Serie zum 1. FC Nürnberg

FCN-Kaderanalyse, Teil 2: Die Abwehr

Georg Margreitter (r.) und seine Abwehr-Kollegen waren in dieser Saison oft ratlos.
Georg Margreitter (r.) und seine Abwehr-Kollegen waren in dieser Saison oft ratlos. Foto: Imago Images

Robert Klauß und Dieter Hecking sind das neue sportliche Führungs-Tandem beim 1. FC Nürnberg. Am Neuen Zabo gibt es einiges zu tun - Kader-Arbeit ist stapelweise vorhanden. fussball.news untersucht die aktuelle Personalsituation. Heute: die Abwehr.

Dass jeder Mannschaftsteil nach der miserablen Saison in der kurzen Sommerpause bis ins kleinste Details auf den Prüfstand gestellt wird, ist ein folgerichtiger Vorgang. Enorme Probleme bereitete dem 1. FC Nürnberg die Defensive – 58 Gegentore waren im Gleichschritt mit Dynamo Dresden der zweitschlechteste Wert der 2. Bundesliga. Lediglich Wehen Wiesbaden (65) präsentierte sich noch anfälliger.

Die Gegentor-Statistik ist natürlich der plakativste Wert, an dem sich die Nürnberger Abwehrmänner messen lassen müssen. In der Saisonbewertung inklusive Ausblick auf die neue Spielzeit bleibt festzuhalten, dass die individuelle Qualität nicht unwesentlich mehr hergab. Beispielsweise gewann der FCN in dieser Saison lediglich 331 Tacklings*, was einen Wert im hinteren Zweitliga-Drittel entspricht. Im mannschaftsinternen Ranking sind von den Defensivspezialisten in jener Statistik lediglich Oliver Sorg (29) und Tim Handwerker (27) vertreten. Nicht nur hier besteht Luft nach oben.

Lukas Mühl

Mit 23 Jahren ist Lukas Mühl noch nicht ganz am Ende seiner Entwicklung angekommen. Wirklich nach vorne gebracht hat ihn diese Saison allerdings nicht. Im letzten Bundesliga-Jahr hatte er sich durch gute Auftritte noch für einen Klubwechsel empfohlen, ließ in der missratenen Runde 2019/20 dann aber einen Fortentwicklungsschritt vermissen – eher machte Mühl zwei, drei Schritte zurück.

Angesichts seines nur noch ein Jahr gültigen Vertrags bietet sich dem Club letztmals die Gelegenheit, bei Verkauf eine adäquate Summe zu erlösen. Ist ein Interessent, sollte es ihn nach dieser Saison noch geben, bereit, rund 1 bis 1,5 Millionen Euro Ablöse zu zahlen, sollte Mühl den Valznerweiher verlassen dürfen.

Asger Sörensen

Öffnende Pässe und solide Diagonalbälle sind Asger Sörensen in dieser Saison zwar einige Male gelungen. Sein vorhandenes Potenzial wusste allerdings auch der für 500.000 Euro von RB Salzburg nach Nürnberg gekommene Däne viel zu selten abzurufen. Kritisiert wurde Sörensen oftmals wegen seines nicht immer fehlerfreien Stellungsspiels. Er geht auch gerne mal etwas lax in die Zweikämpfe. Die Rote Karte im Spiel in Aue (3:4) war außerdem völlig unnötig.

Viel Lob erhielt Sörensen unterdessen aufgrund seiner offensiven Aktionen. Der 24-Jährige verfügt über einen technisch sauberen Abschluss, durfte deshalb auch den ein oder anderen Freistoß treten. Sechs Ligatore zählte Sörensen, was ihn zum zweitbesten Torschützen hinter Shootingstar Robin Hack (10) machte. Sörensen brachte zudem immerhin 87 Prozent seiner 1.108 gespielten Pässen an den eigenen Mann.

Georg Margreitter

Konnte die von ihm auch öffentlich angenommene Führungsspieler-Rolle in keinster Weise ausfüllen. Georg Margreitter verpasste in dieser Saison 13 Pflichtspiele wegen verschiedener Blessuren. Es war oftmals ersichtlich, dass Margreitters Leistungsvolumen in vielen Bereichen für die 2. Bundesliga nicht mehr ausreichend ist. Sein Vertrag ist noch ein Jahr gültig, beim 1. FCN soll Margreitters Salär über eine Million Euro betragen.

Die fehlende Grundschnelligkeit gleicht der 31-Jährige in Teilen mit seiner souveränen Zweikampfführung aus. Mit über 65 Prozent gewonnenen Duellen war Margreitter hinter Konstantinos Mavropanos (68%) bester Nürnberger Zweikämpfer. Steuert aber dann doch mal ein Tempodribbler auf ihn zu, ist Margreitter mit ein, zwei schnellen Bewegungen schnell aus dem Spiel genommen.

Tim Handwerker

Hatte nach seinem Wechsel nahezu die komplette Hinrunde gebraucht, um sich in der 2. Bundesliga einzufinden. Tim Handwerker verfügt unbestritten über genug Potenzial, ein gestandener Linksverteidiger zu werden. In der Club-Seuchen-Saison fehlte es allerdings an einem erfahrenen Spieler, der den erst 22-Jährigen etwas an die Hand nahm und gegebenenfalls auch mal einen verschuldeten Fehler ausbügeln konnte.

Betreffend der Defensivarbeit des deutschen U21-Nationaspielers besteht gewiss noch Steigerungsbedarf. Beachtenswert ist es, dass sich Handwerker im internen Duell gegen Leihgabe Philip Heise, der in seiner Karriere immerhin 100 Zweitliga-Spiele bestritten hat, durchsetzen konnte. Der Club wird keinen Grund sehen, Handwerker abzugeben.

Oliver Sorg

Musste sich über die komplette Spielrunde hinweg den Vorwurf gefallen lassen, nicht austrainiert zu sein. Im direkten Vergleich hat Oliver Sorg mit 56 Prozent gewonnener Zweikämpfe deutlich die Nase gegenüber seinem Positions-Konkurrenten Enrico Valentini (48%) vorne. Mit nur 13 (Valentini 24 bei 800 Minuten weniger Spielzeit) begangenen Fouls über die komplette Saison hinweg bewies Sorg außerdem gutes Zweikampfgeschick.

Sorg ist mit Sicherheit kein Außenverteidiger, der seine Flanke über 90 Minuten lang bespielen kann. Der ehemalige deutsche Nationalspieler ist als guter Defensivarbeiter einsetzbar, was an 58 abgefangenen Bällen (meiste im Team) und 29 erfolgreichen Tacklings ersichtlich ist.

Enrico Valentini

"Viele Gespräch bedurfte es dafür nicht. Der Club ist mein Verein", sagte Enrico Valentini im Zuge seiner Vertragsverlängerung bis 2022. Dass der 31-Jährige, der im Nürnberger Stadtteil Zerzabelshof aufgewachsen ist, den Club wie kein Zweiter lebt, ist bekannt. Aber reicht das? Von Spektakularität und Erfolg war auch Valentinis Saison nicht geprägt.

Einzig sein Einsatz in der 2. DFB-Pokalrunde beim 1.FC Kaiserslautern, als er den Mumm hatte, sich die letzten Minuten der Verlängerung ins Tor zu stellen und anschließend das Elfmeterschießen über sich hat „ergehen“ lassen, dürfte Valentini noch lange in Erinnerung bleiben. Sicherlich für die Stimmung innerhalb der Mannschaft ein wichtiger Faktor, ansonsten präsentierte er defensiv wie offensiv zu große Unzulänglichkeiten.

Kevin Goden

Sollte während seiner einjährigen Ausleihe zum Drittligisten Eintracht Braunschweig eigentlich regelmäßig Spielpraxis sammeln. Am späteren Aufstieg der Löwen hatte Kevin Goden allerdings keinen Anteil. Den Großteil stand der 21-Jährige nicht mal im Kader. Als es Richtung Saisonende ging, zog sich der dritte nominelle Nürnberger Rechtsverteidiger eine schwere Schulterverletzung zu. Womöglich darf er sich unter Robert Klauß in der Vorbereitung empfehlen. Überzeugt Goden nicht, könnte es zur vorzeitigen Trennung kommen.

Noel Knothe

Es ging nach dem Relegationsdrama etwas unter, dass Noel Knothe seinen ersten Profivertrag unterzeichnet hatte. Der Club band den 21 Jahre alten Innenverteidiger vorerst bis 2022. Seit März trainiert Knothe regelmäßig mit den Profis. In der Regionalliga war der ehemalige Frankfurter gesetzt, spielte bis zum Abbruch 21-mal. Bei ihm werden die Eindrücke der Vorbereitung zeigen, wohin der Weg geht.

Fazit

Einen Backup für Tim Handwerker sollte sich der 1. FC Nürnberg in jedem Fall anschaffen. Asger Sörensen und Georg Margreitter dürften dem Kader auch in der neuen Saison angehören. Je nach Angebotslage könnte Lukas Mühl versilbert werden. Ungeachtet dessen sollte der Club einen weiteren zentralen Abwehrspieler dazuholen. Der vereinslose Marcel Correia wäre so ein fehlendes Puzzlestück. Ansonsten dürfte sich mangels fehlender liquider Mittel wenig bewegen. Lediglich Kevin Goden könnte den Verein noch verlassen.

*Daten: fbref.com

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Andre Oechsner  
05.08.2020