Bundesliga

Hertha BSC: Die Chronik einer verrückten Saison

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Kein Bundesliga-Verein hat in der abgelaufenen Saison so zu unterhalten gewusst wie Hertha BSC. Vier Cheftrainer, die Posse rund um Jürgen Klinsmann, der skandalöse Livestream von Salomon Kalou – der Hauptstadtklub hat für schier unzählige Schlagzeilen gesorgt. fussball.news ruft noch einmal die denkwürdigsten Momente ins Gedächtnis.

„Wir haben gefühlt nichts ausgelassen“, sagte Herthas Geschäftsführer Michael Preetz in den vergangenen Wochen, wenn er auf die Saison 2019/20 der „alten Dame“ angesprochen wurde. Der neureiche Berliner Verein ist nach dem Einstieg von Investor Lars Windhorst nicht – wie gewollt – auf, sondern neben dem Fußballplatz zur Hauptattraktion der Bundesliga geworden. Zeit, die turbulente Saison der Berliner noch einmal zu rekapitulieren.

16. April 2019 – Die Trennung von Pal Dardai

Nach viereinhalb gemeinsamen Jahren hat Hertha BSC Mitte April verkündet, nicht mit Pal Dardai sondern mit einem neuen Cheftrainer in die kommende Saison zu gehen. Die Vereinsführung hat sich hiervon einen „neuen Impuls“ für den zuletzt etwas stagnierenden Hauptstadtklub versprochen. Vereinsikone Dardai hat sich einsichtig gezeigt und bei sich von leeren Batterien gesprochen, die erst einmal wieder aufgeladen werden müssten. Es sollte Schluss mit Platzierungen im schnöden Tabellenmittelfeld sein, stattdessen wurde der Angriff auf die europäischen Ränge anvisiert.

12. Mai 2019 – Covic übernimmt

Nach rund einem Monat, in welchem viele Gerüchte um die Dardai-Nachfolge durch Medien gegeistert sind, hat Hertha für Klarheit gesorgt: Der bisherige U23-Trainer Ante Covic ist das Erbe angetreten. „Ante besitzt unbestrittene fachliche Kompetenz und verkörpert große Hertha-Leidenschaft. Wir sind uns sicher, dass er mit seinem Feuer und seiner Begeisterung auch die Mannschaft anstecken wird“, so Preetz‘ Einschätzung damals. Für Ur-Berliner- und Herthaner Covic ist damit „ein Kindheitstraum in Erfüllung“ gegangen. Von Covic wurde sich vor allem attraktiverer und taktisch variablerer Fußball versprochen.

27. Juni 2019 – Der Einstieg Windhorsts

In der Vorbereitung auf die neue Spielzeit hat Hertha die strategische Partnerschaft mit Lars Windhorst und seiner Investmentfirma Tennor Holding B.V. verkündet. Demnach hat sich Tennor für 125 Millionen Euro 37,5 Prozent der Hertha-Anteile gesichert. „Die Hertha kann wie andere Klubs in London oder Madrid zu einem echten ‚Big City Club‘ werden“, begründete Windhorst sein Investment im Juni. Dr. Torsten-Jörn Klein, Aufsichtsratsvorsitzender von Hertha BSC, sprach sogar von einem „Meilenstein für die Zukunft von Hertha BSC“. Das Geld soll zu durchaus großen Teilen in die Mannschaft investiert werden und somit ermöglichen, in den kommenden Jahren deutlich näher an die Ligaspitze heranzurücken.

30. Oktober 2019 – Pokal-Krimi gegen Dresden

Hertha hat in der abgelaufenen Saison auch in Bezug auf das Sportliche nicht allzu viele positive Schlagzeilen geschrieben. Nach neun Spieltagen haben die Berliner bereits vier Niederlagen zu verzeichnen gehabt und nur Platz zehn belegt. Die Zweifel an Covic werden lauter. Einer der wenigen denkwürdigen Auftritte unter dem 44-Jährigen hat sich jedoch Ende Oktober ereignet: In einem großen Pokalfight setzt sich die „alte Dame“ gegen Zweitligist Dynamo Dresden durch. Sechs Tore nach 120 Minuten, ein Last-Minute-Ausgleichstreffer, Elfmeterschießen – eine Partie, die ihrem Publikum alles geboten hat und in Erinnerung bleiben wird.

8. November 2019 – Klinsmann zu Hertha

In einer sportlich angespannten Situation ist für Ablenkung gesorgt gewesen: Investor Windhorst stehen nach einer Aufstockung der Anteile auf 49,9 Prozent insgesamt vier Sitze im neunköpfigen Aufsichtsrat der Hertha BSC KGaA zu – einen davon besetzt er prominent mit Jürgen Klinsmann, welcher überaus motiviert wirkte: „Ich freue mich, ab sofort Teil des spannendsten Fußball-Projektes in Europa zu sein.“ Klinsmann hat die Aufgabe gehabt, mit seinem großen Erfahrungsschatz und disruptiven Methoden für neue Ansätze im Verein zu sorgen und eine weitere sportliche Kompetenz darzustellen.

27. November 2019 – Covic geht, Klinsmann übernimmt

Nach einer Niederlagenserie von vier Spielen, der enttäuschenden Derbypleite gegen Union Berlin (0:1) und einem katastrophalen Auftritt gegen den FC Augsburg (0:4) hat sich Hertha BSC Ende November dazu gezwungen gesehen, Trainer Covic zu beurlauben. Der Nachfolger ist aus den eigenen Reihen gekommen –  Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann übernahm und stellte sogleich klar: „Es ist keine einfache Aufgabe. Aber wenn ich so was übernehme, mache ich das nicht halb, sondern hundertprozentig.“ Der Auftrag: Den mittlerweile auf Rang 15 abgerutschten Hauptstadtverein bis Saisonende übernehmen und zum Klassenerhalt führen. Dafür hat Klinsmann sogleich ein ganzes Team installiert, u.a. mit Alexander Nouri als Co-Trainer, Andreas Köpke als Torwarttrainer und Arne Friedrich als „Performance Manager“.

31. Januar 2020 – Der Rekord-Winter

Nachdem Klinsmann und sein Team den strauchelnden Bundesligisten mit acht Punkten aus fünf Spielen zumindest tabellarisch wieder stabilisiert haben, ist in der Winterpause auf dem Transfermarkt zugeschlagen worden, um Hertha in der Rückrunde und darüber hinaus weiter nach vorne zu bringen. Am Ende der Transferperiode hat Hertha 76 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben – so viel wie kein anderer Verein auf der Welt. Gekommen sind: Santiago Ascacibar (10 Millionen Euro), Lucas Tousart (25 Millionen, Saison 2020/21), Krzysztof Piatek (24 Millionen) und Matheus Cunha (18 Millionen). „Was wir gemacht haben, macht alles Sinn, hat Hand und Fuß und ist alles auf dem Boden, auch wenn es Summen sind, die größer als das sind, was wir bislang bewegt haben“, stellte Klinsmann klar.

11. Februar 2020 – Klinsmann verkündet Aus per Facebook

Ein paar Tage nach der 1:3-Niederlage gegen Mainz 05 wurde ein Erdbeben in Berlin vernommen – Epizentrum: die Hertha-Geschäftsstelle. Klinsmann hat an jenem Dienstagmorgen – ohne Absprache mit den Verantwortlichen – sein Aus als Hertha-Trainer auf seiner Facebook-Seite verkündet. „Als Cheftrainer benötige ich (…) für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf das Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden“, so Klinsmanns Erklärung. Für den Verein ein riesiger Schock, Manager Preetz erklärte: „Wir sind von dieser Entwicklung am Morgen überrascht worden. Insbesondere nach der vertrauensvollen Zusammenarbeit hinsichtlich der Personalentscheidungen in der für Hertha BSC intensiven Wintertransferperiode gab es dafür keinerlei Anzeichen.“

12. Februar 2020 – Klinsmann erklärt sich via Facebook-Live

Einen Tag nach seinem verkündeten Aus hat Klinsmann seine Erklärung zum Sachverhalt auf Facebook gestreamt. „Die Art und Weise ist natürlich fragwürdig und kritikfähig. Immer wenn man eine negative Botschaft hat, dann wird sie nie gut rüberkommen. Wenn das der Fall war, dann möchte ich mich dafür entschuldigen“, erklärte der 55-Jährige. Wie aus Medienberichten hervorgegangen ist, hat Klinsmann bereits im Wintertrainingslager gefordert, seinen Vertrag als Cheftrainer über den Sommer hinaus verlängert zu bekommen – zuzüglich eines deutlich höheren Gehalts und größeren Kompetenzbereichs. Die Berliner Verantwortlichen haben Klinsmanns Vorstellungen allerdings abgelehnt, sodass dieser nach ein paar Wochen des Verdauens seinen plötzlichen Rücktritt beschlossen hat. „Es ging um Kompetenzaufteilung – und diese Kompetenzaufteilung haben wir nicht hinbekommen. Das betrifft in erster Linie natürlich mich und Michael Preetz.“

13. Februar 2020 – Pressekonferenz mit Windhorst

Wiederum einen Tag später ist die Antwort von Hertha gefolgt und die hat es in sich gehabt. Geschäftsführer Preetz, Präsident Werner Gegenbauer und Investor Windhorst sind geschlossen aufgetreten und haben eine deutliche Haltung zu dem Verhalten des Ex-Trainers demonstriert. „Es ist nicht akzeptabel. Das kann man als Jugendlicher vielleicht machen, aber im Geschäftsleben, wo man unter Erwachsenen ernsthafte Vereinbarungen hat, sollte so etwas nicht passieren“, zeigte sich Windhorst enttäuscht. Gegenbauer stellte klar: „Jürgen Klinsmann hat nicht nur Hertha BSC, sondern auch das gemeinsame Projekt verlassen.“ Die Verantwortlichen haben klargestellt, dass Klinsmann nach seiner Nacht-und-Nebel-Aktion nicht mehr in seine ursprüngliche Funktion als Aufsichtsratsmitglied zurückkehren wird – die Zusammenarbeit ist offiziell beendet.

26. Februar 2020 – Veröffentlichung der Klinsmann-Tagebücher

Als die Posse um Klinsmann Rücktritt allmählich begraben zu sein schien, ist die nächste mediale Bombe explodiert. Bild hat die Mitschriften zu Klinsmanns Hertha-Zeit veröffentlicht, in welcher der ehemalige Nationaltrainer mit den Verantwortlichen abgerechnet hat. „Der Klub hat keine Leistungskultur, nur Besitzstandsdenken und es fehlt jegliches Charisma in der Geschäftsleitung“, welche „sofort komplett ausgetauscht“ werden müsse. „Es gibt eine Lügenkultur, die auch das Vertrauensverhältnis der Spieler mit Preetz zerstört hat.“ Zudem ist von „jahrelangen katastrophalen Versäumnissen von Michael Preetz in allen Bereichen, die mit Leistungssport zusammenhängen“ die Rede. In den Notizen werden zahlreiche handelnde Personen, unter anderem die medizinische Abteilung, des Verein scharf kritisiert. Zudem soll Ralf Rangnick von Klinsmann installiert werden, der jedoch angeblich nicht mit Preetz zusammenarbeiten will. Auch eine Bewertung jedes Profi-Spielers ist enthalten, so unterstellt er mehreren Spielern, keinen „Mehrwert“ für den Verein mehr zu haben.

4. April 2020 – Kalous Facebook-Stream

Nachdem der Verein den Klinsmann-Skandal abmoderiert hat, herrscht – auch aufgrund der Corona-bedingten Spielpause – zunächst einmal Ruhe. Bei dem nächsten Skandal ist einmal mehr Facebook der Handlungsort: An jenem Montagmittag hat Hertha-Spieler Salomon Kalou mit einem Live-Stream für große Unruhe gesorgt. Das 25-minütige Video zeigt den Ivorer in den Spielerräumlichkeiten des Vereinsgeländes, vielmehr aber inwieweit die auferlegten Hygienevorschriften ignoriert werden. Es ist für die gesamte Öffentlichkeit sichtbar, wie sich Hertha-Spieler -und Betreuer die Hand geben, keinen Mindestabstand halten und auch die Corona-Testungen mangelhaft durchgeführt werden – in einer Zeit, in der Fußballdeutschland noch über die DFL-Konzepte zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs diskutiert hat. Kalou wird aufgrund des unbefugten Aufnehmens vom laufenden Betrieb auf dem Vereinsgelände und seinen Teamkollegen suspendiert.

9. April 2020 – Labbadia folgt auf Nouri

Hertha hat die Corona-Pause genutzt, um sich auf der Trainerposition das dritte Mal in der Saison zu verändern: Alexander Nouri, der die Mannschaft nach dem Klinsmann-Aus interimsweise für vier Spiele übernommen hat, muss für Bruno Labbadia weichen. „Durch die aktuelle Situation bezüglich des Coronavirus und die Unterbrechung der Saison erleben wir gerade eine Art vorgezogenen Sommerpause. Wir haben uns dazu entschlossen, diese Chance, die Mannschaft in den nächsten Wochen auf eine mögliche Fortführung der Saison vorbereiten zu können, zu nutzen und unsere Entscheidung auf der Trainerposition vorzuziehen“, erklärte Preetz.

10. Mai 2020 – Lehmann als Klinsmann-Nachfolger

Der frühere Fußball-Nationaltorhüter Jens Lehmann tritt beim Bundesligisten Hertha BSC als Aufsichtsratsmitglied in die Fußstapfen von Jürgen Klinsmann. Lehmann übernimmt auf Wunsch von Investor Lars Windhorst Klinsmanns Sitz beim Hauptstadtklub. Auch Marc Kosicke, Berater der Trainer Jürgen Klopp und Julian Nagelsmann, rückt ins Kontrollgremium. Lehmann soll entsprechend vorrangig für sportliche Fragen zuständig sein, Kosicke sich um die strategische Ausrichtung des Vereins kümmern.

16. Mai 2020 – Hertha-Jubel in der Kritik

Vergangene Woche hat Salomon Kalou mit einem Skandalvideo den Anfang gemacht, in dem sich der Linksaußen dabei filmte, wie er auf dem Berliner Trainingsgelände gleich mehrere Abstands- und Hygieneregeln verletzte. Nun hat das Verhalten des gesamten Teams beim dreimaligen Torjubel bei der TSG 1899 Hoffenheim für Aufsehen gesorgt. Die Empfehlung, beim Jubeln auf allzu engen Körperkontakt zu verzichten, ignorierten die Spieler von Hertha BSC Berlin schlicht. Dieses Verhalten ist von vielen Seiten auf Unverständnis gestoßen. Beim Sport1Doppelpass erklärte der der bayerische Ministerpräsident Markus Söder zum Torjubel der Herthaner: „Ich fand es nicht gut. Der Fußball hat eine Vorbildfunktion. Beim nächsten Spieltag sollten die Herthaner darauf achten.“

20. Mai 2020 – Hertha gewinnt Berlin-Derby

Für Hertha-Fans hat es in der seit dem vergangenen Wochenende beendeten Saison nur wenig Grund zum Jubeln gegeben. Einer der seltenen Anlässe war der Derbysieg gegen Union Berlin – das zweite Spiel unter Neu-Coach Labbadia. Im heimischen Olympiastadion wurde die Begegnung zwar vor leeren Rängen ausgetragen, der klare 4:0-Erfolg über den Stadtrivalen ist dennoch Anlass zum Feiern gewesen. Auch weil die Partie zu den so starken ersten zwei Wochen unter Labbadia gehört hat, die Hertha in vier Spielen zehn Punkte eingebracht und aus dem Abstiegskampf befreit hat. Zwar sind darauf vier Niederlagen in den letzten fünf Saisonspielen gefolgt, am Ende hat Hertha die Saison aber dennoch mit einem zufriedenstellenden zehnten Platz beendet. Eine Platzierung, die nicht zu den neuen Ambitionen des Vereins passt, nach solch einem verrückten Jahr aber wohlwollend aufgenommen werden kann.

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