Bayerncoach mit Fehlern

Tuchel und der FC Bayern: Warum der Abschied auf Raten längst eingeläutet ist

Thomas Tuchel steht beim FC Bayern unter Druck. Foto: Getty
Thomas Tuchel steht beim FC Bayern unter Druck. Foto: Getty

"Endspiel für Tuchel?" So teaserte am Mittwoch eine Münchner Boulevardzeitung das angespannte Verhältnis zwischen dem FC-Bayern-Kosmos und Trainer Thomas Tuchel an. Der Abschied auf Raten hat längst begonnen.

Was für Tuchel typisch ist

Thomas Tuchel ist ein Trainer, der stets nach dem Motto "Reibung erzeugt Hitze und Erfolg" handelt. Allerdings hat der 50-Jährige nicht begriffen, dass man diese Methode bei hochsensiblen FC-Bayernprofis nur in kurzen Phasen anwenden darf. Hinzu kommt ein ebenso typischer Tuchel-Kreislauf: Mit Psychospielchen (u.a. "Kimmich kein Sechser") und falscher Trainingssteuerung (u.a. Trainingslager in Portugal zwischen zwei Bundesligaspielen) macht er die Hälfte seines Kaders platt, um sich dann zu beklagen, dass er zu wenig Spieler zur Verfügung habe. fussball.news hat dieses Szenario schon im Sommer 2023 skizziert, weil Tuchel im Grunde auf all seinen Stationen ähnlich vorgegangen ist. In Dortmund musste er einst sogar mehrere A-Jugendspieler einsetzen, um ein Bundesligaspiel zu bestreiten. Die Frage ist nur: Warum wussten das die damaligen Bayernbosse Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic nicht oder haben es bei Tuchels Verpflichtung im März 2023 ausgeblendet? Und warum war Tuchel auf den FC Bayern und die Bundesliga nicht besser vorbereitet?  

Deswegen haben die Ex-Profis Dietmar Hamann und Markus Babbel mit ihren Urteilen über Tuchel nicht unrecht. Hamann bezeichnete Tuchel bei Sky als das "größte Missverständnis seit Jürgen Klinsmann". Babbel zeigte sich bei ran äußerst irritiert, dass der gebürtige Bayer Tuchel den FC Bayern in seinem Wesenskern immer noch nicht verstanden habe. Der Ex-Profi und Taktikexperte Thomas Broich legte in der Abendzeitung noch ein scharfes Urteil nach: Tuchel sei sinngemäß ein Downgrade für den FC Bayern, die Spielweise sei nicht mal mehr national auf Höhe der Zeit.

Blamage in Leverkusen

Tiefpunkt war nun die demütigende 0:3-Niederlage im Topspiel bei Bayer Leverkusen. Tuchel verzockte sich komplett mit Aufstellung und Taktik. Seine Spieler wiederum wirkten nicht bereit, für ihn und den Klub durchs Feuer zu gehen. Sie waren aber offenbar auch mental nicht in der Lage dazu. Selten stellte sich eine Bayernmannschaft im neuen Jahrtausend peinlicher in einem Bundesliga-Topspiel an. Die Niederlage war kein Zufall, sie war der Tiefpunkt einer sich abzeichnenden negativen Entwicklung.

Dabei ist es auch wichtig, bei den Aussagen der Protagonisten zwischen den Zeilen zu lesen. Die Bayernführung maßregelte Tuchel bereits in der Hinrunde mehrfach. Unter anderem sollte er sein Wehklagen über Kadergröße und Kaderqualität einstellen. Tuchel wiederum ließ verlauten, in Ländern wie England werde seine Leistung mehr wertgeschätzt. Das waren auch für Bayernverhältnisse schon größere Dissonanzen auf diplomatischem Parkett.

Nicht zu vergessen: Der Coach besitzt nur einen Vertrag bis 2025. Wäre die Klubführung zufrieden mit dem Trainer, hätte sie spätestens im Winter 2023/24 eine Charmeoffensive zur Vertragsverlängerung starten müssen. Das war nicht der Fall. Zuletzt kursierten bereits öffentlich Namen über mögliche Nachfolger für Tuchel. In der Regel erfinden Medien diese Namen nicht, sondern bekommen sie aus dem Vereins- und Beraterumfeld gestreut. In jedem Fall ist es auch ein schlechtes Zeichen für den aktuellen Coach.

Tuchel hält demnach nur die Hoffnung auf Erfolg noch auf der Bayernbank. Im DFB-Pokal war das Aus in Runde zwei besiegelt. Seit Samstag ist auch die deutsche Meisterschaft zumindest für die Tuchel-Bayern in weite Ferne gerückt. Bliebe noch die Champions League. Wobei unbestritten sein dürfte, dass Teams wie Manchester City und Real Madrid derzeit den FC Bayern noch schlimmer als Leverkusen zerlegen können. Doch zum Glück für die Münchner wartet im Achtelfinale nur der Tabellenachte der Serie A, Lazio Rom. Ein Vorrücken ins Viertelfinale ist wahrscheinlich, weshalb Tuchel noch im Amt bleiben dürfte.

Abschied auf Raten

Doch der Abschied auf Raten ist eingeläutet und wohl nicht mehr zu stoppen. Die Frage ist nur: Kann Tuchel für ein versöhnliches Saisonende 2023/24 sorgen? Oder wird er schon im März wie Vorgänger Julian Nagelsmann oder im April wie einst Jürgen Klinsmann gefeuert? Die Antwort ist wohl relativ simpel: So lange der FC Bayern noch in der Champions League spielt und der Abstand auf Leverkusen in der Bundesliga nicht noch größer wird, bleibt Tuchel im Amt. Spätestens aber im Sommer 2024 werden Klubführung wie Coach eine Erklärung finden, warum es besser ist, getrennte Wege zu gehen.

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Daniel Michel  
14.02.2024