Prognose

Wann der FC Bayern nicht mehr deutscher Meister sein wird

Manuel Neuer ist die "Lebensversicherung" für den FC Bayern.
Manuel Neuer ist die "Lebensversicherung" für den FC Bayern. Foto: Getty

Seit fast einem Jahrzehnt gilt der FC Bayern vor dem Saisonstart als der große Titelfavorit - und meist schon in der Hinrunde einer Bundesligasaison wird den Münchnern von Medien und Konkurrenten zur quasi sicheren deutschen Meisterschaft gratuliert. Selbst die zwischenzeitlichen Herbstmeister Dortmund (2018/19) und Leipzig (2019/20) brachen in der Rückrunde noch ein und gaben ihren Vorsprung aus der Hand. Nun überlegt Fußball-Deutschland intensiv, wie man die Langeweile in der Bundesliga - also die seit 2013 bestehende Abo-Meisterschaft der Bayern - durchbrechen kann. Die Funktionäre - der Ligaverband, Borussia Dortmund und Bayern München selbst - denken an Playoffs. Organisierte Fan-Gruppen wiederum wollen von Bayerns TV-Geldern ein paar Millionen Euro umverteilen. Doch muss es gleich eine Systemänderung sein? Naht nicht ein sportliches Tief des FC Bayern auf natürlichem Wege bald heran? fussball.news sagt, wann der FC Bayern nicht mehr deutscher Meister sein wird.

Faktor Star-Trio

Der FC Bayern hat zahlreiche sehr gute Spieler in seinen Reihen, unter ihnen gibt es drei besondere Ausnahmekönner: Manuel Neuer, Thomas Müller und Robert Lewandowski. Fehlt einer dieser Spieler langfristig - sei es durch eine Verletzung oder einen Klubwechsel -, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der FC Bayern Platz eins verliert. Die besondere Bedeutung der drei Topstars - ihre Verträge laufen jeweils bis zum Jahr 2023 - liegt auf der Hand:

Manuel Neuer ist Torwart und Kapitän der Mannschaft. Der 35-Jährige dirigiert die Defensive und greift auch öfter mal als "Libero" ins Spiel ein. Seine ganz besondere Qualität sind aber die Eins-zu-Eins-Situationen. Es ist nahezu unglaublich, wie regelmäßig Neuer die alleine auf ihn zulaufenden Stürmer zur Verzweiflung treibt. Besonders auffällig war dies in der Saison 2019/20, als Neuer in nahezu jedem Spiel mehrfach das Eins-zu-Eins für sich entschied. Der FC Bayern wird nach ihm keinen Torwart finden, der diese Lücke sofort schließt.

Stürmer und Weltfußballer Robert Lewandowski wiederum ist die "Lebensversicherung" des FC Bayern in der Offensive. Bereits zum fünften Mal hat der Pole nun über 30 Tore in einer Saison erzielt, der Spielzeit-Rekord von 41 Toren in 34 Partien gehört ebenfalls ihm. Es gibt vielleicht zwei bis drei Stürmer auf der Welt - meist werden Kylian Mbappe, Mohamed Salah und Erling Haaland genannt -, die in etwa eine ähnliche Qualität besitzen wie Lewandowski, aber diese sind wiederum für den FC Bayern kaum bezahlbar. Verlässt der 33 Jahre alte Lewandowski im Sommer 2022 den Klub vorzeitig, dann wird die Tor- und damit die Siegquote des FC Bayern aller Wahrscheinlichkeit nach sinken.

Offensivakteur Thomas Müller wiederum wurde von einigen Bayern-Trainern bei voller Kaderstärke nicht zwingend zu den besten elf Spielern der Mannschaft gezählt - dennoch weiß man spätestens seit seiner "Wiederbelebung" durch Ex-Coach Hansi Flick: Müller ist die Seele des FC Bayern! Der 32-Jährige hält intern die unterschiedlichen Strömungen im Team zusammen, nach außen hin ist er für die Fans die bedeutendste Identifikationsfigur, weil er aus der Jugend des Klubs stammt, regional verwurzelt und dem FC Bayern stets treu geblieben ist. Auch für Müller ist ein passender Nachfolger im Klub noch nicht in Sicht.

Faktor Vierfachbelastung

In einer gewöhnlichen Saison werden die Spieler des FC Bayern einer vierfachen Einsatzbelastung ausgesetzt - mit Spielen in Bundesliga, DFB-Pokal, Europapokal und Nationalmannschaft. Während der Coronapandemie wurden die Spiele und Reisen teilweise zurückgefahren (vor allem auf Nationalmannschaftsebene) und teilweise die Turniere nacheinander ausgetragen (2019/20). In einer gewöhnlichen Saison führt die hohe Belastung - und keine Spieler in der Bundesliga werden mehr belastet als jene aus München - in der Regel zu mehr Verletzungen und zu einem höheren Erschöpfungsgrad. Je mehr man also nach der Pandemie wieder zu einer gewöhnlichen Saison zurückkehrt, desto mehr schleichen sich aller Wahrscheinlichkeit nach wieder Punktverluste bei den Münchnern ein. Um hier einen Ausblick auf die besonderen zusätzlichen Belastungen zu geben: Dieses Jahr steht die WM im Winter 2022 an, danach rückt die Heim-EM 2024 in den Fokus - und dann will der FC Bayern 2025 sein nächstes "Finale Dahoam" in der Champions League gewinnen.  

Faktor Auswärtsspiel

Eine indirekte Folge der Pandemie war auch, dass die Bayern quasi unter Trainingsbedingungen, also vor leeren Rängen, ihre Auswärtsspiele bestreiten konnten. Dabei stürzt der Favorit auswärts oftmals erst dann, wenn ein ausverkauftes Haus den "Underdog" nach vorne peitscht, die Spieler der Heimmannschaft über sich hinaus wachsen, eine Einheit mit den Fans bilden und vielleicht sogar der Schiedsrichter unterbewusst beeinflusst wird. Dann springt schon mal mancher Eckball, Freistoß oder Elfmeter mehr für einen Bayern-Gegner heraus. In diesem Zusammenhang seien auch noch die Auswärtsspiele in der Champions League erwähnt. Es ist ein Phänomen, dass Bundesligateams besonders nach einem schweren Auswärtsspiel im Europacup - ebenfalls vor ausverkauftem Haus - drei Tage später in der Bundesliga nicht ihre beste Leistung abrufen und regelmäßig Punkte liegen lassen. Borussia Dortmund ist dafür der bekannteste Fall, allerdings ist dieses Phänomen in vielen Saisons auch beim FC Bayern zumindest in abgeschwächter Form zu beobachten.

 

Faktor Konkurrenz

Doch selbst wenn es in den letzten Jahren beim FC Bayern nicht immer ganz ideal lief - man denke an die Saisons 2017/18 und 2018/19 -, dann blamierten sich die Titelkonkurrenten der Münchner bis auf die Knochen. In jeder anderen Topliga ist spätestens beim zweiten Fauxpas des Favoriten irgendeine Mannschaft zur Stelle und schnappt sich die Meisterschaft. Man frage in England bei Leicester City nach (2016), in Frankreich beim OSC Lille (2021) oder in Italien bei Inter Mailand (2021). Die Hauptausrede der deutschen Konkurrenten lautet regelmäßig, dass der FC Bayern viel mehr Geld besitzt als jeder seiner Konkurrenten. fussball.news hat sich mit dieser Ausrede der Bayern-Konkurrenz im Sommer 2021 intensiv beschäftigt (zur Artikel-Serie). Die wichtigsten zwei Gegenfragen zu der Geld-These lauten:

Warum haben Werks- und Investorenklubs wie RB Leipzig, VfL Wolfsburg, Bayer 04 Leverkusen und TSG 1899 Hoffenheim angeblich weniger Geld zur Verfügung, obwohl ihre Unterstützer - Milliardäre (Dietrich Mateschitz, Dietmar Hopp) und Milliardenkonzerne (Bayer AG, VW) - jeweils als finanzkräftiger einzuschätzen sind als die FC Bayern München AG?

Und: Warum können sich jene Klubs - hinzu kommt das börsennotierte Borussia Dortmund, das zu den umsatzstärksten Klubs in Europa zählt - nicht ebenfalls Gehälter von rund zehn Millionen Euro pro Jahr für ihre vier bis fünf besten Spieler leisten?

Die Antwort lautet kurzgefasst: Weil sie es nicht wollen! Sei es aus traumatischen (der BVB stand 2004 kurz vor der Pleite) oder strategischen Gründen (VW schränkte sein Investment beim VfL Wolfsburg nach dem "Abgasskandal" ein).

Erste Warnsignale für den FC Bayern?

Allerdings: Zuletzt hat der FC Bayern überraschend viele Punkte liegen lassen. In der Rückrundentabelle liegt er nur auf Platz vier. Dabei deutet sich bereits an, dass es für die Münchner künftig wieder schwerer wird, den Titel regelmäßig zu gewinnen. Denn:

Faktor Neuer: Mit Ersatztorwart Sven Ulreich gewann der FC Bayern nur zwei seiner fünf Bundesligaspiele in dieser Saison.

Faktor Vierfachbelastung: Vor dem Champions-League-Hinspiel bei RB Salzburg verlor der FC Bayern beim VfL Bochum. Vor dem Rückspiel und nach dem Rückspiel gegen RB Salzburg gelangen dem FC Bayern in der Bundesliga jeweils nur ein Remis gegen Bayer Leverkusen und bei der TSG 1899 Hoffenheim. 

Faktor Auswärtsspiel: Zwei seiner letzten drei Auswärtsspiele konnte der FC Bayern in der Bundesliga nicht gewinnen. Bei diesen Spielen waren jeweils schon deutlich mehr Fans zugelassen als in der harten Phase der Coronapandemie. Nicht zu vergessen, dass die Münchner in der 2. Runde des DFB-Pokals bei Borussia Mönchengladbach mit 0:5 ausschieden - damals waren fast 50.000 Zuschauer erlaubt. Auch im Achtelfinal-Hinspiel der Königsklasse in Salzburg sprang vor rund 30.000 Zuschauern nur ein mühsames 1:1 heraus.

Faktor Konkurrenz: Borussia Dortmund hat für die kommende Saison Bayern-Verteidiger Niklas Süle verpflichtet. Medienberichten zufolge soll Süle rund zwölf Millionen Euro pro Jahr verdienen - gemeinsam mit Marco Reus der Topwert beim BVB.

Gibt es bis 2025 einen neuen deutschen Meister?

Fazit: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein anderes Team als der FC Bayern zeitnah deutscher Meister wird, steigt, sobald...

a,...Manuel Neuer, Thomas Müller oder Robert Lewandowski dem FC Bayern in irgendeiner Form (verletzt, wechselwillig) länger fehlen.

b,...die Vierfachbelastung für die Münchner Spieler wieder zunimmt - und das wird sie, Stichwort Winter-WM 2022 in Katar, Heim-EM 2024 und "Finale Dahoam" in der Königsklasse 2025.

c,...die Münchner wieder regelmäßig auswärts vor ausverkauften Haus antreten müssen - gerade in Dortmund vor 80.000 Zuschauern.

d,...die Konkurrenz finanziell nicht mehr feige ist, ihr Potenzial ausschöpft und mutig investiert. Macht der BVB etwa gerade mit der Süle-Verpflichtung den Anfang?

Der FC Bayern hat eine fantastische sportliche Bilanz vorzuweisen und die Meisterschaft 2021/22 dürfte ihm angesichts von sechs Punkten Vorsprung auf das zweitplatzierte Borussia Dortmund nicht mehr zu nehmen sein. Viele Faktoren sprechen aber dafür, dass es im Zeitraum 2022/23 bis 2024/25 zumindest in einer Spielzeit davon auch mal einen anderen deutschen Meister als den FC Bayern geben wird.

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Daniel Michel  
31.03.2022