Neuer Trainer für den Aufsteiger

Verlegenheitslösung Kramer? Schalke ist nicht attraktiver!

Kramer wird überraschend Chefcoach auf Schalke. Foto: Getty Images
Kramer wird überraschend Chefcoach auf Schalke. Foto: Getty Images

Der FC Schalke 04 wird am Dienstag laut übereinstimmenden Medienberichten Frank Kramer als neuen Cheftrainer präsentieren. Unter vielen Fans ist die Überraschung groß, Enttäuschung macht sich breit. Dass der Coach, der bei Arminia Bielefeld vor einem Abstieg beurlaubt wurde, jetzt für Aufbruchstimmung auf Schalke steht, ist in der Tat schwer vorstellbar.

Auch wenn zuletzt wenig durchgesickert war, was potenzielle Trainerkandidaten bei den Königsblauen anbelangt: Die Vorstellung, Schalke habe wochenlang nur an Kramer gedacht und ihn nun endlich zur Unterschrift bewegen können, ist abwegig. Vielmehr drängt sich der Eindruck einer Verlegenheitslösung auf. Von der ein oder anderen Absage höher gehandelter Kandidaten kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgehen, dann mag Sportdirektor Rouven Schröder an gemeinsame Zeiten mit Kramer bei der SpVgg Greuther Fürth gedacht haben. Dass der neue Schalke-Coach sich als Bundestrainer von Juniorennationalmannschaften durchaus den Ruf verschafft hat, mit Talenten umgehen zu können, und deshalb auch von RB Salzburg angeheuert wurde, ließe sich darüber hinaus ins Feld führen. Zudem hat Kramer Bielefeld immerhin einmal souverän zum Klassenerhalt geführt und kennt den Tabellenkeller der Bundesliga, in dem sich Schalke in der neuen Saison unweigerlich bewegen dürfte.

Klammste Kassen

Es gibt also durchaus das ein oder andere Argument, weswegen es nicht völlig abwegig ist, auf Frank Kramer als neuen Trainer von Schalke 04 zu kommen. Das wichtigste Argument aber liegt wohl nicht auf Seiten des Übungsleiters, sondern beim Klub selbst. Aller Aufstiegseuphorie zum Trotz: Der FC Schalke 04 stellt dieser Tage sicher nicht das attraktivste aller Arbeitsumfelder dar. Da sind die klammen Kassen, aufgrund derer die Verantwortlichen zuletzt schweren Herzens die Kaufoption von Ko Itakura verstreichen lassen mussten. Und die auch völlig unklar lassen, mit welchem Aufgebot es in die neue Saison gehen wird und wie realistisch die Hoffnungen auf den Klassenerhalt sein werden. Schalke fehlt aktuell zum Beispiel ein Stammtorhüter und ein Abwehrchef, und ob sich der Klub als Erstligist wie zuletzt auf Simon Terodde als Top-Torjäger verlassen kann, sei dahingestellt.

Kabine kann Pulverfass sein

Die Kassen würden deutlich erleichtert, sollte es gelingen, nicht mehr gewollte, aber bestens bezahlte Profis zu verkaufen. Ob es gelingt, die Ozan Kabaks und Amine Harits zu Geld zu machen, ist völlig unklar. Wenn dem nicht so wäre, drohte dem neuen Cheftrainer gleich ein Pulverfass in der Kabine, wo ausgerechnet die am meisten verdienen, die sportlich nicht mehr eingeplant sind. Der künftige Coach braucht also ein dickes Fell, und das bezieht sich nicht nur auf das spielende Personal des FC Schalke 04. Denn natürlich ist auch ein Thema, dass Aufstiegstrainer Mike Büskens in die zweite Reihe rückt. Unter der Klubikone gelang ein vielerorts gar nicht mehr für möglich gehaltener Endspurt bis zur Zweitliga-Meisterschaft.

Natürlich ist Büskens ein Thema

Nun will Büskens wieder Assistent sein und sich vor allem um junge Spieler kümmern. So oft sie auf Schalke auch betonen mögen, dass das auf keinen Fall ein Problem für den neuen Cheftrainer sein wird: Natürlich kann das schnell zum Problem werden. Da reicht ein Blick zum ewigen Ruhr-Rivalen Borussia Dortmund, wo Edin Terzic die Trennung von Marco Rose zwar nicht selbst betrieben hat, seine Anwesenheit als Option für den Fall der Fälle aber selbstverständlich einen Beitrag zur überraschenden Entscheidung geleistet hat. Insgesamt ist die Konstellation auf Schalke schlichtweg keine, in der ein Aufsteiger in die Bundesliga die ganz große Wahl unter den spannendsten Trainerpersönlichkeiten hat, die der Markt so hergibt. Ob es mit Frank Kramer gelingen wird, steht auf einem anderen Blatt. Die an Entrüstung grenzenden Reaktionen auf seine Verpflichtung würden einer ehrlichen Selbsteinschätzung der Fans der Königsblauen jedenfalls nicht standhalten.

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Lars Pollmann  
06.06.2022