Nationalmannschaft

Havertz als Ersatzspieler? Warum Löw diese Fehlentscheidung schnell korrigieren muss

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Personalentscheidungen von Joachim Löw sind schon einige Mal weder logisch noch taktisch zu erklären gewesen. Droht nun ein folgenschwerer Fehler?

Seit Herbst 2006 ist Joachim Löw der deutsche Bundestrainer. Er arbeitete äußerst erfolgreich für Deutschland, der WM-Titel 2014 war Belohnung für seine hervorragende Arbeit. Dennoch traf Löw zwischen 2006 und 2019 auch sehr umstrittene Entscheidungen – taktisch wie personell. Taktisch war seine Ausrichtung im verlorenen EM-Halbfinale 2012 gegen Italien ein Tiefpunkt, eine noch sehr präsente personelle Fehlentscheidung war offensichtlich die Ausbootung von Flügelstürmer Leroy Sane für die WM 2018.

„Der Star ist die Mannschaft“

Einst hieß es, im DFB-Team sollten die besten Fußballer Deutschlands stehen. Spätestens in den 1990er-Jahren verstand aber auch die deutsche Öffentlichkeit, dass man für die Team-Hygiene auch mannschaftsdienliche Spieler benötigt, die vielleicht nicht zu den Top 24 in Deutschland zählen, aber dennoch für einen guten Teamspirit sorgen können. Auch, dass mal ein Talent in guter Form zu einem Länderspieldebüt kommt, war durchaus nachvollziehbar. Nun aber steht Joachim Löw vor einer großen personellen Fehlentscheidung, für die es keine nachvollziehbare Begründung gibt. Es geht um Kai Havertz. Löw behandelt den Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen als Talent, als Ergänzungsspieler. Löw möchte ihn behutsam aufbauen. Das ist aber im Falle Havertz der völlig falsche Weg.

Platz zwei der Wahl zum „Fußballer des Jahres“

Havertz wurde von den deutschen Sportjournalisten bei der Wahl zum „Fußballer des Jahres“ auf Platz zwei gewählt. Die größten Klubs in Europa wollen den 20-Jährigen bereits verpflichten, in der kommenden Saison wird er voraussichtlich für über 100 Millionen Euro den Verein wechseln. Havertz ist Chef im Mittelfeld von Bayer Leverkusen, er ist der herausragende Akteur des Klubs, er ist ein Allrounder, kann nahezu alle Aufgaben und Rollen bereits jetzt auf höchstem Niveau ausführen. Er ist ein starker Vorbereiter, er ist selbst Torjäger, er ist bei Standards stark, er ist Instinktfußballer und Führungspersönlichkeit zugleich. Er ist schnell, stark im Zweikampf und kann Aufgaben in Defensive wie Offensive mustergültig erledigen. Was für ein Gesamtpaket! Wann gab es das zuletzt im deutschen Fußball? Nahezu alle Experten prophezeien Havertz eine große Karriere. 1990-Weltmeister Lothar Matthäus sieht in Havertz den künftigen Weltfußballer. Matthäus übrigens debütierte mit 19 Jahren bei der EM 1980 und wurde zehn Jahre später zum Weltfußballer gewählt.

Es fehlt noch internationale Erfahrung

Im Grunde fehlt Havertz nur noch eine größere Erfahrung in internationalen Spielen. In der deutschen Nationalmannschaft hat Havertz erst 112 Spielminuten erhalten, aufgeteilt auf drei Partien. Läuft alles wie geplant, dann wird Havertz Deutschlands bester und bedeutendster Spieler bei der WM 2022 und der Heim-EM 2024 sein. Um dann seiner Führungsposition gerecht zu werden, muss Havertz umgehend auch im Nationalteam gefordert werden.

Wer ist besser als Havertz?

Und die Frage lautet: Warum hält Joachim Löw Spieler wie Toni Kroos, Ilkay Gündogan oder Leon Goretzka im deutschen Mittelfeld für stärker? Das Trio spielte zuletzt gegen Estland in der Startelf gemeinsam mit Joshua Kimmich. Zunächst mal ist keiner der Teamkonkurrenten im Sprint so schnell wie Havertz. Im heutigen Welt-Fußball ist Speed von besonders großer Bedeutung. Kroos steckt bei Real Madrid seit Monaten im Formtief und ist in Defensiv-Zweikämpfen nicht so stark einzuschätzen wie Havertz – und auch bei der Torerzielung besitzt Havertz deutliche Vorteile. Gündogan wiederum erreicht allein wegen seiner Verletzungsanfälligkeit selten konstant Top-Form. Deshalb muss die Frage eigentlich lauten: Wer darf neben Kai Havertz im Mittelfeld des DFB-Teams spielen? Erstaunlich ist auch, dass zahlreiche Berichterstatter, Experten und Fans von Havertz schwärmen, aber es klaglos hinnehmen, dass ihm vier bis fünf deutsche Mittelfeldspieler vorgezogen werden. Wenn Löw weiterhin Havertz auf der Ersatzbank hält, könnte das bald zu einem Vertrauensverlust zwischen Havertz und Löw führen. Denn irgendwann wird sich auch der Leistungssportler Havertz nachhaltiger fragen, warum nicht die elf besten deutschen Spieler des DFB-Teams in der Startelf stehen. Eine mögliche, aber unbefriedigende Antwort könnte lauten: Nachdem Löw im Frühjahr 2019 drei verdiente Nationalspieler (Müller, Hummels, Boateng) aussortiert hat, will er nicht noch mehr an der Teamhierarchie rütteln. Für die Zukunft des deutschen Fußballs – mit Blick auf die EM 2024 – ist es aber nicht die optimale Lösung.

UPDATE: Auf der Pressekonferenz am Donnerstagmittag sagte Bundestrainer Joachim Löw über Kai Havertz: „Er besitzt große Fähigkeiten, es macht Spaß, ihm zuzuschauen. Er spielt schon drei Jahre Bundesliga, hat viele Spiele gemacht. Er wird der Spieler der nächsten Jahre sein, aber auch er muss sich noch entwickeln. Er ist bei uns schon länger dabei, er hat die U21-Auswahl übersprungen, er kann jederzeit bei uns in der Elf stehen, er wird sich schon durchsetzen.“

About Daniel Michel

Daniel Michel, Jahrgang 1981, gründete im Dezember 2015 das Nachrichtenportal fussball.news. Zuvor war er als freier Journalist u.a. bei Sport1, Eurosport und der Perform Group tätig. Er ist zudem Co-Herausgeber einer Fußball-Buchreihe und Autor mehrerer Bücher und Kalender.

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