Löw-Nachfolge

Flick oder Klopp? Warum Christian Streich der perfekte Bundestrainer ist

Jürgen Klopp und Christian Streich im engen Austausch.
Jürgen Klopp und Christian Streich im engen Austausch. Foto: Imago

Wer tritt im Herbst 2021 die Nachfolge von Joachim Löw als Bundestrainer an? In Deutschland wählt man meist einen Bundestrainer aus, der entweder als Ex-Spieler oder als Trainer schon viele Erfolge feiern konnte. Wie wäre es mal mit dem Versuch des DFB, sich einen Bundestrainer zu holen, der auch durch seine Haltung und Moral ein Vorbild für die Bundesrepublik sein könnte?

Jürgen Klopp ist dem Vernehmen nach der Favorit auf das Amt des Bundestrainers gewesen. Doch Jürgen Klopp hat umgehend und deutlich erklärt, er werde 2021 in keinem Fall das Amt des Bundestrainers übernehmen. Sportlich wäre Klopp eine Top-Lösung für den DFB gewesen. Er ist erfolgreich - und kann Fans, Spieler und Funktionäre mit seiner leidenschaftlichen Art mitreißen. Ob beim FSV Mainz 05, Borussia Dortmund oder dem FC Liverpool, Klopp hat stets Erfolg und begeistert die Anhänger.

Doch es gibt auch die andere Seite von Jürgen Klopp: die moralische. Hier ist die Frage zu stellen, ob Klopp charakterlich schon reif für das Amt des Bundestrainers ist. Klopp verhöhnt Gegner schon mal, wenn sie am Boden liegen. So musste Klopp einst bei einer Diskussionsrunde lange despektierlich lachen, weil sein damaliger Arbeitgeber Borussia Dortmund die finanzielle Not der ungeschickten Münchner Löwen brutal ausnutzen konnte. "Übrigens wegen Antonio Rukovina, das ist ja auch 'ne Respektlosigkeit. Wir haben ihn nicht weggeschickt – nein, nein, nein: Wir haben ihn an 1860 München abgegeben. Und haben im Tausch, im Tausch (!), Sven Bender dafür bekommen." Klopp konnte mit dem höhnischen Lachen kaum mehr aufhören. Viele Fans von 1860 München nehmen ihm das heute noch übel.

Klopp im Umgang mit Niederlagen unsouverän

Auch der Umgang von Klopp mit Niederlagen hat selten etwas mit Fair-Play zu tun. Mal bezeichnet er plötzlich einen Journalisten als "Seuchenvogel", mal rennt er den 4. Offiziellen bei einem Champions-League-Spiel in Neapel fast um, mal trägt für ihn einfach der heftige Wind Schuld am Punktverlust und mal führt er einen Dolmetscher (Salzburg) öffentlich vor. In England gilt Klopp als "König der Ausreden" - und wäre ein "Ausreden-König" wirklich das, was der deutsche Fußball vom aktuellen Zeitgeist her gebrauchen könnte? Im Vereinsfußball kann eine Pleite immerhin drei oder vier Tage später korrigiert werden, als Nationaltrainer muss man - wie Joachim Löw nach dem 0:6 gegen Spanien - darauf oftmals monatelang warten und man muss als Bundestrainer viel Kritik aushalten können, als Vorbild agieren. Klopps sportliche Fähigkeiten sind unumstritten, doch hätte er auch die Rolle als Vorbild für die Gesellschaft ausfüllen können?

Flick verrennt sich mit Lauterbach

Noch im Rennen um das Amt des Bundestrainers ist Hansi Flick. Er hat beim FC Bayern München große Erfolg gefeiert hat, wird aber trotz eines Machtworts von Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge weiterhin als möglicher neuer Nationaltrainer gehandelt. Die Vita von Flick passt hervorragend zum DFB, er war bei der Weltmeisterschaft 2014 als Co-Trainer einer der Architekten des deutschen WM-Triumphs. Nun hat er mit dem FC Bayern sogar sechs große Titel abgeräumt. Flick versprüht weniger Glanz als Klopp, dafür behielt er bis vor Kurzem fast immer die Ruhe. Nur letztens brach Flick einmal aus seinem PR-Schema aus und entsetzte damit zumindest einen Teil der deutschen Gesellschaft. In einer Pressekonferenz tätigte Flick populistische Aussagen, wohl um von Kritik am FC Bayern abzulenken. Flick wütete und bezeichnete dabei den Fachpolitiker Karl Lauterbach - immerhin ein ranghoher Abgeordneter der deutschen Regierungskoalition - als "sogenannten Experten". Dafür erntete Flick viel Kritik - immerhin ruderte er kurze Zeit später mit seinen Aussagen zurück.

Streich kritisierte WM-Vergabe an Katar bereits 2015

Der Zeitgeist in Deutschland legt aber sehr viel Wert auf Haltung und Moral, womöglich sind diese Eigenschaften in den letzten Jahrzehnten des wirtschaftlichen Aufschwungs und Ego-Shootens zu kurz gekommen, werden aber deshalb in der Corona-Krise umso bedeutender. Und daher sei die Frage gestellt, ob der DFB seinen Bundestrainer nicht nur nach sportlichen Kriterien auswählen sollte, sondern ob er auch den Posten einer Person übertragen kann, die tatsächlich auch eine Vorbildrolle in der deutschen Gesellschaft einnehmen kann. Wer den Aspekt von Haltung, Moral und Empathie hinzunimmt, der braucht eigentlich nicht lange darüber nachzudenken, dass Christian Streich der perfekte Kandidat für den Bundestrainerposten ist.

Der Trainer des SC Freiburg ist der dienstälteste Coach in der Bundesliga. Während seine Kollegen im Schnitt nach einem Jahr gehen wollen oder müssen, ist er bei den Breisgauern rund zehn Jahre im Amt; davor waren es fast zehn Jahre als Jugendtrainer beim SC. Streich hält den Sportclub nahezu konstant in der Bundesliga und selbst im Europacup war der Underdog schon vertreten. Streich besitzt aber auch deshalb einen hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad, weil er bei gesellschaftlichen Themen kein Blatt vor den Mund nimmt. PR-Strategien von Klubs und Pressesprechern scheinen für ihn keine große Rolle zu spielen. Sei es beim Thema Corona oder der Flüchtlingskrise - Streich macht stets klare Ansagen.

Und auch beim Thema Katar bringt es Streich auf den Punkt. Schon 2015 sagte Streich über den WM-Gastgeber von 2022: "Katar? Es ist mir unerklärlich, warum die WM dort stattfindet, zu diesem Zeitpunkt. Ich verstehe das nicht und habe es von Anfang an nicht verstanden." Er betonte: "Aus ökologischen und politischen Gründen ist das nicht nachvollziehbar. Das ist nicht der richtige Ort. Aber es gibt auch andere Orte, die mehr als grenzwertig sind." Streich empfand es als problematisch, Sportereignisse in Ländern stattfinden zu lassen, wo beispielsweise noch Folter als Strafe angewendet werden darf. "Diese Entwicklung ist verheerend. Es ist der Wahnsinn, was passiert", resümierte Streich fassungslos.

Und ist es nicht das, was auch Nicht-Fußballfans zum Großteil über die WM 2022 in Katar denken? Könnte Christian Streich deshalb nicht ein Sprachrohr für fast alle Einwohner in Deutschland werden, ohne den Blick auf das Sportliche zu verlieren?

Streich vereint viele Qualitäten

Denn Streich würde als Bundestrainer wohl nicht zwingend zum Boykott der WM 2022 in Katar aufrufen. Streich ist ein sehr empathischer Mensch. Wäre er Bundestrainer, dann würde er wahrscheinlich weiterhin Katar kritisieren, aber er würde auch um Verständnis für seine jungen Sportler werben, die ein Leben lang auf das für sie womöglich einmalige Weltturnier hinarabeiten. Diese Chance will ihnen Streich nicht nehmen. Und wäre das nicht der richtige Mix eines Bundestrainers? Haltung zeigen, aber den jungen Sportlern auch eine Perspektive bieten?

Übrigens leistet Christian Streich auch sportlich etwas, wovon der DFB und viele andere Bundestrainer-Kandidaten träumen. Streich ist zwar offen und weltmännisch in seiner politischen Haltung, bei der Talentförderung setzt er aber fast ausnahmslos auf deutsche Spieler. Betrachtet man das DFB-Aufgebot der letzten Jahre hat Streich schon einige Spieler dabei selbst gefördert oder trainiert. Luca Waldschmidt, Robin Koch, Matthias Ginter, Max Kruse oder Nils Petersen seien hier angeführt. Als ehemaliger Jugendtrainer besitzt Streich das nötige Fingerspitzengefühl im Umgang mit Talenten und weiß dennoch, was im Profi-Bereich angesagt ist.

Und Streich besitzt noch mehr hilfreiche "Soft Skills". Er könnte für die Nationalmannschaft die unterschiedlichen Fanlager wieder vereinen. Mit Freiburg steht er für Tradition, für ehrliche Arbeit und ein Stück weit Skepsis gegenüber dem Kommerzfußball. Andererseits war Streich als Jugendlicher Fan des FC Bayern, sein Idol war Stürmer-Legende Gerd Müller - und auch der DFB besitzt einen guten Draht zu Streich, denn DFB-Präsident Fritz Keller war bis vor zwei Jahren als Präsident des SC Freiburg tätig.

So kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass der 55 Jahre alte Christian Streich eine Chance als Bundestrainer verdient hat - und sei es in einer Doppelfunktion aus Klub- und Nationaltrainer wie einst Rudi Völler.

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f.news  
16.03.2021

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