Bayern-Trainer polarisiert

Zoff mit Streich, Conte, Barca und Juve: Muss Nagelsmann seine Kommunikation ändern?

Julian Nagelsmann handelt sich viel Ärger ein. Foto: Getty
Julian Nagelsmann handelt sich viel Ärger ein. Foto: Getty

In nur einer Woche hat es Julian Nagelsmann geschafft, sich mit Tottenham Hotspur, dem FC Barcelona und Juventus Turin anzulegen. Dabei äußerte sich der junge Coach des FC Bayern teilweise äußerst despektierlich und unreflektiert. Schon zu Ende der vergangenen Saison brachte er Trainerlegende Christian Streich und die Freiwillige Feuerwehr München gegen sich auf. Bleibt die Frage: Muss sich Nagelsmann verändern?

Als Niko Kovac einst nur ganz kurz andeutete, dass der FC Bayern Interesse habe, Leroy Sane von Manchester City zu verpflichten, gab es ein peinliches Schauspiel in München. Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge erklärte sinngemäß, dass es zur Tradition des FC Bayern zähle, öffentlich nicht über Spieler zu sprechen, die noch bei einem anderen Verein unter Vertrag stehen. Das war natürlich geschwindelt, denn die Münchner hatten unzählige Male schon über Spieler anderer Vereine öffentlich gesprochen, doch Rummenigge hatte Angst, dass der Transfer zwischen Manchester City und Bayern München platzen könnte. Ohnehin war er auf Kovac nicht gut zu sprechen, also forderte Rummenigge seinen Trainer auf, sich öffentlich zu entschuldigen. Tatsächlich trat Kovac, fast 50 Jahre alt, vor die Öffentlichkeit und bat um Vergebung.

Buhlen um Harry Kane

Drei Jahre später stellt sich nun beim FC Bayern ein anderes Bild dar. Die angebliche Tradition, über Spieler anderer Klubs nicht zu sprechen, scheint den neuen Bayern-Funktionären unbekannt zu sein. So äußerte sich Trainer Julian Nagelsmann auf der einwöchigen USA-Reise des FC Bayern ganz offen über Topstürmer Harry Kane und einen möglichen Wechsel von Tottenham Hotspur nach München. „Er ist ein brillanter Spieler, einer der besten Stürmer. Es wäre möglich, dass er in der Bundesliga viele Tore schießt“, gab Nagelsmann eine Einschätzung über Englands Kapitän und Nationalheld ab. Nagelsmann ergänzte über den bis 2024 in London unter Vertrag stehenden Kane: „Ich kenne nicht den Preis, er ist sehr teuer. Das ist das Problem. Es wäre schwierig momentan.“

Von Tottenham kamen wütende Proteste in unterschiedlicher Form, Trainer Antonio Conte ließ Nagelsmann wissen: „Wenn ich etwas tun will, spreche ich mit dem Club und nicht mit den Medien. Das ist vielleicht ein wenig respektlos dem anderen Club gegenüber.“

Barcelona abgekanzelt

Doch nicht nur Tottenham brachte Nagelsmann gegen sich auf, auch den FC Barcelona kanzelte Nagelsmann auf der US-Tour ab. „Sie haben nicht nur Lewy gekauft, sondern auch einige andere Spieler“, kommentierte Nagelsmann die Transferaktivitäten des FC Barcelona und drückte sein Unverständnis pointiert aus: „Es ist der einzige Klub der Welt, der kein Geld hat, aber jeden Spieler kauft. Das ist seltsam und verrückt.“ Dieser Spruch ging um die Fußballwelt. Nach einem moderaten Statement von Bayern-Vorstand Oliver Kahn – nur Barcelona selbst kenne seine Finanzen - schwächte Nagelsmann seine Aussage zumindest wieder ab.

 

Harter Vorwurf an Juventus

Dafür wurde Nagelsmann, ebenfalls auf der US-Tour, äußerst respektlos gegenüber Juventus Turin und viele seiner Trainerkollegen in Italien. Über ein Gespräch mit Neuzugang Matthijs de Ligt berichtete Nagelsmann: „Ich habe mit ihm nach dem Training gesprochen und er sagte, die Trainingseinheit war die härteste in den letzten vier Jahren. Dabei war sie zwar hart, aber nicht so hart. Normal für Dr. Broich. Er hat letzte Saison nicht so viele Minuten gespielt, und ich habe gehört, dass es in Italien dann nicht einfach ist, fit zu bleiben. Wir müssen hart mit ihm trainieren…“ Der Trainer von Juventus Turin, der aus Nagelsmanns Sicht offenbar kaum Ahnung von Trainingssteuerung hat und verletzte Stars vernachlässigt, lautet Massimiliano Allegri. Allegri gewann mit Juve zwischen 2014/15 und 2018/19 regelmäßig die italienische Meisterschaft und führte das Team zweimal in das Finale der Champions League.

Und: Seit 2014/15 sind es in der Regel deutsche Klubs und Nationalmannschaften, denen vor allem in der Rückrunde die Puste ausgeht. Juventus Turin stand zum Beispiel in diesem Zeitraum häufiger im Champions-League-Finale als alle deutschen Teams zusammen – und die Italiener holten im Vergleich zu Deutschland auch einen Titel auf Nationalmannschaftsebene. Darüber hinaus beschrieb fussball.news bereits, wie speziell Nagelsmann-Teams in der Rückrunde leistungstechnisch deutlich einbrechen. Ein Auszug aus 6 Hausaufgaben für Julian Nagelsmann: „Bekanntlich sind die Münchner in der Rückserie stark eingebrochen, in der Liga wurde sogar RB Leipzig Rückrundenmeister. Ob nun Fitnessprobleme oder mentale Ermüdung dabei eine Rolle spielen? Einerseits lässt Nagelsmann für ein Topteam seine Spieler viel zu viele Kilometer pro Partie laufen, andererseits überfrachtet er seine Stars im Training mit viel zu vielen Aufgaben, was zwar bei Talenten in Hoffenheim einst gut ankam, aber eben nicht bei allen Topstars des FC Bayern. Jedenfalls ist es nicht das erste Mal, dass eine Nagelsmann-Mannschaft vor allem ab März der Leistung nach stark einbricht. Nagelsmann verspielte mit Leipzig unter anderem die Herbstrundenmeisterschaft 2019/2020 kläglich, aus vier Punkten Vorsprung auf den FC Bayern wurden 20 Punkte Rückstand - und mit Hoffenheim verspielte er 2018/19 in der Rückserie noch einen Europacup-Platz.“

Nagelsmann besitzt in Sachen Training und Belastungssteuerung deutlichen Nachholbedarf, zumal er auch 2021/22 sehr viele verletzte Spieler zu beklagen hatte (u.a. Goretzka, Tolisso). Im Gegenzug Juventus Turin mit sehr routinierten Trainern und einem höherem Pflichtspielprogramm-Pensum für zu lasches Training zu veräppeln, darf durchaus als anmaßend gewertet werden.

Ärger mit Streich und der Münchner Feuerwehr

Nun könnte man womöglich auf die Idee kommen, dass der FC Bayern mit Nagelsmann auf der PR-Tour in Amerika eben auch bewusst laut und auffällig sein wollte.

Allerdings hatte Nagelsmann ja bereits in der vergangenen Saison viel Ärger am Hals. Der SC Freiburg legte gegen eine 1:4-Niederlage Einspruch ein, weil die Bayern-Trainerbank bei einer Auswechslung einen Fehler begangen hatte. Nagelsmann zeigte sich wenig selbstkritisch und unterstellte daraufhin den Freiburgern kein Fair Play. „Ich kann nicht verstehen, warum Freiburg das macht - ich hätte es nicht gemacht. Freiburg hätte in diesen 18 Sekunden keine zwei Tore geschossen.“ Freiburgs Trainerlegende Christian Streich rüffelte Nagelsmann und sprach von einem „absoluten Unding“ - „das haben wir sehr genau vernommen“, wütete Streich.

Und selbst mit der Freiwilligen Feuerwehr geriet Nagelsmann aufgrund eines flapsigen Spruchs - „Wir sind ja nicht ehrenamtlich unterwegs. Wir haben Bock zu haben! Wir sind nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr Südgiesing, sondern beim FC Bayern München“ - aneinander. Nach einem Shitstorm besuchte Nagelsmann eine Feuerwache in München und entschuldigte sich immerhin.

Kann man sich auf die Seite von Nagelsmann stellen?

Wenn man es sehr gut mit Nagelsmann meint, kann man bei den erwähnten Vorfällen auch für den Bayern-Coach votieren.

Dass Barcelona pleite ist, denkt doch fast jeder Fußballfan. Nagelsmann spricht es nur offen aus.

Dass der FC Bayern an Harry Kane interessiert ist, das ist ein offenes Geheimnis. Ist doch schön, wenn Nagelsmann es zugibt.

Dass in Italien zu Beginn einer Saison lascher als in Deutschland trainiert wird, hat dort Tradition, weil man durch mehr Pflichtspiele es ruhiger angehen lässt. Das darf man schon mal auf die Schippe nehmen.

Dass Freiburg Einspruch wegen Rechtssicherheit eingelegt hat, kann man auch als fadenscheinige Begründung auslegen, um doch an drei Punkte im Kampf um die Champions League heranzukommen.

Und der Spruch mit der Freiwilligen Feuerwehr war ja eigentlich nur ein Missverständnis, das sich aus einem verkorksten Gleichnis heraus ergab.

Bayern-Führung muss sich entscheiden

Dennoch kommt das Gefühl auf, dass Julian Nagelsmann mit zu offenherzigen Aussagen und manchmal vermeintlich lustigen oder provokativen Sprüchen sich und dem FC Bayern auf diplomatischer Ebene viel Ärger einhandelt.

So bleibt für den FC Bayern die Frage, ob man Julian Nagelsmann zu einer anderen Art der Kommunikation bewegen kann – oder ob Nagelsmann regelmäßig Nebenkriegsschauplätze eröffnen darf, selbst wenn es der 35-Jährige vielleicht nicht so beabsichtigt.

Profile picture for user Daniel Michel
Daniel Michel  
28.07.2022