Konflikte bei Traditionsklubs

Von Stuttgart bis Schalke: Warum die Bundesliga zur "Schlammschlacht-Liga" mutiert

Stuttgarter Fans bekunden auf Plakaten ihren Unmut.
Stuttgarter Fans bekunden auf Plakaten ihren Unmut. Foto: Imago

Ob in Stuttgart, Bremen, Köln, Mainz oder auf Schalke: Zahlreiche Traditionsvereine in der Bundesliga blamieren sich besonders außerhalb des Spielfelds bis auf die Knochen. Alle genannten Klubs eint eine ähnliche Problemlage, woraus sich erbitterte Machtkämpfe auf Führungsebene ergeben.

Bei jedem der genannten Vereine gibt es derzeit einen "Dosenöffner" für enorme Konflikte. Beim VfB Stuttgart ist der Auslöser beispielsweise ein Datenskandal, der noch von der Mitgliederversammlung vor rund vier Jahren herrührt. Einige Funktionäre sind im Zuge des Konflikts bereits zurückgetreten. Viele Stuttgarter Fans und Mitglieder schämen sich für die Eskalation in ihrem Klub und missbilligen den Machtkampf zwischen e.V.-Präsident Claus Vogt, der als Vorkämpfer der Ultras gilt, und Vorstandschef Thomas Hitzlsperger, einem Ex-Spieler der Schwaben.

Jansen ist als HSV-Präsident zurückgetreten

Aber die Stuttgarter Fans sind mit ihrem Leid nicht allein, wenn sie sich bei anderen Traditonsvereinen umsehen. Ob der 1. FC Köln, Schalke 04, Mainz 05, Werder Bremen oder eben in der 2. Liga der Hamburger SV - in Hamburg sind die drei wichtigsten Funktionäre des Stammvereins (e.V.), darunter Präsident Marcell Jansen, zurückgetreten -, überall spitzen sich die Konflikte zu.

Unabhängig vom Auslöser der Konflikte geht es im Kern meist um eine ähnliche Grundstruktur. fussball.news versucht die Grundzüge aufzuzeigen:

1. Der Verein liegt meist hinter den sportlichen Erwartungen zurück.

2. Die finanzielle Lage ist problematisch, meist wird sie noch durch die Corona-Pandemie verschärft.

3. Es werden Verantwortliche für die Misere gesucht und radikale Reformen (und Personalwechsel) gefordert. Es entsteht ein Machtkampf.

Einschub: Selbst die Datenaffäre des VfB Stuttgart resultierte aus dieser Grundkonstellation. Stuttgart war damals abgestiegen und forcierte die Ausgliederung der Profi-Abteilung, um mehr Geld zu generieren.

4. In den Machtkampf mischen sich nun Fans ein. Die Traditonsvereine besitzen eine große Fan- und Mitgliederbasis. Meist in großer Sorge um ihren Verein wollen sie verstärkt mitreden, wenn es um die neuen Leitlinien des Vereins geht. Viele Traditonsklubs haben den Fans und Mitgliedern auch enorme Macht zugebilligt, sei es beim Abstimmungsverfahren oder mit Mandaten in Klubgremien. Die Folge: Der Machtkampf wird noch intensiver geführt. Funktionäre versuchen nun querbeet im Verein und mit einflussreichen Fangruppen Allianzen zu bilden, die interne Spaltung des Klubs wird unbewusst forciert.

5. Hinzu kommt: Die Klubführungen wollen die Kommerzialisierung des Vereins - meist unter dem Deckmantel der Professionalisierung (Auflösung 50+1-Regel, Ausgliederung Profi-Abteilung, Suche nach Investor) - weiter vorantreiben. Die ohnehin besorgten Fans wollen dagegen die Wurzeln und Traditonen des Klubs in der Tendenz dann umso mehr bewahrt sehen.

6. Danach fällt dem Verein meist ein weiteres Problem auf die Füße: Oftmals setzt sich die Klubführung eines Traditionsvereins aus Personen zusammen, die formal und fachlich gar nicht für dieses spezielle Führungsamt geeignet sind. Sie sind mit der Mischung aus den Konfliktbereichen Finanzen, Sport, Politik und Kommunikation überfordert, eben unerfahren und nicht darauf vorbereitet. Dies wirkt sich aber wiederum auf die weitere Personalauswahl im Verein aus. Bei vielen Traditionsklubs ist zu beobachten, dass Klubbosse Newcomer für enorm wichtige Jobs wie Trainer, Manager oder Mediendirektor auswählen, um ihre eigene Machtposition nicht noch mehr zu schwächen. In der Folge wirken jene Trainer und Manager ebenfalls überfordert - hier darf man derzeit besonders nach Schalke blicken. Das bringt dann wiederum die Fans noch mehr auf die Palme...

Corona-Pandemie verschäft die Situation

Die Bundesliga ist somit eine echte "Schlammschlacht-Liga" geworden. Die Corona-Pandemie verschärft die Situation. Es sollte allen in Fußball-Deutschland zu denken geben: Auf den ersten sieben Plätzen der Bundesliga-Abschlusstabelle liegen meist die Aktiengesellschaften Bayern München und Borussia Dortmund sowie mindestens vier sogenannte "Plastikklubs" wie Bayer Leverkusen oder RB Leipzig. Sicherlich können diese Vereine aus unterschiedlichen Gründen leichter auf Geld zugreifen, dort wird aber auch in der Regel sachlicher, professioneller und konsequenter gehandelt. Die Fans müssen gar nicht erst den Aufstand proben, weil zum Großteil das Führungspersonal erfolgreich seine Arbeit erledigt.

Profile picture for user Daniel Michel
Daniel Michel  
18.02.2021