Finanzpoker

Finanzexperte: Super League war "Druckmittel und Hilfeschrei" der Topklubs

Lionel Messi will an Danilo vorbeiziehen.
Lionel Messi will an Danilo vorbeiziehen. Foto: Imago

Vier Tage nach der Bekanntgabe ihrer Gründung gilt die Super League schon wieder als Geschichte. Wie soll man nun dieses gescheiterte Projekt einordnen? Ein Finanzexperte liefert Ansätze und verrät auch, ob die Aktionäre von Borussia Dortmund den Klub theoretisch in eine Super League hätten zwingen können.

„Die Gründer der Super League wollten nicht den Fußball retten, sondern sie waren vom Geld getrieben“, erklärt Finanzexperte Michael Heimrich gegenüber fussball.news. Der 53-Jährige zählt zu den wenigen Fondsmanagern ("TOP Sport Global Equity") in Deutschland, die sich auf die Geschäftspraktiken von Sportunternehmen – insbesondere Fußballklubs – spezialisiert haben. Dafür ist Heimrich auch regelmäßig mit den Funktionären deutscher Bundesligisten im Austausch. So urteilt Heimrich nun über den Großteil der zwölf Gründerklubs der Super League: „Diese Vereine, die in der Regel exorbitant hohe Personalkosten aufweisen, besitzen in Zeiten von Corona meist nur zwei Optionen: Entweder sie finden neue Einnahmequellen oder sie verringern ihre Kosten.“ Da es auch in Krisenzeiten rechtlich sehr schwierig sei, beispielsweise bei den Stars Gehaltskürzungen vorzunehmen, bleibe als letzter Ausweg die Suche nach neuen Einnahmequellen.

3,5 Milliarden Euro, im Schnitt also 175 Millionen Euro pro Klub, hat die Super League mit geplanten 20 Startern vorgesehen gehabt. Zunächst finanziert von der US-Bank JP Morgan, wären womöglich durch die Vergabe von TV-Rechten und Zuschauereinnahmen weitere Gelder eingenommen worden. Für Heimrich war das Projekt der Super League jedoch eher ein „Hilfeschrei“ von Topklubs wie dem FC Barcelona. Barca hat Berichten zufolge mit finanziellen Belastungen in Höhe von rund einer Milliarde Euro zu kämpfen und muss um sein Überleben in der jetzigen Form bangen.

"Zugpferde der Königsklasse"

Zugleich ist Heimrich überzeugt, dass die Gründerklubs auch den europäischen Fußballverband UEFA unter Druck setzen wollten, damit die Einnahmen für die Teilnahme an der Champions League erhöht werden. „Diese Topklubs sehen sich als Zugpferde der Königsklasse an und fordern deshalb seit Jahren mehr Geld von der UEFA“, betont Heimrich. Tatsächlich kursieren nun Gerüchte, dass die UEFA mit der Champions-League-Reform 2024 auch neue Werbepartner und damit höhere Einnahmen hereinholen wird.

UEFA und FIFA, so Heimrich, haben den zwölf abtrünnigen Super-League-Klubs unter anderem mit der Androhung von Spieler-Sperren und Ligen-Ausschluss eine aggressive Antwort gegeben und dadurch den Machtkampf vorerst gewonnen. Allerdings sei das Grundproblem, das im Kern aus überhöhten Personalkosten und immer geringer werdenden Einnahmen bestehe, noch nicht gelöst. „Die Corona-Krise verschärft die Lage für die Topklubs enorm. Ausverkaufte Stadien und hohe Umsätze bei Merchandising und Catering stellen eine Grundsäule der Finanzierung von Profiklubs dar, die nun fast komplett weggebrochen ist“, fasst Heimrich die Situation zusammen.

Hätte BVB in Super League gezwungen werden können?

Bliebe noch die Frage, die sich einige Fans in Deutschland auch gestellt haben: Hätten Aktionäre von Borussia Dortmund die Vereinsführung dazu zwingen können, das Angebot einer Super-League-Mitgliedschaft anzunehmen, da es für den Verein finanziell attraktiv wirkt? „Rund 60 Prozent der BVB-Aktien befinden sich im Free Float“, erklärt Heimrich und führt aus: „Theoretisch könnten also die privaten Anleger eine Mehrheit für dieses Vorhaben erreichen und sich gegen vereinsnahe Großaktionäre wie Hauptsponsor Evonik durchsetzen. Allerdings: Die Handlungsmacht liegt bei der Geschäftsführung des BVB.“ Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hatte sich bereits vorab gegen die Teilnahme an der Super League ausgesprochen. Potenziell Super-League-freundliche BVB-Aktionäre müssten dann also erst Hans-Joachim Watzke vom Thron stürzen. Ein sehr unrealistisches Szenario – womit man gedanklich wieder bei der Super League angekommen ist.

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Daniel Michel  
22.04.2021