Borussia Dortmund

Haaland, Freude, Eierkuchen? Der Hattrick-Held übertüncht massive BVB-Probleme

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Borussia Dortmund ist zum Rückrundenauftakt beim FC Augsburg ein 5:3-Sieg geglückt. Die Schlagzeilen bestimmt ein Mann: Erling Haaland hat mit einem Hattrick von der Ersatzbank schon viele Vorschusslorbeeren gerechtfertigt. Die massiven Probleme im Spiel des Vizemeisters konnte er aber allenfalls übertünchen.

Den BVB analysiert fussball.news-Redakteur Lars Pollmann

Dass der 19-jährige Norweger die Schlagzeilen dominiert, wird den Verantwortlichen des BVB durchaus Recht sein. Der Neuzugang kann damit umgehen, im Fokus der Öffentlichkeit zu stehen. Seit seiner Ankunft beim BVB kurz nach dem Jahreswechsel haben die Medien beinahe jeden Schritt des ‚Wunderstürmers‘ genau verfolgt. Daran beteiligte sich auch der Klub selbst, der beim ein oder anderen besorgten Fan schon für Verärgerung sorgte, wenn schon wieder das Konterfei von Haaland in einem Post in den sozialen Netzwerken zu sehen war.

Endlich ein echter Stürmer

Die 20 Millionen Euro, die Borussia Dortmund für die Transferrechte des Nationalspielers an RB Salzburg überwies, waren eine gute Investition. Das kann schon nach einem Einsatz von knapp mehr als 30 Minuten festgehalten werden. Mit seiner Dynamik, seiner Torgefahr und nicht zuletzt einer herausragenden Körpersprache bringt Haaland eine Dimension ins Spiel des BVB, die seit dem Abgang von Pierre-Emerick Aubameyang fehlte. So mancher Beobachter fühlt sich gar eher an Robert Lewandowski erinnert, den wohl besten Dortmunder Stürmer aller Zeiten. Alleine: Haaland kann noch so viel offensiven Wirbel verbreiten. Auf Dauer wird er die Schwächen, die der BVB weiterhin in anderen Mannschaftsteilen offenbart, nicht wettmachen können.

Hanebüchene Abwehrleistung

Und so dürfte die Verantwortlichen weniger das Schulterklopfen für seine Verpflichtung beschäftigen, wenn sie nach dem Auswärtssieg in Augsburg zusammenkommen. Sondern vor allem die einmal mehr hanebüchene Art und Weise, wie selbst gestandene BVB-Profis gegen die durchschnittlich gute Bundesligamannschaft des FC Augsburg verteidigten. Egal ob die rechte Seite mit Achraf Hakimi und Lukasz Piszczek oder die beiden gelernten Innenverteidiger Manuel Akanji und Mats Hummels: Die Menge an Einladungen, die Dortmund dem Gegner zusendete, bereitete am Samstag großes Kopfzerbrechen. Wäre das ein isolierter Einzelfall, wäre die Freude über den spektakulären Spielverlauf und die demonstrierten Nehmerqualitäten des BVB wohl weitgehend ungetrübt.

Akanji weiter von der Rolle

Davon kann aber keine Rede sein. Individuelle Fehler, wie sie vor allem Akanji zuhauf produzierte, sind im gesamten Saisonverlauf eine Achillesferse des BVB. Sie waren auch in den Testspielen des Winters zu sehen, die nur von Optimisten als komplett irrelevant abgestempelt wurden. Hinzu kommen, in nicht weniger alarmierender Regelmäßigkeit, generelle Unzulänglichkeiten im Abwehrverhalten. Als besondere Schwachstelle stellt sich dabei immer mehr die rechte Seite heraus. Hakimi versteht seine Rolle äußerst offensiv, spielt bisweilen eher als Rechtsaußen denn als Rechtsverteidiger. Sogar dann, wenn Dortmund in einer Viererkette verteidigt, der Marokkaner also zumindest in der Theorie bis zur eigenen Grundlinie für die defensive Absicherung zuständig ist.

Hakimi und Piszczek stellen ein Sicherheitsrisiko dar

Stellungsfehler und schwache Antizipation kann selbst die pfeilschnelle Leihgabe von Real Madrid nicht immer mit Athletik kompensieren. Gepaart mit den geradezu entgegen gesetzten Schwächen von Piszczek entsteht ein Schwachpunkt in der BVB-Defensive, den ausnahmslos jeder Bundesliga-Trainer auszunutzen verstehen dürfte. Der routinierte Pole steht dank seiner Erfahrung immer noch meistens richtig, ist aber physisch schlicht nicht mehr in der Lage, daraus in ausreichender Regelmäßigkeit erfolgreiche Defensivaktionen folgen zu lassen. Beispielhaft für die Probleme des BVB war daher, wie Thorgan Hazard einen Fehlpass in Richtung Hakimi spielte, der nicht sofort die drohende Gefahr erkannte und Piszczek den Zweikampf führen ließ. Der erfahrene Rechtsverteidiger ließ sich überlaufen wie eine Trainingspuppe, konnte die Hereingabe von Ruben Vargas nicht verhindern. In der Mitte verschätzte sich Hummels, sodass Florian Niederlechner aus kürzester Distanz einschieben konnte.

Favres übliches Defensivkonzept funktioniert nicht

Es war ein Paradebeispiel für generelle Probleme des BVB, auf die Trainer Lucien Favre bislang keine überzeugende Antwort findet. Sein Defensivkonzept ist schon seit Zeiten bei Hertha BSC oder Borussia Mönchengladbach darauf ausgelegt, dem Gegner keine hochkarätigen Chancen zu gewähren. Teams dürfen gegen Favre-Mannschaften aus der Distanz abfeuern, und vielleicht verwerten sie den ein oder anderen Standard. Aus dem Spiel heraus sollten sie aber für gewöhnlich nicht oft in aussichtsreichen Schusspositionen innerhalb des Strafraums auftauchen. Jedoch lädt Borussia Dortmund die Gegner in der laufenden Spielzeit gerade bei Kontern öfter zu hundertprozentigen Torchancen ein als so ziemlich jeder andere Bundesligist. Um diese Anfälligkeiten auszunutzen, brauchen die gegnerischen Mannschaften keine herausragenden Einzelkönner. Es reicht, schnelle Flügelspieler in den eigenen Reihen zu wissen und eine ordentliche Strafraumbesetzung herzustellen.

Fünfmal mindestens drei Gegentore

Es kommt nicht von ungefähr, dass der BVB in dieser Spielzeit bereits fünfmal mindestens drei Gegentore kassiert hat, sich darunter mit Union Berlin, dem SC Paderborn und nun Augsburg drei gegnerische Teams befinden, die von der individuellen Qualität nach vorne sicherlich nicht zum gehobenen Bundesliga-Standard gehören. Eine schnelle Rettung ist für Dortmund dabei keineswegs in Sicht. Mit Dan-Axel Zagadou, der beim FCA mit muskulären Problemen fehlte, stand die Dreierkette vor Weihnachten zwar zeitweise besser als am Samstag. Wasserdicht bleibt der BVB aber auch mit dem Franzosen nicht. Haaland mag bei seinem Debüt diese massiven Probleme letztlich übertüncht haben. Auf Dauer dürfte selbst der torhungrigste Stürmer aber keine ausreichende Deckkraft entwickeln.

About Lars Pollmann

Lars Pollmann begann sein Autorendasein als englischsprachiger Blogger (Bleacher Report, Yellowwallpod). Seit 2018 zählt er zur Redaktion von fussball.news. Seine Leidenschaft gehört darüber hinaus dem italienischen Fußball (vor allem Inter Mailand) sowie dem Radsport.

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