

 

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