Werbeanzeigen

Nationalmannschaft

Die 3 Denkfehler des Joachim Löw in Sachen Personalpolitik

on

Wenn Deutschland am Mittwochabend in Dortmund auf Argentinien trifft, dann wird Bundestrainer Joachim Löw möglicherweise einigen Spielern zu ihrem Debüt im deutschen Nationaltrikot verhelfen. Doch holt er aus dem Reservoir an Spielern, das ihm zur Verfügung steht, das Optimum heraus? Bei Löw sind seit Jahren Muster zu beobachten, die zu kritischen Fragen führen.

Robin Koch und Sebastian Rudy durften in das von vielen Ausfällen gebeutelte DFB-Team nachrücken. Wie so oft in der Vergangenheit richtet Joachim Löw bei der Nominierung den Blick in Richtung Südwesten von Deutschland. Insgesamt neun der 20 Akteure, die gegen Argentinien im Kader stehen, spielen oder haben beim VfB Stuttgart, der TSG Hoffenheim oder dem SC Freiburg gespielt. Die Wege dorthin sind kurz für Löw, der in Freiburg wohnt und einst beim VfB als Spieler und später als Trainer unter Vertrag stand. Statt den Blick über den Tellerrand hinaus ins Ausland zu wagen und beispielsweise den bei Atalanta Bergamo so starken Linksverteidiger Robin Gosens zu testen und aus nächster Nähe zu beobachten, blickt der Bundestrainer auch diesmal offenbar nur auf einen begrenzten Raum.

Charakter schlägt Qualität?

Die Liste der Spieler, die außerhalb des südwestlichen Teils von Deutschland die Fußballschuhe schnüren und für die Nationalmannschaft infrage kommen sollten, ist dagegen deutlich länger. Statt Rudy, der zuletzt beim FC Bayern München und FC Schalke 04 krachend scheiterte, hätte Maximilian Eggestein von Werder Bremen durchaus eine Chance verdient. Der Mittelfeldspieler performed schon über einen längeren Zeitraum auf sehr hohem Niveau. Der ebenfalls nicht beachtete Julian Weigl von Borussia Dortmund zeigt konstant gute Leistungen und ist zudem flexibel einsetzbar. Und warum nicht einmal den Mut beweisen und bei Eintracht Frankfurts Sebastian Rode, der national und international in der Europa League überzeugt und zudem schon Champions-League-Erfahrung gesammelt hat, anklopfen? Bereits in der Vergangenheit wurden nicht die faktisch besten Akteure der Bundesliga automatisch Stammspieler in der Nationalmannschaft. Im Gegenteil: Wer charakterlich offenbar nicht ins Schema passte und vielleicht auch noch etwas lautstärker seine Meinung vertrat, hatte es – mit Ausnahme von Weltklassespielern wie Philipp Lahm, Manuel Neuer oder Bastian Schweinsteiger – ganz schwer bei Löw und wurde bei Gelegenheit aussortiert. Die Angreifer Kevin Kuranyi oder Stefan Kießling sind Beispiele dafür, auch Leroy Sane wurde vor der WM in Russland noch aussortiert, obwohl er zuvor eine überragende Saison bei Manchester City absolviert hatte. Man denke auch an Sandro Wagner, der zwischenzeitlich zumindest als der zweitbeste Mittelstürmer in Deutschland gelten durfte. Stattdessen wurden hastig „One-Hit-Wonder“ nominiert, die einmal aushelfen durften, danach aber keine große Rolle mehr spielten. Als warnende Beispiele dienen Alexander Madlung, Oliver Sorg, Sebastian Jung, Max Meyer oder Malik Fathi.

Leverkusen-Komplex? Bayer-Schwierigkeiten im Nationalteam

Eine zweite Frage, die bei Löws Personalpolitik aufkommt, wirkt fast schon mysteriös. Neben einem Südwestfaible scheint Löw ein Anti-Leverkusen-Gen zu besitzen. Hätte Offensivakteur Kerem Demirbay einen Anruf erhalten, wenn er noch in Hoffenheim statt bei Bayer Leverkusen spielen würde? Bei wievielen Länderspielen stünde Angreifer Kevin Volland, wenn er noch das Trikot der Kraichgauer tragen würde? Oder Kießling, der an 237 Pflichtspieltoren von Leverkusen beteiligt war und dennoch nur sechsmal im DFB-Trikot auflaufen durfte. Das aktuellste Beispiel lautet nun Kai Havertz, der das aktuell größte Talent in Deutschland ist, bei Löw aber im Grunde auf die Zeit nach der Europameisterschaft 2020 vertröstet wird. Obwohl die Werkself nahezu konstant unter den Top 4 in der Bundesliga mitmischt, nahezu regelmäßig im Europacup spielt und mit vielen deutschen Akteuren agiert, gab es unter Löw zu keinem Zeitpunkt eine Leverkusen-Achse. So musste auch Julian Brandt bei der WM 2018 mit ganz wenigen Einsatzminuten leben, obwohl er als Einwechselspieler überzeugte – und in der Bundesliga seit Jahren stark performt hatte. Man erinnere sich auch, wie Löw vor der EM 2016 gleich zwei Leverkusen-Spieler aus dem erweiterten Kader nach Hause schickte (Brandt, Bellarabi), wie er 2010 den nach Leverkusen zurückgekehrten Michael Ballack unrühmlich aus dem DFB-Team abservierte, wie er die Mittelfeldspieler Simon Rolfes oder auch Gonzalo Castro zu ihren Glanzzeiten im besten Fall im Team duldete. Man kann nun über jeden genannten Leverkusener das Pro- und Contra abwägen, bei Kai Havertz aber kann es keine Diskussion geben. Der bald beste Spieler Deutschlands – darin sind sich im Grunde alle Experten und DFB-Legenden einig – muss ab sofort regelmäßig in der Nationalmannschaft zum Einsatz kommen. Auch wenn er (noch) Leverkusener ist.

Sturheit? Einmal raus – immer raus!

Hinzu kommt ein weiteres Muster von Löw, was sich eher negativ auf die Leistungsstärke der Nationalmannschaft auswirkt. Wer bei Löw sportlich oder charakterlich in Ungnade gefallen ist, hat im Regelfall keine Chance auf ein Comeback – unabhängig von netten PR-Sätzen. Mario Götze etwa hat bei Borussia Dortmund nachgewiesen, auch schwierige Situationen zu meistern und auf den Punkt da zu sein, wenn er gebraucht wird. Löw allerdings hat auch weiterhin keine Verwendung für den Weltmeister-Torschützen von 2014. Das Ende der Nationalmannschaftskarriere von Sami Khedira wurde vom Nationaltrainer nur zwischen den Zeilen kommuniziert, auch als Leistungsträger bei Juventus Turin gibt es kein Zurück mehr für Khedira. Und: Löw bleibt auch bei Mats Hummels, Jerome Boateng oder Thomas Müller konsequent, die in seinen Planungen überhaupt keine Rolle mehr spielen. Grotesk mutet es an, dass Löw eigentlich die besten Spieler Deutschlands nominieren sollte. Mit seiner Nominierungspolitik bringt aber Löw zum Ausdruck, dass etwa Robin Koch für die Nationalmannschaft wertvoller und besser ist als Mats Hummels. Jeder Kreisligatrainer würde mit dieser Nominierungspraxis ernsthafte Probleme bekommen. Wie hart der 59-Jährige aber sein kann, mussten auch der damals nach seiner Verletzung abgesägte Ex-Kapitän Michael Ballack oder Kevin Kuranyi erfahren. Kuranyi verließ bei einem Länderspiel 2008 fluchtartig das Stadion und ließ den gesamten Tross in Unkenntnis, warum er dies tat (Fan-Pöbeleien). Reue zeigen oder sich entschuldigen halfen dann nichts mehr: Die Tür zur Nationalelf war zu. Und was vor elf Jahren galt, gilt offenbar auch heute noch: Einmal raus – immer raus. Konsequent oder stur? Der Grat ist oftmals ein schmaler auf dem Löw wandelt. Ob noch mehr als der WM-Titel 2014 für Deutschland hätte herausspringen können, kann nicht seriös beantwortet werden. Doch bei dem Versuch, stets auch eine „Wohlfühloase“ zu kreieren, wurde möglicherweise darauf verzichtet, das Team qualitativ deutlich besser aufzustellen. Vieles deutet darauf hin, dass dies Deutschland bei der EM 2020 nochmals teuer zu stehen kommt.

Werbeanzeigen

About Christopher Michel

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.