Schwere Zeit bei Chelsea

Schürrle rechnet mit Mourinho ab: "Dachte, ich kann nicht mehr"

Mourinho (r.) machte Schürrle (l.) das Leben in London schwer.
Mourinho (r.) machte Schürrle (l.) das Leben in London schwer. Foto: Getty Images

Für Andre Schürrle war der Wechsel zum FC Chelsea mit gerade einmal 22 Jahren ein großer Schritt. Zwei Jahre lang kickte der Weltmeister, der kürzlich überraschend seine Karriere bei Borussia Dortmund beendete, für die Blues. Dass es nicht mehr wurden, lag mitunter an Jose Mourinho, der es dem Ex-Nationalspieler in London schwer machte.

Zum FC Chelsea zu wechseln, war für Schürrle der "große Traum". Im Sommer 2013 entschied sich der gebürtige Ludwigshafener für den Transfer von Bayer Leverkusen in die Premier League zum FC Chelsea. Mit "The Special One" sollte der 57-fache deutsche Nationalspieler auf einen ganz speziellen Weggefährten treffen.

Mourinho scherzte: "...ansonsten verleihe ich dich nach Southampton"

Im Gespräch mit TV-Moderator Joko Winterscheidt sprach Schürrle auf YouTube unter anderem über seine schwere Zeit mit dem Portugiesen, die bereits zum Start seltsam begann. "Ich war beim Abschiedsspiel von Michael Ballack, das in Leipzig stattfand. Ich stand zu diesem Zeitpunkt (5. Juni 2013; d. Red.) bereits in Verhandlungen mit Chelsea. Mourinho war in diesem Spiel mein Trainer", fing der heute 29-Jährige an zu erzählen und lieferte dabei die erste Anekdote. "Er sagte zu mir, wenn du heute keine zwei Tore schießt, verleihe ich dich nach Southampton", so Schürrle, der damals nicht wusste: "Macht der jetzt Spaß oder nicht?"

"Er ist ein brutaler Typ"

Schließlich in London angekommen, bekam der Ex-Angreifer die Art und Weise des 57-Jährigen erst richtig zu spüren. "Er ist ein brutaler Typ", verriet der ehemalige Chelsea-Star, der Probleme mit seinem damaligen Trainer zugab. "Ich habe mir immer gedacht: Was macht der überhaupt? Wie behandelt er mich? Was macht der mit den Menschen? Im Nachhinein merke ich, was er wollte und mit welchen Mitteln er gearbeitet hat. Und ich konnte damals gar nicht so recht klarkommen mit den Dingen, die er von mir wollte, mit dieser Härte und mit diesem psychischen Druck."

Diese Situation machte Schürrle in seinen jungen Jahren enorm zu schaffen. "Jetzt merke ich, wenn man das alles ein bisschen lockerer gesehen hätte und mehr in diesem Business drinnen gewesen wäre, dann hätte man das viel anders nutzen können", so der Ex-Profi, der anfügte: "Damals war es manchmal extrem schwer. Ich bin oft nach Hause gefahren, wenn ich ein Gespräch mit ihm hatte und dachte einfach, ich kann nicht mehr. Was soll ich machen? Weil er so einen extremen Druck aufbaute."

"Habe Selbstwertgefühl verloren, mein Ego war verletzt"

Für den Weltmeister von 2014 sei das "als 22-, 23-Jähriger schon relativ schwer gewesen", wie er weiter ausführte: "Ich habe zwar schon immer gespürt, dass er auf mich stand und er wollte mich pushen und trotzdem hat er mir ein paar Dinge in den Kopf gesetzt, die waren schon schwer zu verarbeiten.“

Nachdem Mourinho in der Saison 2013/14 noch auf Schürrle setzte, wendete sich nach dem WM-Erfolg und mit der neuen Spielzeit das Blatt. „Es war oft so, ich habe von Anfang an gespielt und er hat mich in der Halbzeit ausgewechselt. Und im nächsten Spiel war ich gar nicht im Kader und war auf der Tribüne. Ich konnte das damals nicht verstehen und habe auch Selbstwertgefühl verloren, weil das Ego verletzt ist. Dann machst du dir Gedanken darüber, was er denken könnte. Ich hatte dann manchmal im Training auch das Gefühl, dass er nur auf mich schaut. Aber es war vermutlich gar nicht mal der Fall“, schilderte der Ex-Nationalspieler, für den es sich damals anfühlte, als würde ihn „jemand beobachten und denken, du bist scheiße.“

Karriereende mit 29

Für Schürrle ging es im Winter 2015 letztlich zurück in die Bundesliga zum VfL Wolfsburg, danach zu Borussia Dortmund und einen kurzen Ausflug in die russische Liga. Mit 29 Jahren beendete er in diesem Sommer überraschenderweise seine Karriere. "Man muss ja immer eine gewisse Rolle spielen, um in dem Business zu überleben, sonst verlierst du deinen Job und bekommst auch keinen neuen mehr", erklärte er im Juli dem SPIEGEL. Dass Mourinhos Umgang womöglich Anteil am weiteren Karriereverlauf und am Entschluss, dem Druck im Profifußball den Rücken zu kehren, trug, scheint durchaus möglich zu sein.

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Adrian Kuehnel  
17.09.2020