Bundesliga

Nach zwei Dritteln der Saison: Drei Erkenntnisse für den FC Bayern

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Die Coronakrise hat den Fußball aktuell im Griff. Der Ball ruht und aus sportlicher Perspektive gibt es wenig zu berichten. Umso mehr lohnt aber ein Blick auf den bisherigen Saisonverlauf. Für den FC Bayern München gibt es schon nach zwei Saisondritteln wichtige Erkenntnisse für zukünftige Spielzeiten – drei davon analysiert Miasanrot-Autor und Fußballbuch-Bestseller („Generation Lahmsteiger“) Justin Kraft in einem Gastbeitrag für fussball.news.

Durch die Coronakrise hat sich die Berichterstattung rund um den Fußball jetzt schon in den Sommerpause-Modus begeben. Weil keine Spiele mehr stattfinden, müssen sich viele Redaktionen auf Gerüchte und Ereignisse neben dem Platz fokussieren oder anderweitig kreativ werden. Dabei lohnt es sich, einen Blick auf die ersten beiden Drittel der aktuellen Saison zu werfen.

Gerade beim FC Bayern München glich der Saisonverlauf einer Achterbahnfahrt. Auf einen ordentlichen Saisonstart unter Ex-Trainer Niko Kovač folgte eine neuerliche Herbstkrise, die den Wechsel auf der Trainerbank erforderte. Mit Hansi Flick ging es dann im Prinzip bergauf, allerdings auch nicht komplett ohne Probleme. Selbst wenn sich die DFL irgendwann dazu entscheiden müsste, die Ergebnisse der aktuellen Saison zu annullieren, so gibt es für den Rekordmeister trotzdem wichtige Erkenntnisse für kommende Spielzeiten.

1. Aktion statt Reaktion

Zuletzt waren die Bayern auf der Suche nach einer fußballerischen Identität. Kovač, aber auch seine Vorgänger Carlo Ancelotti (2016 – 2017) und Jupp Heynckes (ab Herbst 2017) taten sich schwer, das ganze Potenzial des Kaders auszuschöpfen. Insbesondere die Zeit unter Kovač war es aber, die dem Klub aufzeigte, wohin die Entwicklung auf dem Platz nicht gehen sollte: abwartender Konterfußball.

Dafür gibt es gleich zwei gute Argumente: Erstens ist der Kader auf einen solchen Stil nicht ausgelegt. Spielertypen wie Thiago, Joshua Kimmich, David Alaba, Robert Lewandowski, Thomas Müller und auch Torwart Manuel Neuer, die mindestens noch für zwei oder drei Jahre die Achse der Mannschaft bilden sollen, sind am stärksten, wenn sich nicht auf den Gegner reagieren müssen, sondern selbst agieren können.

Zweitens ist es aber auch die Rolle des Klubs in der Bundesliga, die einen kontrollierten Ballbesitzansatz zwingend erfordert. In mindestens 80 Prozent aller Partien überlässt der Gegner den Münchnern den Ball. Dementsprechend braucht es Lösungen, um kompakte Defensivreihen zu knacken. Kovač scheiterte vor allem daran, dass er in diesen Alltagssituationen zu sehr auf die Klasse seiner Einzelspieler angewiesen war und keinen sichtbaren Plan fürs Kollektiv vermitteln konnte. Hansi Flick hingegen scheint das nun geschafft zu haben, wenngleich abzuwarten bleibt, wie gut seine Ideen auf Augenhöhe mit den besten Klubs Europas funktionieren.

2. Mit Flick in die Zukunft

Die zweite Erkenntnis für die Bayern sollte dennoch sein, dass Flick auch zukünftig als Cheftrainer an der Seitenlinie steht. Thomas Tuchel, Erik ten Hag, Mauricio Pochettino – die Liste an Trainern, die ab Sommer auf der Trainerbank des FCB sitzen könnten, ist lang und namhaft. Doch Flick hat sich bisher nicht nur als würdige Alternative, sondern vielleicht sogar als die beste aller Lösungen bewiesen. Strategisch hat er den Bayern wieder einen offensiven Stil beigebracht, aus taktischer Perspektive hat er gezeigt, dass er sein Team gut einstellen kann. In Zukunft wird man lediglich beobachten müssen, ob Flick auch während eines Spiels gegensteuern kann, wenn die Bayern wie in Gladbach nach rund 60 Minuten und Umstellung des Gegners die Kontrolle verlieren. Darüber hinaus war die Konterabsicherung zuletzt immer wieder ein kritisches Thema, obwohl in den letzten Wochen vor der Saisonunterbrechung Fortschritte zu erkennen waren.

Das größte Argument für Flick ist aber, dass der 55-Jährige seine Spieler im Griff zu haben scheint. Corentin Tolisso oder Philippe Coutinho etwa hätten längst allen Grund dazu gehabt, sich über ihre Einsatzzeiten zu beschweren. Stattdessen arbeiteten sie aber hart daran, sich selbst in Position zu bringen und blieben ruhig. Flick belohnte dies in den richtigen Augenblicken mit Einsätzen. Die Stimmung innerhalb des Kaders war und ist gut. Sie bildet die Grundlage für zukünftige Erfolge. Flick wird an seinen Aufgaben wachsen müssen, will er eine Ära prägen. Doch seine ersten Schritte als Cheftrainer der Bayern waren so vielversprechend, dass eine Verlängerung seines Engagements nach der Coronakrise keine Frage mehr sein sollte.

3. Die Kaderpolitik

Damit Flick möglichst erfolgreich sein kann, wird er aber auch die Unterstützung des Klubs brauchen. Als die Bayern im Winter auf dem Zahnfleisch gingen, hatten sie oft nur zwölf oder gar elf Profis zur Verfügung. Von Woche zu Woche war es für das Publikum greifbarer, wie platt die Spieler waren. Dass Sportchef Hasan Salihamidžić ihm nicht mehr Optionen an die Hand geben konnte, hat mehrere Ursachen. Zwei davon: Einerseits die schon damals vorhandene Unsicherheit, ob man mit Niko Kovač die Saison beenden würde und auf der anderen Seite der geplatzte Transfer von Leroy Sané mit all seinen Zusammenhängen.

Trotzdem zeigte die bisherige Spielzeit, dass der Kader numerisch, aber auch in seiner Ausgewogenheit nicht den Ansprüchen des FC Bayern genügt. Flick sprach bereits davon, dass er jede Position gern mindestens doppelt besetzt hätte. Der regelmäßige Austausch mit dem Trainer und die Prüfung der vorhandenen Spieler hinsichtlich der von Flick vorgegebenen Philosophie sind nun entscheidend. Braucht es im Mittelfeld nicht eigentlich viel mehr Spielertypen wie Thiago, die nicht nur mit ihrer Physis, sondern auch mit ihren strategischen Fähigkeiten am Ball glänzen können? Ist es im Gegenzug wirklich notwendig mit Tolisso und Leon Goretzka zwei sehr ähnliche Spielertypen zu haben, die genau das nicht können?

Diese und einige Fragen mehr werden sich Klub und Trainer gemeinsam stellen müssen. Und deshalb hat Flick auch recht, wenn er Mitspracherecht bei Transfers fordert. Es bleibt beim deutschen Rekordmeister in jedem Fall auch dann spannend, wenn der Ball nicht rollt. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge kündigte bereits an, dass Transfers erstmal auf Eis gelegt werden. Doch auch die Verlängerungen von wichtigen Eckpfeilern des Kaders stehen auf dem Programm. Die Coronakrise macht es den Verantwortlichen nicht unbedingt einfacher. Wenn sie aber die richtigen Erkenntnisse aus der nun unterbrochenen Saison ziehen und trotz der komplizierten Lage geschickt handeln, könnten sie sportlich stärker aus ihr hervorgehen.
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About Justin Kraft

Justin Kraft zählt zu den Autoren des FC-Bayern-Blogs Miasanrot. Zudem veröffentlicht Kraft regelmäßig Bücher über seinen Lieblingsverein. Zuletzt verzeichnete er einen großen Erfolg mit "Generation Lahmsteiger" (Copress Verlag).

2 Comments

  1. Pingback: Round-Up: An ein Weiter ist nicht zu denken – Miasanrot.de

  2. Grullit

    02.04.2020 at 08:26

    tja man hat im winter haaland und olmo verschlafen… beide braechten den kader weiter

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