Exklusiv-Interview

Krösche: "Dann frisst dich das in diesem Geschäft auf"

Sportvorstand Markus Krösche bleibt bei Eintracht Frankfurt voller Tatendrang. Foto: Getty Images

Exakt neun Monate ist Markus Krösche Sportvorstand von Eintracht Frankfurt. An Visionen für die Zukunft mangelt es dem 41-Jährigen nicht. Doch die Profis stecken derzeit in der Krise. Im exklusiven Interview mit fussball.news spricht Krösche über die Gründe dafür, wie er selbst Druck erlebt und damit umgeht, aber auch über den drohenden Umbruch im Sommer, die Neuausrichtung der Nachwuchsabteilung und Bayern-Talent Marcel Wenig.

Zufrieden ist bei Eintracht Frankfurt derzeit niemand mit der Punkteausbeute in der Rückrunde. Nur ein Sieg in sieben Spielen schlägt auf die Gemüter. Doch die geschlossene Mannschaftsleistung bei der 0:1-Niederlage gegen den FC Bayern München macht Hoffnung für die nächsten Wochen. Im Gespräch mit fussball.news strotzt Sportvorstand Markus Krösche nur so vor Tatendrang. Der 41-Jährige, der im vergangenen Sommer von RB Leipzig an den Main kam, versucht stets das große Ganze zu sehen und sich nicht zu sehr vom Tagesgeschäft und den Ergebnissen treiben zu lassen. Mit der Rückkehr der zweiten Mannschaft ist ihm abseits der Profimannschaft ein großer Coup gelungen. Auch die ist im fussball.news-Interview Thema - ebenso wie der neue NLZ-Chef Alexander Richter und die Pläne mit dem Riederwald, die Toptalente der U19 und die Gründe für die schlechten Ergebnisse der Profis zuletzt. 

fussball.news: Herr Krösche, in der letzten Woche gab es sehr positive Schlagzeilen und Anlass zu Glückwünschen. Die Eintracht hat ab Sommer wieder eine Zweite Mannschaft. Wie wichtig ist das und welche Ausrichtung soll diese haben?

Markus Krösche: Das ist für uns ein Meilenstein. Das war der letzte Schritt, der uns nach der U19 gefehlt hat, um optimale Ausbildung betreiben zu können. Es geht uns darum, dass die jungen Spieler, auch aus jüngeren Jahrgängen, so früh wie möglich im Männerbereich spielen können. Denn Durchsetzungsfähigkeit und Intensität sind sehr wichtige Themen, wenn es um den Profidurchbruch geht. In Deutschland herrscht in dem Bereich eine große Lücke, die wir nun durch die zweite Mannschaft auffangen können. Die zweite Mannschaft ist ein großer Schritt. Ein wichtiger Baustein für unsere Ausbildungsphilosophie. Es gibt eindeutige Statistiken, die besagen, dass sich die Durchlässigkeit, die Wahrscheinlichkeit Profi zu werden, erhöht, je früher die Spieler im Männerbereich Spielpraxis sammeln. Natürlich beeinflusst das auch die Zusammensetzung der neuen Mannschaft. Die wird aus einem Kernteam bestehen und dem einen oder anderen Jungprofi, der Spielpraxis sammeln kann, aber auch den einen oder anderen, der 17 oder 18 Jahre alt ist, wo wir das Gefühl haben, er sollte jetzt den nächsten Schritt gehen. Es ist am Ende eben ein großer Unterschied, ob du als 17-Jähriger gegen einen Gleichaltrigen spielst oder gegen einen 25-jährigen Verteidiger mit Erfahrung.

fussball.news: Mit Alexander Richter wird zudem vom VfL Bochum ein neuer Leiter für das Nachwuchsleistungszentrum verpflichtet, der im Sommer die Nachfolge von Andreas Möller antreten wird. Was bringt Alexander Richter mit, um der Eintracht zu helfen?

Krösche: Alexander Richter verfügt über eine große Erfahrung im Jugendbereich. Unter seiner Leitung hat der VfL Bochum mit relativ geringem Etat mit die höchste Durchlässigkeit in Deutschland. Alexander ist selbst Fußballlehrer, hat Sportwissenschaften studiert und damit auch die  Voraussetzungen aus dem theoretischen Bereich. Er kann aber auch Menschen begeistern, Strukturen schaffen und hat Nachwuchsfußball von der Pieke auf gelernt, umgesetzt und verbessert. Nachwuchs ist besonders und hat seine eigenen Mechanismen. Du arbeitest sehr viel mit jungen Menschen, da brauchst du die entsprechende Führungskompetenz. Zudem ist er ein super Typ, ein Teamplayer, ein guter Typ. Er kommt aus dem Ruhrpott, was sich in seiner Offenheit und Geradlinigkeit zeigt. Alexander möchte im Nachwuchsbereich arbeiten, hat dort seine Passion. Genau das brauchen wir.

fussball.news: Welche Visionen und Pläne haben Sie insgesamt für den Eintracht-Nachwuchs?

Krösche: Wir haben die klare Idee, dass wir das große Ganze verbessern wollen, indem wir uns auf das kleinste Teil fokussieren: Auf den Spieler. Weniger auf die Mannschaft und das Ergebnis. Was nicht heißt, dass wir nicht jedes Spiel gewinnen wollen. Unser Fokus liegt aber auf dem Spieler und der Art und Weise, wie wir Fußball spielen wollen. Mit deutlich mehr Individualisierung. Wir wollen auf die persönliche Entwicklung eines Spielers eingehen und die Zeit der Entwicklung reduzieren und die Anzahl der zu entwickelnden Spieler gleichzeitig erhöhen. Damit erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass die Spieler bei den Profis landen. Ob sie das alle bei der Eintracht schaffen, ist etwas anderes, aber das ist der Optimalfall und das Ziel. Wir müssen aber auch aufpassen, dass wir die Erwartung nicht zu hoch schüren. Man kann nicht davon ausgehen, dass wir jedes Jahr einen Spieler bei den Profis rausbringen. Aber wenn es alle zwei, drei Jahre einer schafft, der bei uns regelmäßig Bundesligafußball spielt, wäre das schon sehr gut.

fussball.news: Es braucht für den Profidurchbruch aber noch deutlich mehr als den Fußball selbst…

Krösche: Genau, die fußballerische Ausbildung ist nur eine von drei Säulen. Die Persönlichkeitsentwicklung und die schulische Ausbildung kommen noch hinzu. Diese drei Aspekte werden gleichgewichtet. Um Profi zu werden, musst du nicht nur fußballerische Fähigkeiten haben, sondern auch als Persönlichkeit etwas mitbringen. Widerstandsfähigkeit, Kritikfähigkeit. Es ist auch unsere Aufgabe, den Jungs gewisse Werte wie Fairplay, Teamgeist, Disziplin und Zielstrebigkeit zu vermitteln. Die schulische Ausbildung kommt dann noch obendrauf, weil es nur drei Prozent aus dem Nachwuchs in die ersten drei Ligen schaffen. 97 Prozent schaffen es im Umkehrschluss nicht und deshalb müssen wir da ebenso ein Augenmerk drauf haben, weil wir den Spielern gegenüber eine Gesamtverantwortung haben.

fussball.news: Mit Mo Damar, Luka Hyryläinen, Mehdi Loune, Antonio Foti und Nacho Ferri kicken derzeit talentierte Spieler in der U19. Foti erhielt zuletzt auch einen Profivertrag. Wie wollen Sie diese Talente in Zukunft einbinden und entwickeln?

Krösche: Wir wollen mit allen sehr gerne weitermachen und die Zukunft gestalten, weil wir von allen überzeugt sind und viel Potential in ihnen sehen. Mit dem einen oder anderen führen wir auch schon Gespräche über eine Vertragsverlängerung im Profibereich. Grundsätzlich müssen wir auch da jeden Spieler individuell betrachten. Es sind schon auch Jungs, die für unsere Zweite Mannschaft infrage kommen, um Spielpraxis zu sammeln. Wir wollen sie langsam heranführen, einige sind auch schon regelmäßig im Profitraining dabei. Zudem werden wir auch einen Übergangstrainer installieren, der sich um die Entwicklung der einzelnen Spieler kümmert, sie begleitet, im Austausch ist mit den Trainern und unsere Toptalente in den Fokus nimmt, damit wir den Übergang so reibungslos wie möglich gestalten. Dann liegt es am Ende aber auch am Spieler selbst, wo die Entwicklung hingeht.

fussball.news: Mit Marcel Wenig wurde zudem ein 17-Jähriger vom FC Bayern verpflichtet. Der hat in einem forschen Interview zuletzt gleich auch schon Ansprüche bei den Profis angemeldet. Wie ist der Plan mit ihm?

Krösche: Marcel ist ein selbstbewusster Kerl. Er weiß, was er kann. Im offensiven Bereich kann er in der Zentrale viele Positionen spielen, er ist torgefährlich und bringt von der Statur her schon viel mit. Er besitzt zudem Mut, sucht auch mal das Risiko. Das war ein ausschlaggebender Punkt für die Verpflichtung. Marcel formuliert gewisse Ansprüche für sich, was ich gut finde. Aber wir wollen ihn in Ruhe aufbauen und entwickeln. Dann schauen wir, wie schnell seine Entwicklung geht. Es ist auch für ihn ein großer Schritt, sich im Profifußball durchzusetzen. Vom Potential her bringt er alles mit. Wir haben großes Vertrauen, dass er das hinbekommt und bei uns schnell Einsatzminuten bekommt. Am Ende liegt es aber an ihm und er wird sicher auch Zeit benötigen, um anzukommen und sich an die neue Intensität und die Anforderungen zu gewöhnen.

fussball.news: Ihr Kerngeschäft ist und bleibt aber natürlich die Profimannschaft. Da wurden zuletzt nur vier Punkte aus sieben Spielen geholt – das Jahr 2022 läuft ähnlich wie der Start in der Hinrunde. Warum konnte die Mannschaft nicht den angekündigten nächsten Schritt machen?

Krösche: Das ist vielschichtig. Zum einen haben wir insgesamt die letzte Konsequenz vermissen lassen. Das muss man ehrlicherweise sagen. Wenn wir zum anderen die Spielgeschichten betrachten, haben wir auch leider zu viele einfache Fehler gemacht, die zu Gegentoren geführt haben. Wir haben die Balance verloren zwischen Defensive und Offensive, was uns in den letzten Wochen der Hinrunde ausgezeichnet hat. Das führt in der Bundesliga zu Gegentoren und dazu, dass sich das Spiel verändert. In der Gesamtheit hat das dazu geführt, dass wir zu wenig Punkte haben. Die Mannschaften spielen uns auch nicht auseinander, wir selbst bringen uns durch unser Fehlverhalten in eine schlechtere Position. Wir müssen uns in unserer Spielanlage wieder deutlich steigern und wieder in die Automatismen kommen, die uns starkgemacht haben. Nehmen wir das Spiel gegen München: Da haben wir es im Defensivverhalten gut gemacht, im Spielaufbau aber zu viele lange Bälle gespielt. Da waren wir zu unklar. Gegen solch eine starke Mannschaft ist es dann schwer, Chancen zu kreieren. Das war in den letzten drei Spielen unser Hauptproblem und daran werden wir arbeiten.

fussball.news: Im Sommer laufen die Verträge von Danny da Costa, Stefan Ilsanker und Aymen Barkok (Anm. d. Red.: Barkok wechselt zu Mainz 05) aus, 2023 dann die von Leistungsträgern wie Daichi Kamada, Tuta, Evan N’Dicka und Filip Kostic. Im Sommer könnte folglich der nächste große Umbruch in Ihrem Team anstehen. Wie blicken Sie diesem entgegen?

Krösche: Es kann natürlich sein, dass es die eine oder andere Veränderung geben wird. Wir führen nach und nach Gespräche. Mit dem einen oder anderen Spieler würden wir gerne verlängern. Es geht aber auch darum, wie die Spieler selbst ihre Zukunft sehen. Wir wollen diese Saison gemeinsam erfolgreich zu Ende bringen und dann werden wir sehen, wie viel Veränderung es im Sommer gibt.

fussball.news: Mit Dominik Kohr (Mainz 05), Steven Zuber (AEK Athen) und Ali Akman (NEC Nijmegen) sind zudem derzeit noch drei Leihspieler anderswo unterwegs. Wie verfolgen Sie die Entwicklung dieser Spieler und wie planen Sie mit diesen im Sommer?

Krösche: Natürlich verfolge ich die Entwicklung der Jungs, weil es alles unsere Spieler sind. Steven macht das in Athen sehr, sehr gut und erfolgreich. Dominik in Mainz ebenso, auch wenn er jetzt lange verletzt war. Ali Akman ist ein junger Spieler, der jetzt in Nijmegen professionellen Fußball in einem neuen Umfeld kennenlernt und sich dort nachhaltig durchsetzen muss. Aktuell ist es aber noch zu früh, bei unseren Leihspielern über Tendenzen für den Sommer zu sprechen.

fussball.news: Wie viel Druck haben Sie selbst in den vergangenen Monaten gespürt und wie gehen Sie persönlich grundsätzlich als Führungspersönlichkeit mit Druck in diesem Business um?

Krösche: Druck gehört im Fußball und in dieser Position dazu. Ich für mich versuche eine Balance zu finden, einen gesunden Abstand und mich nicht von Emotionalität treiben zu lassen. Die Entscheidungen, die ich treffe, versuche ich unter Einbezug aller Informationen und mit voller Überzeugung zu treffen. Ich versuche die Dinge rational zu sehen. Wenn du Emotionen in deine Entscheidungen einfließen lässt, frisst dich das in diesem Geschäft auf. Dann lässt du dich treiben und dann wird es extrem anstrengend. Ich möchte immer eine Balance wahren. Wenn wir 5:0 gewinnen, ist nicht alles gut, wenn wir verlieren, dann ist nicht alles schlecht. Ich versuche nicht in Extremen zu leben.

Das Interview führte fussball.news-Reporter Benjamin Heinrich

Benjamin Heinrich  
01.03.2022