Talente für den DFB

Löw beim Wort nehmen: Was ist mit Moukoko, Musiala und Wirtz?

Bundestrainer Joachim Löw (r.) blickt auf die Talente Jamal Musiala (l.o.), Youssoufa Moukoko (M.) und Florian Wirtz (u.).
Bundestrainer Joachim Löw (r.) blickt auf die Talente Jamal Musiala (l.o.), Youssoufa Moukoko (M.) und Florian Wirtz (u.). (Fotos: imago / Collage: Tom Jacob)

Bundestrainer Joachim Löw und die DFB-Spitze räumen selbst ein, dass sie nicht immer die besten Spieler Deutschlands für das Nationalteam nominieren. Der beliebteste Vorwand dafür: Man wolle jungen Spielern eine Chance geben und plane langfristig in Richtung Heim-EM 2024. Wenn man Joachim Löw und den DFB beim Wort nimmt, dann bleibt natürlich die Frage, warum einige deutsche Talente noch keine Rolle im DFB-Team spielen. Dabei geht es besonders um drei Megatalente: Youssoufa Moukoko, Jamal Musiala und Florian Wirtz.

Joachim Löw hat sich vor rund zwei Jahren dafür entschieden, für den Umbruch in der deutschen Nationalmannschaft auf die Weltmeister Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller zu verzichten. Die Empörung beim FC Bayern München war groß - und sie ist es auch weiterhin. Andererseits ist es nicht so, dass Joachim Löw einen deutlichen Verjüngungsprozess eingeleitet hat. Mit Blick auf die Aufstellung des DFB-Teams fühlt es sich nicht nach einem typischen Umbruch an. Joshua Kimmich, Serge Gnabry und Leon Goretzka werden in diesem Jahr allesamt schon 26 Jahre alt, mit Blick auf die Europameisterschaft 2024 geht das Trio dann schon stark auf die 30 zu. Der hochtalentierte Kai Havertz hingegen besitzt noch keinen Stammplatz. Will das DFB-Team im Kern mit einer Ü30-Truppe die EM 2024 gewinnen? Beim heutigen Highspeed-Fußball?

Ein Trio jedenfalls könnte dem Begriff Umbruch ein Gesicht geben und den Altersschnitt in der Nationalmannschaft deutlich senken. Der Blick dafür müsste sich in Richtung FC Bayern München, Borussia Dortmund und vor allem auch Bayer Leverkusen richten.

Bierhoff kämpft um Jamal Musiala - Löw auch?

So zählt Jamal Musiala, beim FC Bayern im offensiven Mittelfeld beheimatet, zu den Senkrechtstartern in dieser Saison. Der 17-Jährige hat bereits drei Treffer erzielt, er kann als Spielmacher, aber auch auf der Außenbahn agieren. Musiala ist in Stuttgart geboren, spielt derzeit für die U-Auswahl Englands. Doch noch stehen Musiala in Sachen A-Nationalmannschaft alle Türen offen. Nationalmannschafts-Direktor Oliver Bierhoff sagte noch vor Weihnachten in einem Interview bei Sport1: "Er hat sich momentan dafür entschieden, für die englische U21-Nationalmannschaft zu spielen, was wir natürlich respektieren. Wir werden ihn aber weiterhin im Auge behalten und natürlich immer wieder erörtern, ob sich seine Einstellung ändern kann."

Um das zu betonen: Bleibt Musiala fit, wird er schon bald - da sind sich zahlreiche Experten vor allem in England sicher - einer der besten Offensiv-Spieler in Europa sein. Es wäre also fatal, wenn der DFB nicht mit aller Energie um Musiala wirbt - und wie könnte Musiala am besten umgarnt werden? Indem der Bundestrainer den Deutsch-Engländer anruft und eine Perspektive aufzeigt. Indem Löw auch mal wieder im Stadion in München sich ein Bundesligaspiel ansieht und Musiala sein Interesse bekundet. Da Löw ja explizit betont, er müsse nicht die besten Spieler Deutschlands nominieren und wolle perspektivisch planen: Warum sollte Löw nicht dem Beispiel Brasiliens folgen? Die Brasilianer nahmen den 17-jährigen Ronaldo zur Weltmeisterschaft 1994 bereits mit. Dort kam der Stürmer zwar noch nicht zum Einsatz, doch 2002 schoss er Brasilien dann zum WM-Titel. Wer um große Talente kämpft, der muss ungewöhnliche Wege gehen. Musiala hat enorme Qualitäten, bei einem zu langen Zögern verliert der DFB das Tauziehen sicherlich.

Youssoufa Moukoko zeigt schon Qualitäten

Youssoufa Moukoko ist noch jünger als Musiala - doch auch dem 16 Jahre jungen Stürmer von Borussia Dortmund wird allseits eine große Karriere vorhergesagt. Moukoko sammelt gerade bei seinen ersten Bundesligaspielen Erfahrung, er konnte sich schon einige Chancen erarbeiten - und er traf gegen Union Berlin erstmals im deutschen Oberhaus. Von den deutschen DFB-Trainern ist meist zu hören, dass es kaum mehr einen starken Abschlussstürmer gebe, doch Moukoko bringt all diese Fähigkeiten mit, um schon bald auch das deutsche Team zu verstärken. Sicherlich kommt für Moukoko die EM 2021 zu früh, doch schon zum Ende dieses Jahres und mit Blick auf die WM 2022 und die EM 2024 sollte Moukoko ein Faktor für das DFB-Team sein.

Florian Wirtz Stammspieler in Leverkusen

Im Gegensatz zu Musiala und Moukoko muss man bei Florian Wirtz eigentlich nicht lange überlegen. Wenn ein Bundestrainer wirklich perspektivisch denkt, sollte er sich umgehend Gedanken um den Regisseur von Bayer Leverkusen machen. Leverkusen entschied sich im Sommer bewusst gegen eine Verpflichtung von Weltmeister Mario Götze, um Megatalent Wirtz zu fördern. Die Taktik von Trainer Peter Bosz ging auf: In 19 Pflichtspielen steuerte der 17 Jahre alte Wirtz bereits fünf Treffer und sechs Vorlagen bei - eine herausragende Quote. Ist der Spielmacher somit schon ein Kandidat für die EM? "Ich bin nicht sicher, ob ich diesen Traum schon zulassen kann. Aber die vergangenen Monate haben mir gezeigt, dass man viele Dinge nicht planen kann", sagte Wirtz zuletzt in der Sport Bild. Es wäre ein mutiger Schritt von Löw, Wirtz zu nominieren. Wenn Wirtz aber so weiter liefert, dann kommt der Bundestrainer ohnehin nicht an ihm vorbei.

Setzt Löw ein Ausrufezeichen?

Joachim Löw wird häufiger vorgeworfen, er halte noch immer an Spielern fest, die in ihren Vereinen kaum eine Rolle spielen. Julian Brandt etwa befindet sich schon länger bei Borussia Dortmund im Tief, auch Nico Schulz (BVB) oder Antonio Rüdiger (Chelsea) überzeugen selten. Die Nominierung von Moukoko, Musiala und Wirtz für das DFB-Team wäre ein Ausrufezeichen und mehr als nur symbolisch zu betrachten. Das Trio würde dem Begriff Umbruch endlich ein Gesicht verleihen und Aufbruchstimmung erzeugen, die im Hinblick auf die Heim-EM 2024 ohnehin erwünscht ist.

Florian Bolker  
06.01.2021