WM-Historie

Von Italien bis Katar: Die 4 "schmutzigsten" WM-Turniere aller Zeiten

Die WM 2022 startet am Wochenende in Katar. Foto: Getty
Die WM 2022 startet am Wochenende in Katar. Foto: Getty

Ob die schlimme Menschenrechtslage, die Korruption oder das rückständige Gesellschaftsbild: In Deutschland ist die Kritik an WM-Gastgeber Katar mittlerweile groß. "Schmutzige" WM-Turniere gab es aber leider schon öfter, denn das System FIFA hat offenbar eine Schwäche für antidemokratische Gastgeberländer. Ein kurzer historischer Rückblick: 

WM 1934 stärkt Faschist Mussolini

Die offiziell zweite Fußball-Weltmeisterschaft fand 1934 in Italien statt. Die Italiener stachen im Vorfeld die Schweden dabei aus, die WM ins eigene Land zu holen. Ein wesentlicher Vergabefaktor: Während Schweden nur ein Stadion für die Austragung des Turniers dem Weltverband FIFA angeboten hatte, wartete Italien mit acht Austragungsstädten, neuen Stadien und viel Geld auf. Italien unter dem rechtsextremen Führer Benito Mussolini wollte den Zuschlag für das Turnier unbedingt erhalten, die strategische Ausrichtung war von Beginn an deutlich: Über die Macht des Sports wollte die faschistische Regierung sich in ein gutes Licht rücken. In der Hauptstadt Rom wurde das Stadion sogar nach der faschistischen Partei benannt (Stadio Nazionale del PNF). Blöd wäre es nur gewesen, wenn die italienische Nationalmannnschaft vorzeitig aus dem WM-Turnier ausgeschieden wäre. Dafür aber gab es Schiedsrichteransetzungen und Schiedsrichter, die für die Italiener alles in die richtige Bahn lenkten. Das Viertelfinale, das Halbfinale und das Finale wurden mit mehreren krassen und unerklärlichen Fehlentscheidungen jeweils zugunsten Italiens entschieden. Als Weltmeister befand sich Italien dann in einem (weiteren) nationalen Rausch - noch in den 1930er Jahren stürzte sich Italien an der Seite von Deutschland in den 2. Weltkrieg.

Der Skandal von 1966

Derzeit wird regelmäßig kritisiert, dass die FIFA im Jahr 2010 gleichzeitig zwei WM-Turniere vergeben hat - an Russland 2018 und Katar 2022. Dass dahinter korrupte Planspiele standen, dürfte mittlerweile jedem klar sein. Die Frage, die weniger aufgeworfen wird: Hat 2010-FIFA-Chef Sepp Blatter einfach nur die Geschehnisse aus dem Jahr 1966 kopiert? 1966, man will es kaum glauben, vergab die FIFA gleich drei WM-Turniere: 1974 an Deutschland, 1978 an Argentinien und 1982 an Spanien. Unfassbar: Zu diesem Zeitpunkt, also 1966, waren Argentinien und Spanien rechtsextreme Militärdiktaturen. Glück für die FIFA: Als Spanien 1982 dann tatsächlich die WM austrug, war es gerade auf dem Weg in die Demokratie. Fatal war dagegen die WM 1978...

1978 regiert Militärjunta in Argentinien

Zwischen 1966 und 1976 gab es in Argentinien ein Hin- und Her zwischen Militärdikatur und einer demokratisch gewählten Regierung. Doch ab 1976 übernahm das Militär wieder die Macht. Unter General Jorge Videla gab es nahezu alles zu beobachten, was man im Repertoire von Diktatoren so findet, allen voran die Verhaftung und Tötung von Andersdenkenden. Und wie schon von Italien 1934 bekannt: Mit zweifelhaften Ergebnissen - besonders im letzten Spiel der Zwischenrunde brauchte Argentinien einen hohen Sieg mit vier Toren Unterschied gegen Peru, um Brasilien auszustechen und das Endspiel zu erreichen - holte sich Argentinien den ersten WM-Titel, was die Nation wiederum in einen nationalen Rausch versetzte und die Militärdiktatur stärkte. Demütigend: Nicht mal einen Kilometer vom Finalstadion entfernt befand sich ein Folterzentrum des Regimes. Bei Diktaturen sind solche vermeintlichen Zufälle keine Zufälle, sondern eine besondere Art des Psychoterrors. FIFA, DFB und Co. ließen Argentinien gewähren...

Russland und Katar - der schlimme Fehler aus dem Jahr 2010

2010 also vergab die FIFA wieder einmal mehrere WM-Turniere auf einen Kongress - die Gewinner waren Katar (2022) und Russland (2018). Spätestens heute weiß man, dass auch die Vergabe an das damals schon antidemokratische und heute diktatorische und kriegstreibende Russland ein enorm schwerer Fehler war. Doch die Kritik an Russland hielt sich in Grenzen. Und nun also Katar 2022...

Allein die "schmutzigen" WM-Turniere von 1934, 1978 und 2018 zeigen, dass Fußball leider nicht nur verbindet und Brücken schlägt, wie es von deutschen Fußballfunktionären gerne in der Öffentlichkeit erzählt wird. Auch Diktatoren und antidemokratische Länder wissen leider die Macht des Fußballs für sich zu nutzen.

Anmerkung: Als wesentliche Quellen zu diesem Text dienten die Netflix-Dokumentation "FIFA Uncovered" und die Internetseite "Boycott Qatar".

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15.11.2022