Die große Bilanz

Tops und Flops: Wie Salihamidzic die Rummenigge-Vorgabe verfehlt

2019: Rummenigge, Coutinho, Salihamidzic. Foto: Getty
2019: Rummenigge, Coutinho, Salihamidzic. Foto: Getty

Ex-Klubchef Karl-Heinz Rummenigge sagte zuletzt, es sei bei der Einkaufspolitik des FC Bayern stets als gute Quote angesehen worden, wenn drei von fünf neuen Spielern in der Mannschaft funktioniert haben.

Wenn man so will, geht es demnach um eine Erfolgsquote von 60 Prozent bei der Einkaufspolitik des FC Bayern. Hasan Salihamidzic ist seit Sommer 2017 Sportdirektor des Klubs, seit 2020 Sportvorstand und spätestens seit Sommer 2018 wesentlich für die Transfers der Münchner verantwortlich. Wie steht es nun um die Erfolgsquote des 45-Jährigen beim FC Bayern?

Eine wesentliche Aufgabe eines Managers des FC Bayern ist es, eine konstant gute Einkaufspolitik auf dem Transfermarkt vorzuweisen. In Schnitt sollten also pro Saison mehr als die Hälfte der neu eingekauften Spieler die an sie gerichteten Erwartungen erfüllen beziehungsweise übertreffen. Logisch: Ein als Topstar eingekaufter Spieler sollte konstant zu den besten Spielern der Mannschaft zählen. Ein Ergänzungsspieler sollte regelmäßig eingewechselt werden und der Mannschaft für eine gewisse Zeit neue Impulse verleihen. Jedem Manager, auch bei Topklubs, unterlaufen Fehler. Eine Erfolgsquote von 100 Prozent wäre vermessen, Rummenigges 60 Prozent sind dagegen ein guter Maßstab. Schließlich darf man nicht vergessen, dass man bei Topklubs in der Regel Geld, Macht und Ruhm besitzt, um ohnehin relativ gute Spieler zum Klub zu locken. Das verringert auf einem gewissen Level die Fehlerquote.

fussball.news teilt nun die von Salihamidzic seit 2018 verpflichteten Spieler in die drei Kategorien - Erwartungen übertroffen / erfüllt / enttäuscht - ein und zieht Bilanz.

Zwischen den Saisons 2018/19 und 2021/22 verpflichtete Salihamidzic fest sowie auf Leihbasis insgesamt 21 Spieler für den FC Bayern. Spieler aus dem Nachwuchsleistungszentrum ("Campus") werden in diese Wertung nicht eingerechnet, zumal auch nahezu kein Spieler die Profimannschaft des FC Bayern in der Ära Salihamidzic verstärkt hat. Eine der Ausnahmen, die gleich näher erläutert wird, ist Jamal Musiala. Er wird in dieser Bilanz als externer Transfer Nummer 22 gezählt.

Die Erwartungen beim FC Bayern übertroffen haben 4 neue Spieler:

Leon Goretzka

Der Mittelfeldspieler kam 2018 ablösefrei von Schalke 04. Experten waren sich nicht sicher, ob der oftmals verletzungsanfällige Spieler sich in München würde durchsetzen können. Spätestens unter Trainer Hansi Flick wurde klar: Goretzka ist ein absoluter Leistungsträger und Sympathieträger der Mannschaft, auch wenn er - außer in der Coronaphase mit ausgedünntem Spielplan - weiter seine Verletzungsanfälligkeit nicht in den Griff bekommt.

Alphonso Davies

Der Kanadier musste zunächst viel Spott in der Öffentlichkeit einstecken. Davies, der zuvor in der amerikanischen MLS für Aufsehen gesorgt hatte, wirkte auf seiner Stammposition als linker Flügelstürmer verloren, ohne Chance, an Bundesliganiveau heranzukommen. Doch mit der Versetzung auf die Position des linken Außenverteidigers startete Davies zu einem der besten Flügelspieler der Welt durch. Unvergessen sein grandioses Dribbling durch die halbe Mannschaft des FC Barcelona im Champions-League-Viertelfinale 2020. Der 21-Jährige ist ein absoluter Volltreffer für den FC Bayern.

Ivan Perisic

Der Kroate kam 2019/20 auf Leihbasis für eine Saison zum FC Bayern, um als Ergänzungsspieler den linken und rechten Flügel zu bespielen. Der FC Bayern gewann die Champions League – und Perisic brachte es in 35 Pflichtspielen auf 18 Scorerpunkte. Eine starke Quote für einen Profi, der eher von der Bank ins Spiel gebracht wurde. Doch genau diese Kategorie Ergänzungsspieler benötigt ein europäischer Topklub.

Jamal Musiala

In fünf Jahren Amtszeit von Hasan Salihamidzic konnte nahezu kein Spieler aus der eigenen Jugend die Profi-Mannschaft verstärken. Genannt wird allerdings stets Jamal Musiala, weil er, von Manchester City eingekauft, zunächst noch an das Nachwuchsleistungszentrum der Münchner angebunden war. Nach rund einem Jahr rückte Musiala 2020 zu den Profis auf - heute zählt der 19-Jährige bereits seit einem Jahr zum Stamm der deutschen Nationalmannschaft.

Die Erwartungen erfüllt beim FC Bayern haben 3 neue Spieler:

Sven Ulreich

Der erfahrene Ersatzkeeper kam 2021 zurück vom Hamburger SV zum FC Bayern und ordnete sich wieder als Nummer 2 hinter Stammkeeper Manuel Neuer ein. Ulreich blieb in seinen Einsätzen 2021/22 nicht ohne Fehler, verrichtete aber insgesamt einen guten Job und passt weiter gut in die Hierarchie der Mannschaft.

Eric Maxim Choupo-Moting

Auch der Kameruner kam als klare Nummer 2 zum FC Bayern – er musste sich ab 2020/21 im Sturmzentrum hinter Topstar Robert Lewandowski einreihen. Choupo-Moting erhielt regelmäßig Kurzeinsätze und ließ dabei seine Torgefahr aufblitzen. Er erfüllt in jedem Fall die an ihn gestellten Erwartungen.

Benjamin Pavard

Der französische Weltmeister wechselte 2019 vom Absteiger VfB Stuttgart zum FC Bayern, weshalb bei seiner Präsentation zahlreiche Berichterstatter unkten, dass dies ein Mega-Fehleinkauf von Salihamidzic sein könnte. Doch der Franzose schenkte dem FC Bayern auf der rechten Außenverteidigerposition defensive Stabilität. Konstant kritisiert werden Pavards Qualitäten in der Offensive, wobei man auch hier zu einer geteilten Meinung kommen kann. Pavard besitzt eine herausragende Flanken- und Schusstechnik, man denke an sein Traumtor für Frankreich bei der WM 2018: Der Weitschuss aus dem rechten Halbfeld wurde zum Tor des Turniers gekürt und gilt in Frankreich als emotionaler Dosenöffner auf dem Weg zum WM-Titel.

Die Erwartungen beim FC Bayern (noch) nicht erfüllt haben 15 Spieler:

Lucas Hernandez

Der Linksverteidiger war zunächst Ergänzungsspieler, seit der Saison 2021/22 ist er Stammspieler. Doch der Weltmeister, der die Münchner im Jahr 2019 satte 80 Millionen Euro Ablöse kostete und bis heute den Rekordeinkauf in der Bundesliga darstellt, kann weder als Abwehrchef noch als Leistungsträger der Mannschaft bezeichnet werden. Hinzu kommen immer wieder Verletzungen, die Hernandez außer Tritt bringen. Der Ex-Atletico-Profi hat, gemessen an den Erwartungen und der Ablöse, seine Rolle zumindest noch nicht ausgefüllt. Das Zwischenzeugnis fällt für ihn deshalb unterdurchschnittlich aus.

Dayot Upamecano

Eine ähnliche Problemlage stellt sich bei Dayot Upamecano dar. Der junge Franzose ging 2021 für über 40 Millionen Euro von Leipzig nach München, um neuer Abwehrchef des FC Bayern zu werden. Teilweise wurde Upamecano zur Halbzeit ausgewechselt oder gar nicht erst aufgestellt, nachdem sich zu viele Fehler in sein Spiel eingeschlichen hatten. Auch Upamecano kann sich weiter entwickeln, bislang hat er aber die Erwartungen nicht erfüllt.

Leroy Sane

2020/21 verpflichtete der FC Bayern Leroy Sane für 60 Millionen Euro, um ihn nach Robert Lewandowski zum absoluten Topstar der Mannschaft aufzubauen. Die Münchner haben bereits viel unternommen, um den Angreifer zu fördern. Dennoch war Sane sowohl bei Hansi Flick als auch nun bei Coach Julian Nagelsmann ein „Fahrstuhlspieler“ - mal besaß er gute Phasen und war in der Startelf gesetzt, mal ging es wieder eine Zeit lang auf die Ersatzbank. Selbst die Bayern-Führung betonte mehrfach öffentlich, dass sie von Sane mehr erwartet. Stand jetzt, hat Sane beim FC Bayern enttäuscht.

Philippe Coutinho

Ähnlich lief es mit dem Brasilianer Coutinho. Der Offensivakteur wechselte 2019/20 auf Leihbasis vom FC Barcelona zum FC Bayern. Er wurde für die Saison als absoluter Topstar präsentiert und bekam zunächst von Trainer Niko Kovac großes Vertrauen geschenkt. Kovac opferte in der Startelf sogar Bayernlegende Thomas Müller, um Coutinho regelmäßig in der Offensive starten zu lassen. Nach zwei Monaten und der Entlassung von Kovac drehte Nachfolger Hansi Flick den Spieß um: Müller wurde wieder Stammspieler, Coutinho Einwechselspieler. Der Erfolg kam nach München zurück, für Coutinho ging es nach der Saison zurück nach Barcelona.

Alexander Nübel

Ein Fiasko, so muss man es auf der sportlichen und persönlichen Ebene wohl festhalten, hat Salihamidzic bei der Torwartpersonalie Alexander Nübel angerichtet. Zunächst, als der Wechsel von Nübel zum FC Bayern bekannt wurde, unterliefen dem damaligen Schalker Kapitän so viele Fehler, dass man sich ernsthaft um Nübel Sorgen machen musste. Der Hass auf Nübel stieg auf Schalke ins Unermessliche. Zudem hatte Nübel das Versprechen bekommen, als Ersatztorwart hinter Manuel Neuer dennoch eine gewisse Anzahl an Einsätzen beim FC Bayern zu erhalten – das Versprechen wurde nicht eingelöst, weil Salihamidzic die Vereinbarung wohl gegenüber Stammtorhüter Manuel Neuer und dem dann neuen Trainer Hansi Flick nicht durchsetzen konnte. Nun ist Nübel seit zwei Jahren bei der AS Monaco in Frankreich auf Leihbasis geparkt – die Zukunft des 25-Jährigen gilt als offen, zumal Manuel Neuer seinen Vertrag bis 2024 verlängert hat.

Marcel Sabitzer

Der frühere Kapitän von RB Leipzig konnte in seiner ersten Saison in München nicht mal als Ergänzungsspieler regelmäßig der Mannschaft helfen. Die Verpflichtung des Österreichers geht in erster Linie auf den Wunsch von Trainer Julian Nagelsmann zurück. Umstritten, ob Sportchef Salihamidzic sein Veto hätte einlegen sollen.

 

Hinzu kommen nun in der Auflistung eine Reihe von Spielern, die den Kategorien Talent mit Hoffnung auf Leistungsexplosion sowie Ergänzungsspieler zuzuordnen sind, die aber sehr deutlich die jeweilige Erwartung nicht erfüllt haben. Das belegen allein die Einsatzzeiten.

In der Kategorie Talent...

...kam Fiete Arp (Sturm) auf 13 Pflichtspielminuten für die Profis des FC Bayern.

Michael Cuisance wurde 2019 für acht Millionen Euro aus Gladbach geholt, um in 2,5 Jahren 13 Pflichtspieleinsätze für die Münchner zu absolvieren. Warnungen aus Gladbach, dass der junge Franzose einige Probleme besitzt, wurden von Salihamidzic ignoriert. Im Winter 2021/22 wurde Cuisance nach Venedig abgeschoben.

Ähnlich teuer war Marc Roca 2020 (9 Millionen Euro). Bislang kam der spanische Mittelfeldspieler auf unterdurchschnittliche 974 Einsatzminuten in zwei Jahren für die Münchner.

Tanguy Nianzou wechselte 2020 ablösefrei aus Paris nach München. Der oftmals verletzte Verteidiger brachte es ähnlich wie Roca auf knapp 1000 Einsatzminuten (987). Zur Einordnung: In den zwei Saisons 2020/21 und 2021/22 bestritt der FC Bayern insgesamt 8790 Pflichtspielminuten, Nianzou und Roca haben also rund elf Prozent der möglichen Einsatzminuten absolviert – das ist viel zu wenig.

Wiederum die Leihspieler Tiago Dantas (2), Alvaro Odriozola (5) und Douglas Costa (11) waren mit ihren Kurzeinsätzen noch weniger am Erfolg des FC Bayern beteiligt.

Auch die Ergänzungsspieler und Außenverteidiger Bouna Sarr (1080 Minuten seit 2020) und Omar Richards (575 Minuten 2021/22) können nicht als ergänzende Verstärkung für den FC Bayern angesehen werden.

Bilanz: Erfolgsquote bei rund 32 Prozent

Fazit: 7 von 22 neuen Spielern in der Ära Salihamidzic haben die Erwartungen übertroffen (4) oder zumindest erfüllt (3). Die Erfolgsquote von Salihamidzic liegt somit bei rund 32 Prozent, während Ex-Chef Karl-Heinz Rummenigge eine Trefferquote von 60 Prozent als Maßstab des FC Bayern angesetzt hat. Salihamidzic verfehlt die Rummenigge-Marke deutlich – und dabei geht es hier nur um eine sportliche Bewertung. Es ist ein extra Thema, dass Salihamidzic vor allem für die 15 Flops Unmengen an Gehalt und Ablösen ausgegeben hat, die Marktwerte der Spieler dagegen meist nach unten gerauscht sind und der FC Bayern hohe Gehaltskosten zu stemmen hat.

Von der Bayernführung wird oftmals behauptet, Salihamidzic habe großen Anteil am Erfolg des FC Bayern. Doch die Erfolge des FC Bayern in den vergangenen fünf Jahren sind auf Spielerebene auf gewachsene Strukturen zurückzuführen - vor der Ära Salihamidzic. Die Hauptachse um Torwart Manuel Neuer, Abwehrchef Jerome Boateng oder David Alaba, Mittelfeldstratege Joshua Kimmich sowie die Topscorer Thomas Müller und Robert Lewandowski waren als Grundgerüst bereits vorhanden.

Die Schlussfolgerung, dass Salihamidzic in seinen fünf Jahren als Manager des FC Bayern nicht bayern-like performt hat, ist naheliegend. Salihamidzic wird nun alles daran setzen, mit einem starken Transfersommer 2022 - Weltstar Sadio Mane vom FC Liverpool wird wahrscheinlich nach München wechseln - seine Fails der letzten Jahre auszugleichen. Schließlich geht es für Salihamidzic um die Verlängerung seines eigenen Vertrags über 2023 hinaus.

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Daniel Michel  
13.06.2022