Kritik an WM-Gastgeber

"Fußballverrückt"? Katars größte Lüge

"Ultras" feuerten die Mannschaft Katars an. Foto: Getty
"Ultras" feuerten die Mannschaft Katars an. Foto: Getty

Vor, während und nach der Weltmeisterschaft in Katar gibt es viele Themen zu diskutieren. Dabei wird ein Aspekt zu wenig gewürdigt.

WM-Gastgeber Katar gab sich schon vor der Weltmeisterschaft beleidigt und wütend, denn ein wesentlicher Punkt komme bei all den Diskussionen um Menschenrechte und Co. zu kurz: Katar sei ein sehr fußballbegeistertes Land - und man solle doch den Fokus auf diesen Kernpunkt lenken. So versicherte der katarische Organisationschef der WM, Hassan Abdullah al-Thawadi, vor dem Turnier der BBC: "Wir sind ebenso fußballverrückt wie der Rest der Welt. Es ist nur legitim, dass wir dies der Welt zeigen, damit sich die Wahrnehmung unseres Landes ändert." Nun sind vier Wochen Weltmeisterschaft in Katar vorbei - und wenn man sich diesem Kernpunkt widmet, ist das Fazit eindeutig: Katar ist kein fußballbegeistertes Land.

Viele Argumente in Sachen WM drehen sich um kulturelle Unterschiede - zum Beispiel beim (Nicht-)Ausschank von Alkohol. In Sachen Fußballbegeisterung gibt es dagegen klar auszumachende Kriterien, die auf allen Kontinenten der Welt und in nahezu allen Ländern der Welt identisch sind. In Europa, in Südamerika, in Asien, in Afrika und eben auch in arabischen Ländern wie Saudi-Arabien sind es stets ähnliche Kennzeichen:

1. Es gibt einen Kern an fanatischen Fans ("Ultras").

2. Über die "Ultras" hinaus gibt es zahlreiche Fans, die sich mit Fan-Utensilien ausstatten, um sich zu ihrem Klub oder zu ihrer Nationalmannschaft zu bekennen.

3. Bei bedeutenden Spielen wird die Mannschaft enorm angefeuert, sei es mit Klatschen oder mit Anfeuerungsrufen oder Instrumenten.

4. Bei bedeutenden Spielen ist das Stadion normalerweise voll besetzt, in der Regel könnte ein Vielfaches der Karten abgesetzt werden.

Nun ein Blick auf Katar:

1. Bei den drei WM-Spielen der katarischen Nationalmannschaft gegen Ecuador, Senegal und Niederlande war via TV-Bilder ein katarischer "Ultra-Fanblock" zu sehen. Dort waren die Fans meist in lila T-Shirts gekleidet, es dürften rund 1500 Fans gewesen sein. Diese Ultras machten das Spiel über Stimmung. Wie sich später durch Recherchen unter anderem der New York Times herausstellte, waren jedoch zahlreiche dieser "Ultras" gekaufte Fans aus anderen Ländern.

2. Über diesen Ultra-Fanblock hinaus sah man kaum Einheinmische in Fan-Kleidung, was im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern der Welt unüblich ist. Selbst im kulturell strenger geprägten Saudi-Arabien kleiden sich zahlreiche Zuschauer mit grünen Trikots ihrer Nationalmannschaft ein.

3. Von Stimmung konnte bei den Spielen Katars insgesamt keine Rede sein. Zum Anstoss gab es noch viel Applaus, ein kurzes Raunen folgte bei den ein bis zwei Torchancen pro Spiel, ansonsten kam von den Rängen her nahezu nichts an Stimmung herüber. Klar, Katar bot sportlich wenig an, aber als "Underdog" wäre es das Mindeste, dass die Fans die Mannschaft leidenschaftlich anfeuern.

4. Beim ersten und zweiten Gruppenspiel von Katar sah man vereinzelt leere Sitze, eine von der FIFA geleitete TV-Regie konnte diesen Leerstand aber noch gut vertuschen. Doch beim 3. Gruppenspiel, als Katar bereits ausgeschieden war, war es eindeutig zu sehen, dass das Stadion sehr viele leere Sitzplätze aufwies. Hinzu kamen Bilder auf Twitter, wie katarische Fans deutlich vor Abpfiff nach Hause gegangen waren.

Zieht man also die vier bedeutendsten Kennzeichen für Fußballbegeisterung heran, die nahezu in allen Ländern der Welt identisch sind, fällt Katar völlig aus dem Raster. "Wir sind ebenso fußballverrückt wie der Rest der Welt", ist ein völlig lächerlicher PR-Spruch der Katarer. Fußballbegeisterung war bei der Heim-WM der Katarer nicht gegeben - schon gar nicht bei der gesamten Bevölkerung (rund 300.000, dazu rund 2,7 Millionen Einwanderer).

Die Legende von der Fußballverrücktheit des WM-Gastgeberlandes also, das Katar und der Weltverband FIFA der Fußballwelt erzählten, ist nur eine große Lüge gewesen. Es liegt auf der Hand, dass Katar den Fußball für politische und die FIFA für wirtschaftliche Zwecke missbraucht haben.

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f.news  
27.12.2022