Trainer-Poker

Von Flick über Hütter bis Funkel: Warum Trainer unglaubwürdig wirken

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Von wegen "Ich bleibe": Adi Hütter wird neuer Gladbach-Coach. Foto: Imago

Adi Hütter versicherte noch vor wenigen Wochen, er werde nicht nach Gladbach wechseln. Friedhelm Funkel betonte mehrfach, die über alles geliebte Fortuna sei seine letzte Station als Trainer - und Hansi Flick sagte am 12. März: "Ich habe einen Vertrag bis 2023 und will bei Bayern München noch erfolgreich arbeiten und Titel gewinnen." fussball.news sucht nach Erklärungen, warum zahlreiche Bundesligacoaches mehr denn je mit einem Glaubwürdigkeitsproblem zu kämpfen haben.

"Ich bleibe", betonte Adi Hütter am 28. Februar bei Sky. Nur wenige Wochen später wird Adi Hütter in den sozialen Netzwerken nun vielfach als "Lügner" beschimpft. Der Grund: Seit Dienstag (13.4.) ist sein Wechsel zu Borussia Mönchengladbach zur kommenden Saison offiziell.

Auch Friedhelm Funkel wird im Netz veräppelt und verunglimpft. Viele Jahre trainierte er Fortuna Düsseldorf (2016 - 2020) und betonte mehrfach die innige Liebe zum Klub mit Aussagen wie der folgenden: "Das ist meine letzte Trainerstation, weil ich niemals wieder eine Mannschaft finde, die charakterlich so stark ist." 2020 wurde er bei Fortuna entlassen, etwas später verkündete Funkel sein Karriereende. Aber: Seit Montag ist er Trainer des 1. FC Köln, Düsseldorfs rheinischer Rivale.

DFB oder Bayern: Was macht Flick?

Bei Bayerns Hansi Flick stellt sich die Lage noch etwas anders dar. Flick besitzt einen Vertrag bis 2023 beim FC Bayern und will diesen angeblich auch erfüllen. So sagte er am 12. März: "Ich habe einen Vertrag bis 2023 und will bei Bayern München noch erfolgreich arbeiten und Titel gewinnen." Wer das Zwischen-den-Zeilen-Lesen ablehnt muss zu der Schlussfolgerung kommen: Flick hat ein klares Bekenntnis zum FC Bayern abgegeben, kein Stress aus Bayern-Sicht. Doch die Wahrheit ist eine andere, wie zuletzt immer mehr herauskommt. Der DFB spekuliert wohl darauf, Flick als Bundestrainer nach der EM 2021 zu verpflichten - und Flick soll nicht abgeneigt sein, München zu verlassen, schließlich gibt es gerade interne Probleme beim FC Bayern, die einen Abgang - trotz Titel en masse - beschleunigen könnten. Flick wird von Reportern weiter nach seiner Zukunft befragt und er könnte deutlich antworten: "Egal was passiert, ich erfülle von meiner Seite aus meinen Vertrag bei Bayern München bis zum Jahr 2023." Doch Flick verweigert konsequent ein klares Statement zu seiner Zukunft und reagierte zuletzt mit unsouveränen Antworten wie: "Nächste Frage!"

Es ließen sich für die letzten Jahre noch weitere Beispiele finden, in denen Trainer nicht sehr gekonnt agierten, wenn es um Fragen über ihre Karriereplanung ging. Doch ist es etwas zu kurz gegriffen, die Trainer deshalb simpel als "Lügner" oder "Tölpel" abzustempeln. Für Bundesligatrainer ist es einfach unglaublich schwer, in einer sehr komplexen Gemengelage stets das Richtige zu tun.

Ein Bundesligatrainer ist in der Regel nicht länger als 1,5 Jahre bei einem Klub im Amt. Er steht unter enormen Druck und muss im Grunde selbst den richtigen Zeitpunkt finden, um seinen Verein zu verlassen. Denn irgendwann kommt sehr schnell die erste oder zweite Krisenphase, in der der Klub ihn feuern wird, was einen Malus in der Vita bedeutet und die Suche nach neuen Top-Jobs erschwert. Deshalb verlassen immer mehr Trainer lieber in einer Phase des Erfolgs ihren Verein.

Gleichzeitig hat die neue Intensität der Medien-Berichterstattung sowie das Engagement der Fußball-Freaks in sozialen Netzwerken dazu geführt, dass jedes Wort eines Trainers sehr genau vernommen und geprüft wird. Und vergessen wird dabei nichts: Ein Bundesligacoach, der einer regionalen Zeitung mal kurz sagt, was er wirklich über einen Spieler denkt oder was er in Zukunft plant, kann sofort bundesweit große negative Emotionen auslösen. Trainer wollen diese Reaktionen vermeiden und versuchen sich noch mehr hinter Sätzen zu verstecken, die man im Grunde in alle Richtungen interpretieren kann.

Mehr Geld im Spiel

Zudem ist das Fußball-Geschäft noch schnellebiger geworden, weil noch mehr Geld im Spiel ist. Das verändert auch die Planung eines Coaches. Im Dezember wird ihm vielleicht noch gesagt, er könne im Sommer drei neue Top-Stars holen und der Manager und Präsident bleiben auch im Boot. Drei Monate später wird plötzlich ein Sparkurs verordnet und ein neuer Manager ist im Anflug, der dem Trainer menschlich und/oder strategisch gar nicht ins Konzept passt. Die Coaches müssen darauf reagieren. Teilweise tun sie es damit, intern einen Klubwechsel anzudrohen, um ihren Einfluss im Klub zu erhöhen und den Marktwert zu steigern. Trainer müssen sich zu einem Pokerface entwickeln, um alle Potenziale auszuschöpfen.

Um auf die Eingangsbeispiele zurückzukommen:

Mutmaßlich wollte Adi Hütter im Februar wirklich noch bei  Eintracht Frankfurt seinen Vertrag bis 2023 erfüllen, doch die fast komplett neuen Rahmenbedingungen auf Ebene der SGE-Klubführung könnten Hütter zu einem Umdenken bewogen haben. So bekam Gladbach den Zuschlag. 

Mutmaßlich hat Friedhelm Funkel nie ernsthaft an Fußball-Rente gedacht, sondern er versuchte zunächst mit emotionalen Worten den Schulterschluss mit Fans und Mannschaft in Düsseldorf herbeizuführen, um seine Position gegenüber der unliebsamen Vereinsführung zu stärken.

Und womöglich will Hansi Flick derzeit austesten, ob ihm die Klubführung des FC Bayern mehr Einfluss auf die Kaderplanung zugesteht, bevor er sich wirklich zwischen dem Rekordmeister und dem DFB entscheidet.

Als Fazit bleibt: Wer Bundesligatrainer nur nach öffentlichen Aussagen beurteilt, kann sie meist schnell einer "Lüge" überführen. Dieses Urteil wäre aber meist der Situation nicht gerecht. Die Geschehnisse hinter den Kulissen der Klubs sind komplex, intensiv und selbst für Vereinsfunktionäre manchmal undurchschaubar. Die Frage für die Zukunft bleibt dennoch, wie womöglich wieder mehr Transparenz entsteht, damit Trainer kein Glaubwürdigkeitsproblem bekommen und die Fans wieder mehr über die realen Geschehnissen in ihrem Klub erfahren.

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Daniel Michel  
13.04.2021