Ordnung statt Chaos

Neue Spielphilosophie für die SGE? So tickt "Taktikfuchs" Glasner

Oliver Glasner könnte die Eintracht spielerisch und taktisch weiterentwickeln. Foto: Imago

Mit Oliver Glasner vom VfL Wolfsburg hat Eintracht Frankfurt einen Trainer von der direkten Konkurrenz verpflichtet. Der Österreicher tritt bei den Hessen die Nachfolge seines Landsmannes Adi Hütter an. Bei den beiden Coaches gibt es durchaus Parallelen, aber auch viele Unterschiede. Einige davon könnten auch im Eintracht-Kader zu einem Umbruch führen.

Von der Eintracht berichtet fussball.news-Reporter Benjamin Heinrich

Den VfL Wolfsburg hat Oliver Glasner in der vergangenen Saison in der Bundesliga auf Platz vier und damit in die Champions League geführt. Vor allem eine starke Defensivleistung (nur 37 Gegentore, 14 zu-Null-Spiele, zweitbeste Defensive der Liga) war Grundlage für den Erfolg. Doch die Performance der Niedersachsen darauf zu beschränken, wäre dem taktisch versierten Glasner gegenüber unfair. Der 46-Jährige hat aus einem ordentlichen Kader wohl das Maximum rausgeholt und seinem Team einen klaren Plan mitgegeben. Wie sein Vorgänger bei der Eintracht, Adi Hütter, hat auch Glasner die RB-Schule durchlaufen, beide stehen für offensiven Fußball. Während unter Hütter bei den Frankfurtern vor allem "Chaos"-Fußball gespielt wurde, wird es unter Glasner wohl deutlich mehr Struktur geben. fussball.news erklärt anhand von drei Aspekten Denkweise und Spielidee des neuen Eintracht-Trainers und wie diese mit dem aktuellen Kader der Hessen funktionieren könnten.

1. Taktische Flexibilität

Oliver Glasner sieht ein Spielsystem, ähnlich wie Vorgänger Hütter, lediglich als Grundordnung. Der Österreicher hat zuletzt in Wolfsburg hauptsächlich in einem 4-2-3-1-System agiert, auch bedingt durch die Kaderstruktur der Niedersachsen. Die defensive Dreierkette, die er zuvor in Linz bevorzugt hatte, scheiterte nach seinem Amtsantritt, weshalb er sich den vorhandenen Spielern anpasste. "Ich kann ihnen jetzt schon zehn Videoausschnitte zeigen, wo Sie nicht erkennen können, welches System wir spielen. Es verschwimmt", sagte Glasner einst im Interview mit dem Sportbuzzer. Das einzige Ziel für den 46-Jährigen: "Räume erkennen, Räume bespielen, Überzahlsituationen schaffen." Und dabei auch immer "hinter dem Ball abgesichert" sein. In Wolfsburg ließ sich mit Maximilian Arnold ein defensiver Sechser gegen tierstehende Gegner immer wieder fallen, um das Mittelfeld zu entzerren und durch die offensiven Außenverteidiger entstand "verschwimmend" eine Dreierkette. Mittelfristig fordert der Coach von seinen Spielern Variabilität und schult diese intensiv. Das wiederum hat er beim VfL nicht nur durch Taktikschulungen, sondern auch durch Mentaltraining gemacht, damit die Spieler durch mentale Stärke und Stabilität auch taktisch schneller lernen und sauberer agieren. 

2. Offensivpressing

Bei den Wolfsburgern waren die vier Offensivspieler (Offensive Dreierreihe, davor Stoßstürmer) als "Pressingmaschinen" gefordert. Die offensiven Außen benötigten dafür Tempo und Laufstärke. Dabei wurden immer wieder lange Bälle und zwangsläufig Ballverluste des Gegners provoziert. Der mittlere Part der offensiven Dreierreihe unterstützte dabei immer wieder den Stoßstürmer, weshalb das ursprüngliche 4-2-3-1 gegen den Ball zu einem 4-4-2 wurde. Die defensive Viererkette samt eines Sechsers (Maximilian Arnold) diente stets als Absicherung, um auch beim Überspielen der vorderen Kette eine entsprechende Überzahl beibehalten zu können. Die Innenverteidiger (vor allem Maxence Lacroix) hatten zudem das nötige Tempo, um gegnerische Umschaltsituationen zu unterbinden. Der Spielaufbau lief hauptsächlich über den Sechser, um bei Ballverlusten defensiv stabil zu stehen. Glasner vermochte es beim VfL aber auch die Offensivtaktik auf den Gegner anzupassen. Bei tiefstehenden Gegnern waren lange Bälle auf die Spitze Wout Weghorst durchaus erlaubt, der dann den Ball behaupten und Schüsse aus der zweiten Reihe (zwölf Tore außerhalb des Strafraums waren der beste Wert nach dem FC Bayern) oder für Steckpässe auflegen konnte. 

3. Laufstärke

Tempo und Laufstärke sind Attribute, die Glasner von seinen Spielern fordert. Sowohl die Innenverteidiger als auch die defensiven wie offensiven Außenbahnspieler brauchen für seine gewünschte Spielweise Antritt und Tempo. Die Spieler in der Zentrale und der Stoßstürmer hingegen Körperlichkeit und Laufstärke. Der VfL Wolfsburg war in der vergangenen Saison das Team mit den meisten intensiven Läufen (26287) und den meisten Sprints (8481) der Bundesliga. Mit Wout Weghorst stellten die Wölfe nicht nur einen abschlussstarken Stürmer (20 Tore), sondern auch einen äußerst laufstarken Angreifer. Nur sechs Spieler in der Bundesliga liefen in der vergangenen Saison mehr als der Niederländer (364,9 Kilometer). Ein Attribut, das in vorderster Front einerseits aufgrund der Pressingsituationen in der Offensive gefordert war, andererseits aber auch, weil sich der 28-Jährige immer wieder fallen ließ, um Räume zu schaffen. In den wichtigen Abschlusssituationen war er dennoch auch in der gefährlichen Zone, weshalb Weghorst ein solches Pensum abspulen musste. Auf der Zehnerposition setzte Glasner häufig auch auf Yannick Gerhardt, der eigentlich eine Position tiefer beheimatet ist, um Weghorst im Offensivpressing mit einem lauf- und zweikampfstarken Spieler zu unterstützen.

Bedeutung für die Eintracht

Der Kader der Frankfurter für die kommende Saison unterscheidet sich mit Blick auf die Positionen und die Spielertypen stark von dem der Wolfsburger. Amin Younes beispielsweise hätte es im VfL-System schwer seinen Platz zu finden. Der dribbelstarke Mittelfeldmann war in Frankfurt in einem System mit der Doppelzehn besonders erfolgreich. Als alleiniger Zehner tat er sich stets schwer, gleichzeitig fordert Glasner von der offensiven Dreierreihe hohes Pressing und Laufintensität. Akteure wie Dominik Kohr oder Sebastian Rode könnten dort, ähnlich wie in Wolfsburg Gerhardt, mehr gefordert sein. Die Spielweise könnte auch die Chance sein für Spieler wie Aymen Barkok und Neuzugang Fabio Blanco in der offensiven Dreierreihe oder Ragnar Ache als Sturmspitze.

Spannend wird auch sein, wie der neue Eintracht-Coach Filip Kostic einbaut. Der Serbe konnte seine Stärken in der Vergangenheit vor allem aus der Tiefe kommend ausspielen, spielte schon lange nicht mehr auf der offensiven Außenbahn. Ein Abgang von Innenverteidiger Evan N'Dicka hingegen wäre bei Glasners Spielstil fast schon fahrlässig, der schnelle Innenverteidiger für seine Spielphilosophie benötigt. Bei einer defensiven Dreierkette präferiert Glasner in der Mitte einen ballsicheren Spieler, im Optimalfall einen gelernten Sechser, was gegen Martin Hinteregger spricht. Gut möglich, dass sich der 46-Jährige in Frankfurt taktisch auch nochmal neu erfindet und sich ähnlich wie in Wolfsburg am Kader orientiert. "Ich bin einfach jemand, der immer wieder neue Sachen probiert. Ich habe überhaupt kein Problem damit, auch auf die Gefahr hin, dass es nicht funktioniert", sagte er im März auf Sky Austria. Das könnte beim aktuellen Kader der Frankfurter sogar nötig sein.

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Benjamin Heinrich  
29.05.2021