2. Bundesliga

Dynamo-Kapitän Hartmann: „Ich kann mir gut vorstellen, meinen Vertrag zu verlängern“

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München – Marco Hartmann ist Kapitän bei Zweitligaaufsteiger Dynamo Dresden. Der 28-jährige Mittelfeldspieler hat sich für fussball.news Zeit genommen, um im exklusiven Interview über die Saisonziele von Dynamo, die Fan-Szene in Dresden und seine eigene Zukunft zu sprechen.

fussball.news: Herr Hartmann, Dynamo Dresden hat Aufstiegsfavorit VfB Stuttgart zuletzt mit 5:0 besiegt. Wie bewerten Sie den Erfolg?

Marco Hartmann: Der Sieg hat bei uns für Erleichterung gesorgt, da wir nach einem guten Saisonstart zuletzt vier Spiele nicht gewonnen hatten. Wir haben auch gezeigt: Wenn wir unser Potenzial abrufen, können wir gegen jeden Gegner in der 2. Liga bestehen, zumal bei einem Heimspiel mit 30.000 Fans im Rücken. Für uns gilt es nun, sich auf das nächste Spiel in Heidenheim zu konzentrieren. Aber sicherlich werden wir noch etwas von der Euphorie getragen. Es sprechen mich noch viele Fans in der Stadt auf das Spiel gegen Stuttgart an und gratulieren zur guten Leistung des Teams.


YOUTUBE-Video bild.de: So besiegte Dresden den VfB


fussball.news: Sie haben vor dem Spiel gegen Stuttgart sinngemäß gesagt, Dynamo könne gegen Ballbesitz-orientierte Teams seine Stärken besser ausspielen. Gilt das nun auch für das Gastspiel beim FC Heidenheim?

Hartmann: Heidenheim ist Favorit in diesem Spiel, sie stehen verdient auf Platz zwei in der Tabelle und haben eine richtig gute Serie hingelegt. Heidenheim verhält sich sehr diszipliniert und weist eine gute Spielanlage auf.

Man muss aber auch über uns wissen: In der 3. Liga haben wir selbst Ballbesitz-orientiert und dominant Fußball gespielt, zu diesem Spielstil wollen wir auch wieder hinkommen. Wir sind keine klassische Kontermannschaft. Wir mussten aber zum Start in der 2. Liga lernen, defensiv noch disziplinierter zusammenzustehen. Gegen Stuttgart klappte es in der Defensive wieder sehr gut – und zugleich hatten wir auch ähnlich viel Ballbesitz wie der VfB.

fussball.news: Dynamo zählt dem Altersdurchschnitt nach mit 24,7 Jahren zu den jüngsten Teams in Liga zwei, die meisten Spieler besaßen vor der Saison keine Erfahrung in der 2. Liga und mit einem Marktwert von 10,5 Millionen Euro stellt Dynamo das preisgünstigste Team im Unterhaus. Was zeichnet denn Ihre Mannschaft aus, um in der 2. Liga dennoch zu bestehen?

Hartmann: Viele Teamkollegen haben vor der aktuellen Saison nur in der 3. oder 4. Liga gespielt, folglich ist klar, dass sie noch nicht den großen Marktwert aufweisen können. Aber das Gute an unserer jungen Mannschaft ist, dass sie einen großen Lern- und Siegeswillen mitbringt. Wir haben viele Talente und Spieler aus der Region im Team, die perfekt in das neue Konzept von Dynamo Dresden passen.

Und: Die jungen Spieler werden auch selbst früh gefordert, Verantwortung zu übernehmen. Marvin Stefaniak hat beispielsweise die Jugendmannschaften von Dynamo durchlaufen – und wie er nun mit seinen 21 Jahren schon als stellvertretender Kapitän vorangeht, das hilft auch dem gesamten Team. Natürlich kann es für uns mal problematisch werden, weil junge Spieler in Drucksituationen womöglich noch nicht die große Erfahrung besitzen, um damit richtig umzugehen. Hier müssen eben erfahrene Spieler vorangehen, die wir auch im Team haben.


YOUTUBE-Video: Pressekonferenz von Dynamo Dresden vor dem Spiel in Heidenheim

 

fussball.news: Trainer Uwe Neuhaus hat Dynamo souverän von der 3. in die 2. Liga geführt. Was wertschätzen Sie besonders an ihm?

Hartmann: Es ist sein Feingespür für die Mannschaft, das uns sehr hilft. Er besitzt eine natürliche Autorität, die bei uns sehr gut ankommt. Er weiß, wie er die Spieler anpacken muss, welchen Spieler er beispielsweise mal im richtigen Moment vor versammelter Mannschaft kritisieren kann und wem er lieber in einem Vier-Augen-Gespräch etwas mit auf den Weg gibt.

Aber für Dynamo Dresden besonders wichtig war es, dass er gleich zu Beginn seiner Amtszeit Mannschaft und Verein für eine neue Spielidee begeistern konnte. Er hatte von Beginn an erklärt, er wolle mit der Mannschaft Wege finden, um guten Offensiv-Fußball mit möglichst vielen Toren zu bieten. Ich habe zuvor in meiner Karriere in der Regel nur Trainer kennengelernt, die zunächst darauf bedacht waren, wie die Mannschaft in der Defensive sicher steht und Tore des Gegners verhindert.

fussball.news: Sie zählten 2013/14 bereits zum Kader von Dynamo Dresden, mussten aber in der Rückrunde aufgrund dreier Verletzungen quasi tatenlos mitansehen, wie das damalige Team dramatisch in die 3. Liga wieder abstieg. Haben Sie daraus eine Erfahrung mitgenommen, die nun der Mannschaft helfen könnte, es besser zu machen?

Hartmann: Es gibt eine Erfahrung, die ich gemacht habe, die aber wohl für viele Teams gilt: Irgendwann gerät die Mannschaft in einen Negativ-Strudel hinein. Man fragt sich dann, wohin die ganzen positiven Qualitätsmerkmale der Spieler und der Mannschaft etwa aus der Hinrunde verschwunden sind, wenn man gegen vermeintlich schwächer besetzte Teams mehrfach in Folge verliert. Aber dann ist es meist schon zu spät, die Situation nochmal umzukehren. Da spielen viele Faktoren eine Rolle, der Umgang mit Druck oder auch ein nervöses Umfeld. Wichtig wäre es also, solche Situationen, wenn sie denn vorkommen, rechtzeitig zu erkennen. Dann muss man mit Akribie und Sorgfalt nach Lösungen suchen.

fussball.news: Wie lautet denn das Saisonziel von Dynamo Dresden 2016/17?

Hartmann: Der Klassenerhalt ist natürlich für den Verein und für uns Spieler überlebenswichtig und das Mindestziel. Aber wir haben uns auf keinen Tabellenplatz festgelegt. In der vergangenen Saison galt der Aufstieg als Ziel. Nun verfolgen wir aber ein übergeordnetes Anliegen: Wir wollen uns weiterentwickeln und unser Potenzial komplett ausschöpfen. Viele Spieler von uns haben noch nie in der 2. Liga gespielt, wir brauchen Zeit.


YOUTUBE-Video: Wie sich Marco Hartmann und seine Teamkollegen auf die Saison vorbereiten


fussball.news: Im Sommer ernannte Sie Trainer Uwe Neuhaus als Nachfolger von Michael Hefele (Wechsel zu Huddersfield Town; Anm d. Red.) zum Kapitän von Dynamo Dresden. Welche Werte sind Ihnen wichtig, die Sie in das Team einfließen lassen wollen?

Hartmann: Es ist für mich eine große Ehre, Kapitän von Dynamo Dresden zu sein. Ich will als Führungsspieler vorangehen, die jungen Spieler mitziehen und Vorbild sein. Natürlich ist mein Anliegen, alle Spieler einzubeziehen. Ich will sicher nicht als Diktator auf dem Platz auftreten.

fussball.news: Sie spielten in der Jugend für den SC Leinefelde (Thüringen) und ein Jahr für den Halleschen FC, dann fünf Jahre im Herrenbereich für den Halleschen FC – und 2013 wechselten Sie zu Dynamo Dresden. Nur drei Vereine in Ihrer Karriere – das ist heutzutage relativ ungewöhnlich.

Hartmann: Ich fühle mich immer sehr wohl bei meinen Klubs. Dass ich überhaupt vom Halleschen FC im Jahr 2013 zu Dynamo Dresden gewechselt bin, hat auch mit Glück zu tun gehabt. Vor fünf Jahren habe ich beim Halleschen FC noch um einen Startelfplatz in der 4. Liga gekämpft, an eine echte Karriere als Profi-Fußballer war da für mich noch nicht zu denken, auch wenn es immer ein Traum von mir war. Dann aber ging es für mich und das Team gut weiter, ich habe als defensiver Mittelfeldspieler in einer Saison zehn Tore erzielt und wir sind vor Rasenballsport in die 3. Liga aufgestiegen. Bei Leipzig war damals Peter Pacult Trainer. Später wurde Pacult Coach von Dynamo – und er hatte mich offenbar in guter Erinnerung. (lacht) Nun fühle ich mich – bei allen Höhen und Tiefen – sehr wohl in Dresden.

fussball.news: Kommt vielleicht 2017 dennoch ein 4. Verein in ihrer Biografie hinzu? Sie haben sich mit Dynamo noch nicht über eine Vertragsverlängerung über 2017 hinaus geeinigt. In der Bundesliga würden Verantwortliche und Medien aufschreien, wenn der Kapitän nur noch rund acht Monate einen Vertrag besitzt.

Hartmann: In der 2. Liga geht es vielleicht nicht ganz so hektisch in diesem Bereich zu und es gibt andere Rahmenbedingungen. Ich zum Beispiel wollte nun erstmal sehen, ob ich mit meiner neuen Rolle als Kapitän und mit einer jungen Mannschaft in einer neuen Liga zurechtkomme. Zudem sehe ich alles sehr entspannt, denn ich habe meine Verträge meist erst im Mai oder Juni unterzeichnet. Ich kann aber sagen, dass ich in Dresden sehr glücklich bin. Das Team und die Fans sind fantastisch. Ich kann mir gut vorstellen, meinen Vertrag bei Dynamo zu verlängern. Es sieht gut aus, aber es ist keine Eile geboten. Ich will mit Dynamo jetzt Erfolg haben und gesund bleiben, alles weitere ergibt sich dann meist von selbst.

fussball.news: Sie haben den starken Rückhalt der Fans bereits angesprochen. Ein kleiner, aber gewalttätiger Teil an Fans von Dynamo Dresden sorgte eine Zeit lang regelmäßig für negative Schlagzeilen – auch überregional. Es wirkt aber nun so, als sei eine positive Kehrtwende eingetreten, wenn man den Einzelfall des toten Bullenkopfs im Pokalspiel gegen RB Leipzig außen vor lässt. Wie sehen Sie die Entwicklung der Fan-Szene in Dresden seit 2013?

Hartmann: Ich kann sagen, dass es sicherlich in der Vergangenheit krasse Vorfälle gegeben hat, die absolut zu missbilligen sind. Auch die Aktion nun mit dem Bullenkopf war eine sehr makabere Angelegenheit, die ich auf keinen Fall gutheißen kann.

Ich muss aber auch sagen, dass ich seit 2013 in Dresden spiele und generell eine sehr positive Entwicklung in der Fan-Szene wahrnehme. Der Verein betreibt in Sachen Fan-Arbeit einen hohen Aufwand, die Fans selbst zeigen unglaublich viel Leidenschaft für Dynamo und bereiten auch uns Spielern große Erlebnisse mit einer großartigen Stimmung. Ich beobachte auch, wie immer mehr Familien und Kinder wieder in unser Stadion kommen und sich sehr über das Erlebnis freuen.

Ich selbst stehe im Austausch mit einigen Fan-Gruppen und Ultra-Gruppierungen. Ich teile nicht jede Meinung mit ihnen, aber ich sehe eigentlich eine sehr gute Entwicklung und habe nun auch kaum mehr Negativ-Vorfälle mitbekommen – vor allem im Vergleich zu einigen anderen großen Klubs in Deutschland. Ich muss sagen, ich fände es sehr schade, wenn nun wegen der Bullenkopf-Aktion, die wohl nur von Einzelpersonen initiiert wurde, eine hohe Strafe des DFB erfolgt, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass Dynamo eben noch unter Bewährungsauflagen steht.

Aber nahezu der gesamte Verein und die Fan-Szene engagieren sich für eine positive Stimmung und ein korrektes Verhalten, es wäre sehr schade, wenn es nun einen Rückschlag in den jahrelangen Bemühungen gäbe. Aber das ist nur meine persönliche Meinung und ich bekomme auch nicht jeden einzelnen Vorfall mit.

fussball.news: Wenn man auf die Statistik blickt: Dresden weist einen Zuschauerschnitt von rund 30.000 Fans pro Partie auf – das wäre selbst in der 1. Bundesliga ein Top-Ten-Platz. Gibt es für Sie besonders emotionale Momente in der DDV-Arena?

Hartmann: Wenn ich zuletzt das Spiel gegen Stuttgart als Beispiel heranziehe: Wir waren in einer kritischen Phase, bis zur 35. Minute war das Spiel ausgeglichen, aber Du spürst 30.000 Fans im Rücken – das motiviert ungemein. Nach dem 1:0 folgte eine unglaubliche Stimmung und wir haben noch zwei Tore vor der Pause nachgelegt. Als Spieler hört man nicht gleich während des Spiels jeden Gesang der Fans mit, aber im Unterbewusstsein ist verankert: Du bist nicht allein, sondern hast 30.000 Fans hinter Dir. Wenn es um die Fans geht, so denke ich, ist Dynamo schon erstklassig. Ich empfehle auch gerne mal die DVD zu unserer Aufstiegssaison 2015/16 anzusehen, da gibt es auch tiefere Einblicke in die Fan-Szene.

fussball.news: Eine hypothetische Frage, die Ihnen fussball.news gerne stellen will: Angenommen jemand bietet Ihnen das Gesamtpakt an: Dynamo Dresden steigt in den kommenden drei Jahren in die Bundesliga auf, Rasenballsport Leipzig wird dafür ein Mal in den kommenden drei Jahren Deutscher Meister. Würden Sie dieses Angebot annehmen?

Hartmann: Ja, klar! Mich interessieren da weniger andere Klubs, sondern es geht mir um Dynamo Dresden. Der Verein hat eine große Tradition mit vielen Titeln vorzuweisen. Dynamo gehört auf Sicht einfach in die Bundesliga. Aber damit es nicht falsch verstanden wird: Wir waren natürlich im DFB-Pokal zuletzt alle heiß darauf, das Derby gegen Leipzig zu gewinnen – und mit dem Sieg haben wir ein Ausrufezeichen zum Saisonstart gesetzt.

fussball.news: Zum Abschluss noch eine Frage: Sie haben Lehramt Mathematik und Sport studiert und Ihr 1. Staatsexamen erfolgreich bestanden. Haben Sie bereits als Lehrer gearbeitet?


YOUTUBE-Video: Als Marco Hartmann noch Mathe-Student war

Hartmann: Ich habe sehr gerne Sport und Mathematik studiert, auch die Praktika an Schulen haben mir viel Freude bereitet. Mit dem Staatsexamen dürfte ich an bestimmten Privat-Schulen wohl auch schon unterrichten, aber ich muss noch mein Referendariat durchführen. Da es dann doch mit dem Profi-Fußball geklappt, war mir dies vorerst nicht möglich. Aber Stand jetzt ist es mein Plan, nach der Fußball-Karriere das Referendariat zu absolvieren und als Lehrer zu arbeiten. Es ist schließlich, nach Fußball-Profi, mein zweiter Traumberuf.

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