Bundesliga

Abstiegskampf? Warum Schalke nun ähnliche Probleme aufweist wie der 1. FC Köln 2017/18

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Schalke 04 hat seine ersten vier Bundesligaspiele verloren. Beim Vize-Meister bricht deshalb noch kein Funktionär in Panik aus. Doch warum eigentlich nicht?

Zumindest ein Ex-Schalker schlug am vergangenen Sonntag Alarm: Hamit Altintop stellte seinem ehemaligen Verein ein vernichtendes Zeugnis aus. „Die Mannschaft ist nicht gut genug verstärkt worden, um wieder Zweiter zu werden. Die internationale Erfahrung, die Charaktere fehlen“, sagte der frühere Mittelfeldspieler im Sport1-Doppelpass. Altintop legte nach: „Die Mannschaft braucht ein Gesicht, das hat sie nicht.“ Der Erfahrung und Statistik nach kann Schalke die Qualifikation für die Champions League im Grunde bereits abhaken, auch wenn der sportliche Ehrgeiz es natürlich verbietet. Kaum jemand bringt aber Schalke bislang mit dem Abstiegskampf in Verbindung – angesichts der Qualität der Mannschaft (Marktwert 256 Millionen Euro) eine logische Schlussfolgerung. Dennoch weisen die Schalker nach Analyse von fussball.news Probleme auf, die auch der 1. FC Köln in der Saison 2017/18 besaß – bekanntlich sind die Rheinländer als Europa-League-Starter am Ende der Saison abgestiegen. Die Wahrscheinlichkeit geht gegen null, dass Schalke 2018/19 ein ähnliches Schicksal erleidet – und dennoch sind interessante Parallelen zum Effzeh zu beobachten.

Die Abgänge von Modeste und Goretzka reißen jeweils eine Lücke

Schalke 04 fehlt im Mittelfeld bislang ein Allrounder wie Leon Goretzka. Der Nationalspieler wechselte im Sommer ablösefrei zu Bayern München und wird als Taktgeber bei Königsblau schmerzlich vermisst. Mit Sebastian Rudy, Suat Serdar und Omar Mascarell holten die Schalker drei neue Mittelfeldspieler ins Team, noch aber kann keiner der Zugänge Goretzka adäquat ersetzen. Für den 1. FC Köln war 2017 der Abgang von Top-Torjäger Anthony Modeste der sportliche Todesstoß. Für Modeste holten die Kölner Jhon Cordoba aus Mainz. Der Kolumbianer konnte aber seine Ablöse von 17 Millionen Euro in kaum einem Spiel rechtfertigen.

Fehler in Sachen Transferpolitik

Nahezu unfassbar auch: Köln investierte 2017/18 fast 40 Millionen Euro in neue Spieler – ein Top-Sechs-Wert. Kein Zugang konnte jedoch dem Effzeh nachhaltig weiterhelfen. Nahezu alle neuen Spieler waren zudem um die 20 Jahre alt und ohne Bundesligaerfahrung – ein Jugendhype, der sich zum Bumerang für die Kölner entwickelte. Schalke 04 gab 2018/19 nun rund 54 Millionen Euro für neue Spieler aus. Eine Investitionssumme, die fussball.news schon Anfang März in etwa prognostiziert hatte. Doch in der Rechnung von fussball.news war der naheliegende Kauf eines erfahrenen (ausländischen) Top-Stürmers – quasi ein neuer Huntelaar – inbegriffen. Schalke verpflichtete jedoch für den Angriff nur Mark Uth ablösefrei aus Hoffenheim – für ein deutsches Top-Team mit internationalen Ansprüchen eine kaum nachvollziehbare Entscheidung. So stehen bislang nur zwei Bundesliga-Tore für die Schalker zu Buche, nur ein Treffer glückte einem Angreifer (Breel Embolo).

Nie gekannte Schwächen in der Defensive

Doch auch in der Defensive hapert es neuerdings auf Schalke. 2017/18 errang das Tedesco-Team noch die Vize-Meisterschaft, weil die Defensive konstant auf Top-Niveau performte. Mit 37 Gegentreffern stellte der S04 die drittbeste Abwehr der Bundesliga. Nun haben die Schalker bereits acht Gegentreffer kassiert und sind die schwächste Defensive der Liga! Beim 1. FC Köln folgte ein Jahr zuvor ebenfalls in der Defensive ein deutlicher Leistungseinbruch. 2016 und 2017 zählten die Kölner zu den Top-Sechs-Defensivreihen, in der Saison 2017/18 mutierte der Effzeh plötzlich mit 70 Gegentoren zur Schießbude der Liga.

Keine nachhaltige Weiterentwicklung in Sachen Spielsystem

Die zahlreichen Gegentreffer hingen auch mit einer Systemumstellung zusammen. Nach der überraschenden Qualifikation zur Europa League versuchte der damalige Köln-Coach Peter Stöger sein Team von einer Konter-Mannschaft hin zu einer Ballbesitz-Mannschaft zu entwickeln. Stöger scheiterte mit seinem Vorhaben kläglich! Auch Schalke 04 musste vergangene Saison für seine Spielweise viel Kritik einstecken. Allerdings handelte es sich quasi um Jammern auf hohem Niveau. Zahlreiche knappe Siege wurden mit einer ausgetüfftelten Defensivtaktik und einer effizienten Vorgehensweise eingefahren, selten aber boten die Schalker ein „Fußballfest“. Nun muss der S04 als Vize-Meister dominanter auftreten als in der Vorsaison. Mehr Ballbesitz, mehr Kreativität im Spielaufbau sind gefordert. Bislang konnte das Team von Trainer Domenico Tedesco diesem Anspruch nicht gerecht werden. Die Mannschaft wirkt in ihrer neuen Favoriten-Stellung oftmals überfordert.

„Helden-Status“ der Trainer

Bleiben noch die Coaches selbst zum Vergleich: Zwischen Sommer 2014 und 2017 äußerte sich nahezu jede Woche ein Kölner Funktionär oder Spieler in den höchsten Tönen über Trainer Peter Stöger. Der Trainer war durch sein lockeres Auftreten und seine kontinuierlichen Erfolge zum Kult bei Klub und Fans geworden. Doch nur wenige Monate nach der Europa-League-Qualifikation 2017 wurde Stöger entlassen! Das Fußball-Geschäft eben…Domenico Tedesco ist nun erst ein Jahr als Trainer auf Schalke tätig, doch durch die Vize-Meisterschaft und das legendäre 4:4 im Derby gegen Borussia Dortmund wirkt auch Tedesco schon mit dem „Helden-Status“ versehen. Ähnlich wie bei Stöger 2017 halten Verein, Spieler und Fans nach den ersten verlorenen Spielen bedingungslos am Trainer fest. Ähnlich wie bei Stöger 2017 heißt es sinngemäß: Der Coach hat es verdient und besitzt die Qualität dafür, die Mannschaft aus dem sportlichen Tief zu führen. So müssen die Schalker Fans nun hoffen, dass eben doch nicht noch mehr Parallelen mit dem 1. FC Köln von 2017/18 existieren – fussball.news hat dafür einen speziellen Fact herausgesucht:

Der große Unterschied: Die Anzahl der Nationalspieler

Ein Grund für den Abstieg des 1. FC Köln in der Saison 2017/18 ist im Nachhinein auch an der fehlenden individuellen Qualität der Spieler auszumachen. Zeitweise besaß Köln nur zwei Nationalspieler in der Mannschaft – es war der Tiefstwert in der Bundesliga. Zum (beruhigenden) Vergleich für alle S04-Fans: Der Schalker Kader 2018/19 umfasst fast ein Dutzend A-Nationalspieler und kann damit, unabhängig von Marktwerten und Ablösesummen, höherwertiger eingestuft werden.

About Daniel Michel

Daniel Michel, Jahrgang 1981, gründete im Dezember 2015 das Nachrichtenportal fussball.news. Zuvor war er als freier Journalist u.a. bei Sport1, Eurosport und der Perform Group tätig. Er ist zudem Co-Herausgeber einer Fußball-Buchreihe und Autor mehrerer Bücher und Kalender.

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