Probleme bei Spitzenteams

Verkennen Bayern und BVB ihre brenzlige Situation?

Beim FC Bayern und Borussia Dortmund läuft es nicht rund.
Beim FC Bayern und Borussia Dortmund läuft es nicht rund. Foto: Getty Images

Der FC Bayern München und Borussia Dortmund drohen ihre großen sportlichen Ziele zu verpassen. Doch ist den beiden deutschen Spitzenteams diese pikante Lage bewusst?

Ist Borussia Dortmund wieder zurück im Rennen um die Champions League-Plätze? Der Blick auf die vergangene Woche könnte darauf schließen lassen. Der BVB siegte zunächst in der Königsklasse beim FC Sevilla mit 3:2 und am Wochenende in der Bundesliga beim FC Schalke 04 mit 4:0. Trotz sechs Punkten Rückstand sieht sich der BVB für das Rennen um die Top 4 gerüstet. Doch haben sie bei der Borussia den Ernst der Lage wirklich erkannt?

1.) Überbewertete Siege

Sevilla befindet sich in der LaLiga zwar in der Spitzengruppe, doch die Dominanz der spanischen Mannschaften in Europapokalwettbewerben hat angesichts der Coronakrise sehr gelitten. Bereits in der Vorrunde bekleckerten sich die Topteams nicht mit Ruhm. Atletico Madrid verlor in München 0:4 und erreichte im Rückspiel gegen ein B-Team nur ein 1:1. Real Madrid kam als Spitzenreiter vor Borussia Mönchengladbach weiter, verlor allerdings beide Duelle gegen Schachtor Donezk. Der FC Barcelona blamierte sich im Achtelfinale der Champions League im Hinspiel mit 1:4 gegen Paris Saint-Germain, Real Sociedad San Sebastian verlor im Sechzehntelfinale der Europa League mit 0:4 gegen Manchester United.

Der BVB hatte es mit einem unangenehmen, aber nicht übermächtigen Gegner aus Sevilla zu tun. Und dennoch brachte sich das Team durch den späten Anschlusstreffer zum 2:3 noch selbst in Schwierigkeiten. Und der Erfolg auf Schalke? Die Gelsenkirchener sind mit Abstand das schwächste Glied in der Bundesliga, der Klassenerhalt ist in weite Ferne. Es waren zwei wichtige Erfolge für den BVB, die aber nicht automatisch einen Turnaround bedeuten und vor allem auf die individuelle Klasse von Jadon Sancho und Erling Haaland zurückzuführen sind.

2.) Fehleinschätzung der Bundesligakonkurrenz 

Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ließ bei Sport1 durchblicken, wie gut er die Position des BVB weiterhin sieht: "Es sind sechs Punkte auf Frankfurt und Wolfsburg. Eines der beiden Teams müssen wir am Ende hinter uns lassen. Es ist sicherlich gut, dass wir im direkten Vergleich noch auf beide Mannschaften treffen. Für uns ist also nach wie vor noch alles drin.” Allerdings blendete Watzke damit völlig den Blick auf die Tabelle aus. Der VfL Wolfsburg und Eintracht Frankfurt agieren äußerst stabil, haben keine Dreifachbelastung zu stemmen – und insgesamt jeweils erst zweimal (!) verloren.

Die Borussia hingegen steht bereits bei acht Saisonniederlagen und ließ vor allem Punkte gegen die vermeintlich kleinen Gegner liegen. Es wirkt nicht so, als ob Watzke und Co. die Qualität der Wölfe und Frankfurter aktuell richtig einschätzen können. Das Duo hat vor allem gegen die Mannschaften aus der zweiten Tabellenhälfte eine brutale Konstanz und lässt keine Zähler liegen. Bei Dortmund ist bislang nur die Inkonstanz eine Konstante.

3.) Eigene Probleme werden ignoriert

Acht Siege, zwei Unentschieden, vier Niederlagen: Die Bilanz von Cheftrainer Edin Terzic ist keineswegs überragend, die Schwäche gegen kleine Klubs konnte auch er noch nicht abstellen. Zudem ist der Coach eine “lame duck” und wird im Sommer definitiv von Marco Rose abgelöst. Die Stimmung kann er nur mit Siegen hochhalten. Marco Reus ist als Kapitän nach einigen frühzeitigen Auswechslungen und Bankaufenthalten angeschlagener denn eh und je, zudem ist die Torhüterposition mit Roman Bürki und Marwin Hitz nicht hochklassig besetzt.

Und dann ist da die Personalie Mats Hummels. Der Abwehrmann lässt keine Zweifel an seinem Status als bester Verteidiger in Deutschland aufkommen. Doch die Glanzzeiten sind vorbei, vor allem das Tempodefizit nutzen mehr und mehr Gegner zu ihren Gunsten aus. Ob seine teilweise sehr selbstbewussten Interviews intern immer gut ankommen, ist nicht sicher. Zwei Siege werden nicht dabei helfen können, diese vielen Probleme zu übertünchen.

Im Süden der Republik gibt es beim FC Bayern ein ähnliches Phänomen zu beobachten. Es läuft sportlich nicht rund und bei der Suche nach Gründen wird eher kurz gegriffen. Dabei droht der Sextuple-Sieger aktuell die Titelverteidigung in der Bundesliga zu verspielen, in der Champions League steht mit Lazio Rom ein unangenehmer Gegner gegenüber.

1.) Überbewertete Siege

Wie auch die Borussia haben die Münchner ihre Siege möglicherweise etwas überschätzt. Der FC Bayern hatte oftmals Glück, bereits gegen Augsburg, Freiburg oder Bielefeld holte das Team Siege oder Unentschieden der Marke schmeichelhaft. Sportvorstand Hasan Salihamidzic hatte vor dem Spitzenduell in Frankfurt die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt, setzte einen klaren Erfolg voraus.

Offenbar wurden nur die Münchner selbst von dieser 1:2-Niederlage überrascht. Es ist eine gefährliche Mixtur für den FC Bayern, der im Titelrennen davonzueilen schien und nun wieder verstärkt RB Leipzig in den Blick nehmen muss – und vielleicht noch die starken Wolfsburger und Frankfurter? Die Spielzeit geht noch lange, 12 Spieltage sind noch im Meisterrennen zu absolvieren.

2.) Auch Flick macht Fehler

Marcel Reif fand in seiner Rolle als Experte im Sport1-Doppelpass nach der Niederlage in Frankfurt deutliche Worte: “Da waren Fehleinschätzungen dabei.” Er kritisierte die Entscheidung von Cheftrainer Hans-Dieter Flick, den an Corona erkrankten Benjamin Pavard durch Niklas Süle zu ersetzen und ihn gegen Filip Kostic zu stellen. “Bouna Sarr kann das nicht. Aber Kimmich hat dort doch mal ganz gut gespielt”, so Reif. Er bemängelte zudem die Leistung von Marc Roca: “Man sieht, dass er Fußball kann – aber noch nicht in dieser Liga. Da fragt man sich: Wer hat denn den B-Jugend-Spieler aufgestellt?”

Sein Lösungsansatz wäre gewesen, David Alaba ins Mittelfeld, Joshua Kimmich auf die rechte Verteidigerseite und Lucas Hernandez in die Innenverteidigung zu ziehen. Es ist diese fehlende Flexibilität von Flick, die möglicherweise wichtige Punkte kostet. Zudem gibt es nur ein Spielsystem, die Konkurrenz wird nicht mehr überrascht. Variabilität? Überraschungsmomente? Eintracht-Trainer Adi Hütter hatte vor der Partie mit Süle auf der Position gerechnet und sein Team perfekt darauf eingestellt. Das 1:0 fiel dann auch genau nach dem Schema Eintracht über die linke Seite. Den FC Bayern ausgecoacht? Es sollte nicht zu häufig passieren.

3.) Matthäus warnt vor Leipzig

RB Leipzig hat sich Stück für Stück wieder in den Titelkampf reingekämpft, der Abstand zum FC Bayern beträgt nur noch zwei Punkte. “Das wird kein Selbstläufer”, wurde Lothar Matthäus in seiner Sky-Kolumne So sehe ich das deutlich. Vor allem ein Punkt ist für den Weltmeister von 1990 elementar: “Leipzig kann von der Bank aus für mich auf den meisten Positionen besser nachlegen.” Dies war in der Vergangenheit vor allem ein Qualitätsmerkmal der Münchner.

Doch die Transferpolitik ging im vergangenen Sommer völlig in die Hose, der Kader ist schwächer als in der Vorsaison. Leroy Sane, Bouna Sarr, Eric Maxim Choupo-Moting, Marc Roca und der verletzte Douglas Costa konnten die Abgänge Philippe Coutinho, Ivan Perisic und Thiago Alcantara zu keinem Zeitpunkt auffangen. Wird der FC Bayern erstmals seit 2012 vom Thron verdrängt? Ausgerechnet Ex-Bayern-Trainer Niko Kovac stellte bei Sport1 bereits fest: “Generell glaube ich, dass es in dieser Saison in der Bundesliga ein Stühlerücken geben kann. Frankfurt, auch Wolfsburg, können davon profitieren.” So wirklich bewusst scheint diese Gefahr in Dortmund und München noch niemandem zu sein.

Florian Bolker  
23.02.2021