Bundesliga

Klinsmann-Chaos: Sind ehemalige Stürmer die schlechteren Trainer?

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Individualisten, die sich nicht für Taktik, sondern nur für den eigenen Torerfolg interessieren: Stürmer der vorherigen Spielergeneration tun sich als Trainer oft deutlich schwerer als ihre Kollegen aus Mittelfeld und Abwehr.

Es war das ganz große Ding: Hertha BSC sollte mit Investoren-Millionen und Trainer Jürgen Klinsmann endlich raus aus dem Graue-Maus-Status der Liga. Big-City-Club. Champions League. Meisterschaft. Am Ende blieb nur Kopfschütteln. Hertha rutschte in den Abstiegskampf zurück, Klinsmann ramponierte mit seinem plötzlichen Abgang und heftigem Nachtreten neben dem Ruf von Hertha gleich seinen eigenen.

Top 5 der Bundesliga ohne ehemaligen Stürmer als Coach

Der Fall Klinsmann ist einzigartig. Dennoch stellt sich die Frage: Sind ehemalige Stürmer insgesamt die schlechteren Trainer? Unter den Coaches der Top-5-Teams der Bundesliga findet sich kein einziger, der einst als Stürmer spielte. Hans-Dieter Flick (FC Bayern) stabilisierte in den 1980er Jahren als defensiver Mittelfeldspieler das Team der Münchner. Lucien Favre (Borussia Dortmund) spielte früher im Mittelfeld, Julian Nagelsmann (RB Leipzig) war Innenverteidiger, Marco Rose (Borussia Mönchengladbach) linker Verteidiger und Peter Bosz (Bayer Leverkusen) Mittelfeldspieler.

Der ehemalige Stürmer als „Einzeltäter“

Gerade jene Spielergenerationen, die aus den 1980er und 1990er Jahren stammen, waren als Stürmer oft „Einzeltäter“. Große Stürmer wie Filippo Inzaghi, Eric Cantona oder eben auch Klinsmann galten als „Diven“, die sich gerne vorne groß in Szene setzten und hinten die Drecksarbeit anderen überließen. Nur der eigene Torerfolg zählte, was dahinter an taktischen Spielzügen notwendig war, interessierte wenig.

Spielaufbau damals in erster Linie von Abwehr- und Mittelfeldspielern

Dies war dabei nicht nur der charakterlichen Beschaffenheit mancher Stürmer geschuldet, sondern auch der generellen Taktik. Das Spiel war weniger dynamisch und mehr positionsbezogen. Der Stürmer stand vorne, der Abwerhspieler hinten. Dynamisches Gegenpressen, der Stürmer als vorderster Abwehrspieler und der Verteidiger als letzter Stürmer – diese Vorstellung gab es damals noch nicht. Den Aufbau des Spiels in seiner ganzen Bandbreite gestaltete deshalb noch in den früheren Nullerjahren in erster Linie Abwehr- und Mittelfeldspieler. Erlebtes taktisches Verständnis, das möglicherweise manchem ehemaligen Stürmer nun als Coach abgeht.

About Christoph Kastenbauer

Christoph Kastenbauer startete seine Karriere beim Münchner Merkur als Zeitungsredakteur. In vielen Bereichen tätig, u.a. als Autor und Copywriter, verschlug es ihn dann wieder zurück zum Sportjournalismus. Seit 2020 verstärkt er die Redaktion von fussball.news.

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