Champions League-Finals im Vergleich

Sinkende TV-Quoten als Alarmzeichen für den deutschen Fußball

Vor leeren Rängen: Manuel Neuer (r.), hier im Duell mit PSG-Star Kylian Mbappe, sicherte sich mit dem FC Bayern München den Champions League-Titel 2020.
Vor leeren Rängen: Manuel Neuer (r.), hier im Duell mit PSG-Star Kylian Mbappe, sicherte sich mit dem FC Bayern München den Champions League-Titel 2020. (Photo by David Ramos/Getty Images)

Noch immer hat Corona die Einlass-Tore vor den Fußballstadien fest im Griff. Geisterspiele, kein Public Viewing und keine hinterherreisenden Fans: Ein Gewinn für die TV-Sender - könnte man denken. Im Vergleich zur jüngsten Vergangenheit wirken die Einschaltquoten wie ein Anstieg. Doch betrachtet man das Endspiel der Champions League 2020 mit anderen Finals mit deutscher Beteiligung, so ist ein klarer Abwärtstrend erkennbar.

12,79 Millionen Menschen haben am vorletzten Sonntag im ZDF das Champions League-Finale zwischen dem FC Bayern München und Paris Saint-Germain verfolgt. "Das Finale war das Sportevent des Jahres. Wir freuen uns, dass knapp 13 Millionen Zuschauer dieses spannende Topspiel voller Dramatik und Klasse im ZDF miterlebt haben", wurde ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann im SportBuzzer zitiert. Das Endspiel in der Königsklasse war die "bisher meistgesehene TV-Sendung des Jahres 2020". Weitere 1,04 Millionen Zuschauer haben beim Pay-TV-Sender Sky das Finale verfolgt, Anbieter DAZN gab keine Zahlen bekannt.

Mehr Zuseher, als in den Vorjahren

Vergleicht man diese Quoten mit denen der Vorjahre, lesen sich die Zahlen gut. Laut Quotenmeter sahen 2018 beim Finale zwischen dem FC Liverpool und Real Madrid 9,63 Millionen Menschen im ZDF zu, zwischen 2017 und 2014 pegelte sich der Wert zwischen 9,72 und 7,44 Millionen Fußball-Begeisterten ein - alle ohne Beteiligung eines Teams aus der Bundesliga. 2013, beim deutschen Duell zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München, schauten dagegen 21,61 Millionen Fans zu. Sicherlich, Deutschlands beide größten Fan-Lager waren damals im Finale der Champions League vertreten - dennoch waren es fast doppelt so viele Zuschauer, als in diesem Jahr.

Corona-Effekt bleibt aus

Und das, obwohl die Corona-Pandemie eigentlich dafür sorgen müsste, dass die Einschaltquoten in die Höhe schießen. In Lissabon, dem Finalort 2020, waren weder Zuschauer im Stadion zugelassen, noch reisten tausende Fans ohne Eintrittskarte in die portugiesische Hauptstadt. Auch ein Public Viewing über Großleinwände fiel in diesem Sommer flach. Dafür, dass sich die meisten Menschen zuhause an den eigenen TV-Geräten versammelten, scheint die Quote von knapp 13 Millionen Zusehern eher gering zu sein. Auch die Sportschau in der ARD musste zuletzt Einbußen erleiden. 4,81 Millionen Menschen sahen samstags vor der Corona-Pandemie der Bundesliga zu, zwischenzeitlich fiel der Wert nach der Zwangspause sogar auf 3,3 Millionen Zuschauer ab. Danach stieg die Quote zumindest wieder auf rund vier Millionen Zuseher.

Gründe für den Quoten-Abfall

Was sind die Gründe dafür? Die einen reden von Protest wegen des Ausschlusses in den Stadien, die anderen meinen, die vielen verschiedenen Anbieter machen den Markt kaputt. Wieder andere denken, die Bundesliga sei zu langweilig geworden. Demnach könnte der FC Bayern München mit seiner achten Meisterschaft in Folge einigen Fußball-Fans zur Last gefallen sein. Doch was wäre dann die Ausrede für die Champions League?

Rückblick 2012 und 1997

Es sei wieder ein Rückblick in die Vergangenheit erlaubt. Finals der Königsklasse mit deutscher Beteiligung besaßen vor dem Jahr 2020 deutlich mehr Zuseher. Das "Finale dahoam" 2012 zwischen dem FC Bayern und dem FC Chelsea verfolgten 16,77 Millionen Zuschauer im Free-TV (Sat1) - und dabei war ganz München und wahrscheinlich auch halb Oberbayern beim Public Viewing unterwegs, sonst wäre die Quote um circa zwei bis drei Millionen Zuseher an den häuslichen Fernsehgeräten höher ausgefallen. Und: Das Endspiel 1997, als Borussia Dortmund gegen Juventus Turin den Henkelpott holte, sahen 15,26 Millionen (RTL). In den 1990er Jahren besaß der Fußball aber deutlich weniger Interessierte als heutzutage. Insofern darf man schon attestieren, dass der Fußball in Deutschland derzeit Fans und Sympathisanten verliert. Die Gründe mögen unterschiedlich sein, aber wenn TV-Chefs und Vereinsfunktionäre des FC Bayern suggerieren, der Fußball wäre immer noch Trendsetter und ziehe mit Spektakel die Fan-Massen an, darf man diese PR-Aussagen durchaus hinterfragen.

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Tom Jacob  
02.09.2020