System-Diskussion beim BVB

Ohne Not zur Viererkette? Favre ginge ein Risiko ein

Favre ist ein Verfechter der Viererkette. Foto: Daniel Kopatsch/Getty Images
Favre ist ein Verfechter der Viererkette. Foto: Daniel Kopatsch/Getty Images

Borussia Dortmund hat am Samstag einen ersten Dämpfer in der Vorbereitung kassiert. Gegen Feyenoord setzte es bei einem Blitzturnier in Duisburg ein 1:3. Schon vorher war nicht alles Gold, was glänzte. Doch die Gegner waren zu schwach, um dies auszunutzen. Nun entbrennt einmal mehr die System-Diskussion.

Über den BVB berichtet fussball.news-Redakteur Lars Pollmann

In allen Testspielen und einem Großteil der Trainingseinheiten hat Trainer Lucien Favre bei den Schwarzgelben die Viererkette wieder hervorgekramt. Es ist das erklärte Lieblingssystem des Schweizers, nicht aber das eines Großteils seiner Mannschaft. Sie bewirkte, das ist im Umfeld des Klubs alles andere als ein Geheimnis, im Herbst der Vorsaison die Umstellung, um defensive Anfälligkeiten abzustellen. Es war die Saisonphase, in der Favre zumindest in der öffentlichen Darstellung heftig wackelte. Nach zwölf Saisonspielen in der Bundesliga lag der BVB auf Platz sechs, in der Champions League drohte das Aus in der Gruppenphase. 

Umstellung brachte aus Einzelspielern das Beste hervor

Die Umstellung auf drei Innenverteidiger funkte, wenngleich sie nicht gänzlich reibungslos ablief. Es gab immer noch Rückschläge, das Aus im DFB-Pokal etwa, ein ganz und gar vermeidbares 3:4 gegen Bayer Leverkusen oder schwer zu erklärend leblose Auftritte im Saisonfinale. Im Großen und Ganzen aber war die Umstellung eine Erfolgsgeschichte, die auch aus einigen Einzelspielern das Beste zum Vorschein brachte. Julian Brandt, Raphael Guerreiro und der inzwischen abgewanderte Achraf Hakimi etwa kommen da in den Sinn. Dass Favre nun die Rückkehr zur Viererkette scheinbar durchzudrücken versucht, mutet durchaus seltsam an. Die Leistungen und Ergebnisse seit Herbst geben dazu keinen großen Anlass, und auch die Kaderstruktur deutet nicht sonderlich klar daraufhin, dass der BVB für die Viererkette besser aufgestellt sei.

Drei gelernte Innenverteidiger im Kader

Im Gegenteil, drei gelernte Innenverteidiger sind dafür wohl eindeutig zu wenig. Lukasz Piszczek und Emre Can, die gegen Feyenoord aufgrund des Ausfalls von Dan-Axel Zagadou ein gänzlich uneingespieltes Duett bildeten und wenig überraschend nicht zu überzeugen wussten, mögen in einer Dreierkette als Halbverteidiger gut funktionieren. Die Anforderungen der Viererkette sind aber mit und ohne Ball durchaus andere. Hieße der Trainer des BVB beispielsweise Jose Mourinho, wäre ihm zuzutrauen, dass er mit einer recht offensichtlich unpassenden Aufstellung seinen Hintergedanken Ausdruck verleiht: 'Seht her, ich brauche dringend noch ein paar Spieler', könnte das Kalkül lauten. Derart taktisches Verhalten ist Favre eigentlich aber kaum zuzutrauen. Auch wenn der 62-Jährige dieser Tage erstaunlich oft betont, dass er ob des engen Spielplans der neuen Saison zwei gleichwertige Mannschaften haben will und der Klub davon noch ein gutes Stück entfernt sei.

Option oder Entscheidung?

Dennoch ist der Fußball-Purist wahrscheinlich wirklich einfach der Ansicht, dass seine geliebte Viererkette doch besser ist als die Dreierkette, bei der er sich seinen eigenen Spielern beugte. Dem Schweizer ist dabei vermutlich egal, dass es in der Außendarstellung noch an einer überzeugenden Begründung mangelt, warum der BVB ohne erkennbare Not vom erfolgreicheren System abweichen will. Der Verweis von Favre, dass alle großen Mannschaften in Europa mit der Viererkette spielen, ist jedenfalls nicht besonders hilfreich, er mag ihn noch so oft wiederholen. Sportdirektor Michael Zorc war am Samstag beim TV-Sender Sky derweil durchaus darum bemüht, die Viererkette nur als eine Option darzustellen. Tatsächlich ist wohl auch zu erwarten, dass die BVB-Profis nicht über einige Testspiele und Trainingseinheiten vergessen, was sie bis Ende Juni recht erfolgreich praktiziert haben.

Stresstest in der ersten Saison-Phase

In der Viererkette hatte der BVB seit dem 1:3 gegen den FC Barcelona Ende November höchstens ein paar Minuten gegen Spielende einer zu drehenden Partie verteidigt. Eine Auffrischung im Trainingslager macht da durchaus Sinn. Wenn es aber nicht dabei bleibt, geht Favre ein ziemliches Risiko ein. Bei seiner Mannschaft dürfte im Hinterkopf bleiben, dass sie ihn bereits 2019 von einer Abkehr im Sinne der Stabilität überzeugen musste. Schwer vorstellbar, dass es bei neuerlichen Misserfolgen zu Beginn der neuen Saison lange dauern würde, bis es intern erneut zum Thema wird. In den sozialen Netzwerken nehmen Fans schon Wetten an, wann der BVB die Rolle rückwärts, zurück zur Dreierkette, vollzieht. In den ersten neun Pflichtspielen der Saison geht es zweimal gegen den FC Bayern (Supercup und Bundesliga), außerdem gegen Borussia Mönchengladbach und Angstgegner TSG Hoffenheim. Es wird ein Stresstest für die Viererkette, so Favre tatsächlich bei ihr bleiben will.

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Lars Pollmann  
23.08.2020