0:4-Klatsche

Drei Lehren aus dem historischen BVB-Debakel in Amsterdam

Haaland entschuldigte sich gleich nach dem Spiel bei den mitgereisten Fans. Foto: Getty Images
Haaland entschuldigte sich gleich nach dem Spiel bei den mitgereisten Fans. Foto: Getty Images

Borussia Dortmund hat am Dienstag einen rabenschwarzen Champions-League-Abend erlebt. Mit dem 0:4 bei Ajax in Amsterdam waren die Schwarzgelben noch blendend bedient. Das Achtelfinale mag damit nicht sonderlich in die Ferne gerückt sein, dennoch stellt die höchste Niederlage in der Königsklasse der Vereinshistorie womöglich eine Zäsur dar. Der Klub muss die richtigen Schlüsse aus dem gebrauchten Abend ziehen.

Vom BVB berichtet fussball.news-Redakteur Lars Pollmann

1. Passivität tut dem BVB nicht gut

Dortmund wurde von einer wilden Ajax-Truppe nach wenigen guten Minuten regelrecht aufgefressen. Zuschauer, die es mit dem BVB halten, dürften sich dabei an die besten Zeiten der Gäste in der Champions League erinnert haben. Jürgen Klopp hätte seine helle Freude daran gehabt, zu beobachten, wie die Niederländer den Fuß scheinbar überhaupt nicht mehr vom Gaspedal runternehmen wollten. Jedenfalls, wäre es nicht gegen seinen Ex-Klub gegangen. Es gehören aber immer zwei Teams dazu: Eines, das den Druck ausübt, und eines, das den Druck einlädt. 

Dies tat die Elf von Marco Rose mit einer ungewöhnlich passiven Haltung. Die Borussen ließen das Unheil gewissermaßen über sich ergehen, übten selten eigenen Druck auf das zielgenaue Aufbauspiel von Ajax aus. Der BVB erwartete die im Minutentakt anrollenden Angriffe in einer viel zu tiefen Grundhaltung, die dem Naturell der wenigsten Dortmunder Profis entspricht. Kaum ein Spieler des BVB hat seine Stärken im 'Wegverteidigen' innerhalb des eigenen Spielfeld-Drittels.

Besonders problematisch war dabei die linke Seite, auf der erst Nico Schulz und ab der 2. Halbzeit Emre Can vollkommen überfordert mit dem Brasilianer Antony waren. Sommer-Neuzugang Donyell Malen ließ seinen Hintermann dabei mit einer beachtlichen Regelmäßigkeit im Stich, es brachte ihm eine frühe Auswechslung in der zweiten Hälfte ein. Doch auch die Wechsel von Rose verpufften ohne jeden positiven Effekt. Der Trainer muss sich die Frage gefallen lassen, ob ihm nichts besseres einfiel, oder ob er seine Mannschaft an diesem Abend schlichtweg nicht erreichte.

2. Einzelfall oder Trend gegen Top-Teams?

Bei aller Kritik an der desolaten Vorstellung des BVB, gebührt Ajax für eine herausragende Leistung große Anerkennung. Inwieweit Dortmund schlecht oder die Niederländer besonders gut waren, lässt sich freilich kaum beziffern. Aus der Perspektive der Schwarzgelben sollte die Hoffnung lauten, dass es sich um einen kollektiven Ausfall aller (Feld-) Spieler handelte, der sich so schnell nicht wiederholen wird. Bei Fans wurden während der quälenden 90 Minuten Erinnerungen an so manchen Trip nach München wach. Kaum anderswo hat sich der BVB in den vergangenen Jahren derart herspielen lassen und in beängstigender Regelmäßigkeit eine Packung abgeholt.

Das erste Aufeinandertreffen mit den Bayern im DFL-Supercup stieg in Dortmund, der BVB konnte größtenteils mithalten, auch wenn er letztlich verdient mit 1:3 verlor. Beide Mannschaften standen aber am Anfang der Saison, es fehlte noch am Feintuning. War damals in etwa von einer Augenhöhe die Rede, sind die Bayern unter Julian Nagelsmann nun gefühlt komplett enteilt. Knapp sechs Wochen vor dem ersten Duell in der Bundesliga müssen die Dortmunder dankbar sein, dass das Spiel nicht in München steigt.

Doch auch andere spielstarke Mannschaften haben dem BVB unter Rose bereits Probleme bereitet. Gegen Bayer Leverkusen halfen individuelle Fehler der Werkself, wie der Blackout von Odilon Kossounou vor einem Strafstoß, zu einem schmeichelhaften 4:3-Sieg, gegen Borussia Mönchengladbach setzte es eine 0:1-Niederlage. Was sich in diesen Spielen andeutete, verfestigte sich am Dienstag bei Ajax: Gegen Top-Teams kommt der selten sattelfeste BVB dieser Tage schnell ins Schwimmen.

3. Auf Kobel ist Verlass

Ein Positives hatte die Klatsche von Amsterdam immerhin: Gregor Kobel bekam die Gelegenheit, seinen ersten Fehler im BVB-Dress (Fehlpass beim Anschlusstor des FSV Mainz 05 in der Bundesliga) sofort zu korrigieren. Mehr noch: Der Sommer-Neuzugang konnte sich als alleiniger Grund dafür wähnen, dass Dortmund die Hucke nicht noch mehr voll bekam. Auf den Schweizer ist absolut Verlass, auch auf höchstem Niveau, es ist die einzige positive Erkenntnis aus der historischen Pleite. 

Von Kobel sind dieser Tage nicht nur Paraden gefragt, sondern auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Der vormalige Keeper des VfB Stuttgart zeigt nach seinem Wechsel zum BVB beständig gute Leistungen, ist trotz seiner vergleichsweisen Jugend auch schon so etwas wie ein Lautsprecher im Team. Trotzdem muss Kobel den Ball so oft aus dem Netz fischen, das die BVB-Ärzte vorsorglich nach Rückenschäden Ausschau halten sollten. Der Nationalspieler steht hinter einer instabilen Abwehr, der er bislang trotz aller zur Schau gestellten Qualität nicht die absolute Sicherheit zu geben vermag. Bei einem allzu oberflächlichen Blick laufen Außenstehende so auch Gefahr, Kobel für die vielen Gegentore verantwortlich zu machen. Das Gegenteil ist (fast immer) der Fall, das Spiel in Amsterdam kann als bestes Beispiel fungieren.

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Lars Pollmann  
20.10.2021