Bundesliga

Bobic exklusiv: So planen wir die Zukunft von Eintracht Frankfurt

on

Fredi Bobic ist seit Juni 2016 Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt. Der Klub hat in dieser Zeit das DFB-Pokal-Finale erreicht und sich vom Abstiegskampf in der Bundesliga ferngehalten. Der Europameister von 1996 spricht mit fussball.news über infrastrukturelle und personelle Entscheidungen bei den Hessen.

Das Interview mit Fredi Bobic führt Derk Hoberg

fussball.news: Fredi, eineinhalb Jahre Eintracht Frankfurt, in denen eigentlich alles dabei war: Von tollem Fußball anfangs über eine Ergebniskrise in der vergangenen Rückrunde bis hin zum Pokalfinale. Hatten Sie sich das so in etwa ausgemalt?

Fredi Bobic: „Wir wussten, dass es nicht einfach werden würde. Die Eintracht hatte sich in der Relegation gegen Nürnberg damals gerade den Klassenerhalt gesichert. Insgesamt sind wir mit dem bisher Erreichten deshalb wirklich zufrieden. Wir haben uns zunächst mit günstigen Leihspielern konsolidiert und die Mannschaft hat anfangs sogar überperformt, so dass wir nie etwas mit dem Abstieg zu tun hatten. Das Pokalfinale, bei dem sich die Eintracht hervorragend präsentiert hat, war das Sahnehäubchen obendrauf. Und in diesem Sommer ist es uns mit der Kraft, die wir in der vergangenen Saison getankt haben, gelungen, Schritt für Schritt mehr Substanz in die Mannschaft zu bekommen. Wir sind in der Breite besser aufgestellt und haben investiert, uns punktuell mit Spitzenkräften verstärkt. Momentan stehen wir ganz gut da, haben 18 Punkte auf dem Konto, aber auch noch genug Aufgaben für die Zukunft.“

fussball.news: Zum Beispiel auch den Bau einer neuen Geschäftsstelle oder den Ausbau des Stadions…

Bobic: „Genau, auf lange Sicht ist das immens wichtig und dabei geht es darum, etwas zu bauen, was auch in 20 Jahren noch zeitgemäß ist und dem Profifußball zu jeder Zeit gerecht wird. Das betrifft auch das Nachwuchsleistungszentrum und das Stadion. Die Personen in einem Verein sind austauschbar – aber die Zukunft des Vereins sollten sie immer im Blick haben. Das gilt auch für unsere Spielstätte. Sollte Deutschland den Zuschlag für die Europameisterschaft 2024 bekommen, werden hier im Stadion sicherlich Modernisierungen angestoßen. Aber wir möchten mehr, sind mit der Stadt in konstruktiven Gesprächen, um selbst verantwortlich zu sein – der Vertrag mit dem jetzigen Betreiber läuft noch bis 2020. Von diesen Entscheidungen wird auch ein Stückweit der Ausbau und das Thema mehr Stehplätze in unserer Fankurve abhängen.“

fussball.news: Warum sind solche infrastrukturellen Themen so wichtig für die Eintracht?

Bobic: „Man muss immer beachten, wo man steht und welche Mittel man zur Verfügung hat. Vom Budget her liegt die Eintracht noch immer im unteren Drittel der Bundesligisten. Da muss man fleißig und viel unterwegs sein, die Augen offen halten, Talente finden und diese dann auch für die Eintracht begeistern. Die Argumente volles Stadion und tolle Fans – die allein locken keinen Spieler mehr hierher. Das Umfeld, die Trainingsbedingungen, alles was dazu gehört, muss optimal sein.“

Reporter Derk Hoberg (l.) erfuhr von Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic (r.): Im Vertragspoker um Lukas Hradecky ist alles offen. Foto: fussball.news/ Derk Hoberg

fussball.news: Neben dem finanziellen Druck kommt eine enorme Erwartungshaltung im Umfeld eines Traditionsvereines wie Eintracht Frankfurt dazu. Belastet das zusätzlich?

Bobic: „In gewisser Weise ist die Aufgabe schon anspruchsvoller, weil die Geschichte und die Erfolge eines solchen Vereines immer präsent sind. Dazu gibt es viele meinungsstarke Menschen im Umfeld, gerade am Finanzplatz Frankfurt. Wir haben in meinen Augen aber einen guten Weg gefunden, all das zu berücksichtigen, alle auf unserem Weg mitzunehmen. Das wird auch an der Reaktion der Fans deutlich, die unsere Arbeit durchaus anerkennen und sehen, dass wir den Verein auf eine solide Basis stellen wollen, die uns Entwicklungsmöglichkeiten nach oben bietet. Wir wollen hier nicht nur Tradition konservieren, sondern zukunftsorientiert agieren.“

fussball.news: Dazu gehört auch, mehr Risiko bei Investitionen einzugehen. Mit Sebastian Haller und Jetro Willems wurden im Sommer die beiden teuersten Spieler der Vereinsgeschichte geholt. Wie kalkulierbar ist das Risiko, dass eine solche Strategie aufgeht?

Bobic: „Zum einen muss man sagen, dass wir uns dieses Geld ja verdient haben und es uns nichts bringt, es irgendwo zu horten. Zumal es die sportliche Situation in der Bundesliga, wo sich derzeit etwa 12 bis 14 Mannschaften auf Augenhöhe begegnen, unerlässlich macht, gezielt in den Kader zu investieren. Zum anderen haben wir diese Spieler beobachtet, wussten, welche Qualität sie mitbringen und dass sie diese wahrscheinlich auch auf Anhieb abrufen können. Wir waren uns folglich relativ sicher, dass das Risiko nicht zu groß ist. Dennoch gibt es immer Unwägbarkeiten: Wie startet man in die Saison, hat man das Quäntchen Glück, vielleicht sogar einen Lauf und es entwickelt sich, wie bei uns zurzeit, oder fehlen die Ergebnisse? Dagegen ist man leider nicht gefeit. Solch eine Entwicklung wirkt sich dann häufig auch negativ auf die Moral einer Mannschaft aus und dann spielt der Kopf nicht mehr mit.“


Youtube-Trainingsvideo: Fredi Bobic führt seine Spezialität vor: den Seitfallzieher.


fussball.news: Die Investition Sebastian Haller scheint sich tatsächlich bezahlt zu machen, ist er mit seinen Toren in Pokal und Liga doch ein Hauptgarant für das bisherige Abschneiden und dürfte seinen Marktwert schon signifikant gesteigert haben. Was erwarten Sie sich noch von ihm?

Bobic: „Das Anforderungsprofil bei ihm war klar. Wir wussten, wir brauchen Verstärkung im Sturm, einen Spieler der die angesprochene Qualität mitbringt, für uns aber dennoch bezahlbar ist. Mit seinen 23 Jahren hat er obendrein noch Entwicklungspotential und er arbeitet hart, sich stetig zu verbessern. Wie viele Tore er letztlich schießt, wissen wir natürlich nicht. Aber die Art und Weise, wie er spielt, wie er auch für die Mannschaft arbeitet, zeigt uns, dass wir den Richtigen geholt haben.“

fussball.news: Wie muss man sich den Prozess der Spielerfindung bei der Eintracht vorstellen?

Bobic: „Ich stehe in täglichem Austausch mit unserem Chefscout Ben Manga. Dabei geht es um vieles, was der Markt so hergibt. Aber wir handeln hier nicht voreilig. Wenn wir nach einem Reifeprozess, an dem auch Bruno Hübner und Niko Kovac beteiligt sind, dann aber von einem Spieler überzeugt sind, forcieren wir das Tempo und nehmen Kontakt auf; prüfen, ob ein Transfer in Frage kommt. Dann wird viel geredet, sich entweder angenähert oder aber der Plan verworfen.“


Wesentliche Stationen und Erfolge von Fredi Bobic als Fußball-Profi

  • Bundesliga-Debüt 1994 für den VfB Stuttgart
  • BL-Torschützenkönig 1996
  • Europameister 1996
  • Teil des „Magischen Dreiecks“ beim VfB und Pokalsieger 1997
  • 1999 Wechsel zu Borussia Dortmund
  • Deutscher Meister 2002
  • Weitere Stationen als Profi: Bolton Wanderers, Hannover 96 und Hertha BSC
  • Karriereende bei HNK Rijeka mit dem Gewinn des kroatischen Pokals 2006

fussball.news: Derjenige, der Spieler wie Haller oder auch Marius Wolf weiterentwickelt, das Beste aus ihnen herausholt, scheint Trainer Niko Kovac zu sein. Was zeichnet seine Arbeit aus?

Bobic: „Niko gibt den Jungs Zeit, sich zu entwickeln. Gerade bei Marius Wolf, der in den vergangenen Monaten bei uns einen Reifeprozess durchlaufen hat und jetzt schon viel von dem abruft, was er tatsächlich kann, sieht man das. Dazu braucht es Geduld und Niko begleitet die Spieler auf diesem Weg. Das ist auch ein Zeichen für diejenigen, die aktuell in der zweiten oder dritten Reihe stehen. Mit Fleiß und den dadurch erarbeiteten, guten Leistungen klopft man ganz schnell auch wieder bei der Startelf an. Dazu hat Niko ein sehr gutes Gespür für das Mannschaftsgefüge, kann sich gut in die Spieler hineinversetzen und legt allergrößten Wert auf Gerechtigkeit. Er stellt ausschließlich nach Leistung auf, egal ob einer erst zwei oder schon 300 Bundesligaspiele vorweisen kann. Diese Botschaft kommt bei den Spielern an.“

fussball.news: Nun wecken Kovacs Erfolge, seine ruhige und besonnene Art auch Begehrlichkeiten bei anderen Vereinen. Aktuell wird er auch mit Bayern München in Verbindung gebracht, die schon einen Nachfolger für Jupp Heynckes suchen. Wie konstant kann die Konstellation Kovac-Bobic in Frankfurt also sein?

Bobic: „Dieses Thema gehen wir ganz unaufgeregt an und zerbrechen uns nicht den Kopf darüber. Wir beschäftigen uns nicht mit dem, was bei anderen Vereinen passiert – auch Niko nicht. Er fokussiert sich auf die Eintracht und ich merke, wie viel Spaß ihm unser Projekt hier macht. Etwas zu bewegen, das Umfeld und eine Mannschaft zu entwickeln, eine Perspektive zu haben. Das erfüllt uns jeden Tag und unsere Zusammenarbeit mit Nikos gesamtem Trainerteam verläuft derart vertrauensvoll, dass ich nicht wüsste, warum wir uns an Spekulationen beteiligen sollten.“


Youtube-Video: Bobic: „Es wird zuviel über Geld gesprochen“


fussball.news: Lassen Sie uns über einige aktuelle Baustellen in Sachen Transfers sprechen. Torwart Lukas Hradecky kündigte unlängst an, für Vertragsgespräche offen zu sein. Wie sind da aus Eintracht-Sicht die nächsten Schritte?

Bobic: „Die Tür war nie zu, wir haben lediglich unser damaliges Angebot zurückgezogen. Uns war wichtig, Planungssicherheit zu haben. Wir wollten im Sommer schnell wissen, wer in dieser Saison zwischen unseren Pfosten steht. Im Laufe eines Jahres kann sich dann aber vieles verändern. Wir haben uns da aber weder ein Zeitlimit gesetzt noch waren wir untätig. Wir schauen uns auf dem Markt um, genau wie Lukas das auch macht. Das ist doch nur legitim. Wir werden auf alles vorbereitet sein.“

fussball.news: Max Besuschkow, Andersson Ordonez oder Yanni Regäsel haben bislang noch überhaupt keine Rolle gespielt, Ayman Barkok oder Branimir Hrgota nur eine untergeordnete. Wird die Eintracht hier in dem einen oder anderen Fall einen Verkauf oder Leihgeschäft vorantreiben?

Bobic: „Alle genannten Jungs spielen für uns eine Rolle. Aber wir wollen den Spielern gegenüber ja auch fair sein, sie wollen spielen, brennen auf Einsätze. Und wenn dann möglicherweise der Zeitpunkt kommt, an dem die Entwicklung ein wenig stagniert, warum sollte man da diesen kleinen Umweg einer Leihe nicht gehen? Deshalb prüfen wir immer alle Optionen, sagen aber nie, dieser oder jener Spieler muss weg. Gerade nicht bei den jungen wie zum Beispiel Aymen Barkok. Er braucht noch Zeit, er ist gerade mal 19 Jahre alt.“


Stationen von Fredi Bobic als Fußball-Funktionär

  • Manager bei Tschernomoretz Burgas (Bulgarien; März 2009 bis Juli 2010)
  • Sportdirektor des VfB Stuttgart von Juli 2010 bis September 2014
  • Seit Juni 2016 Vorstand Sport der Eintracht Frankfurt Fußball AG

fussball.news: Makoto Hasebe ist inzwischen 33 Jahre alt, sein Knie macht immer mal wieder Probleme und sein Vertrag läuft im Sommer aus. Gab es hier bereits Vertragsgespräche, ist eine Verlängerung eine Option?

Bobic: „Mit Makoto ist das ganz einfach. Das läuft über ein offenes Gespräch und gewissermaßen per Handschlag – er ist ein toller Kerl und ein Musterprofi. Er hat derzeit ein großes Ziel, seine dritte WM, er möchte die japanische Nationalmannschaft im kommenden Jahr als Kapitän auf den Platz führen. Ich bin sicher, wenn er gesund bleibt, wird er dies auch schaffen. Sein Knie ist auf einem guten Weg. Die Komplikationen zuletzt waren Reaktionen auf die Knie-OP der vergangenen Saison und sollten sich nun legen. Wenn er nach der WM das Gefühl hat, dass es nicht mehr für die Bundesliga reicht, dann wird er uns das offen mitteilen. Ist er hingegen fit und bereit dafür, wird er ein weiteres Jahr bei uns spielen.“

fussball.news: Marco Fabian und Omar Mascarell kommen nach der Winterpause aller Voraussicht nach wieder zurück ins Team. Gibt es dennoch Handlungsbedarf, ist mit Einkäufen im Winter zu rechnen? Vor allem auch angesichts des erneuten Eingriffs bei Alex Meier…

Bobic: „Das ist richtig, durch die Rückkehr der beiden wird es noch schwerer, einen Platz im Kader zu bekommen. Das tut dem Verein gut, wir werden dadurch kompakter und haben noch mehr Konkurrenzkampf. Bei Marco und Omar sieht es derzeit auch recht gut aus und dennoch sondieren wir den Markt ständig. Alles andere wäre fahrlässig. Alex muss nach dem erneuten Eingriff an der Ferse nun leider noch mehr Geduld haben. Bei optimalem Heilungsverlauf könnte er in drei Monaten wieder im Mannschaftstraining sein. Das wünschen wir ihm, vor allem aber, dass er wieder gesund wird.“

Den zweiten Teil des Interviews mit Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic hat Reporter und Laureus-Medienpreisträger Derk Hoberg bei fussball.news-Vermarktungspartner Netzathleten veröffentlicht. Dabei spricht Fredi Bobic über sein ehrenamtliches Engagement für die Laureus-Stiftung und die hohe Lebensqualität in Frankfurt. 

About fussball.news

Kommentar verfassen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.