Nach Streit mit Matthäus

Diese fünf Schwachpunkte weist Bayern-Boss Kahn auf

Oliver Kahn steht beim FC Bayern in der Kritik. Foto: Getty
Oliver Kahn steht beim FC Bayern in der Kritik. Foto: Getty

Als Spieler war Oliver Kahn ein Held, als Vorstand des FC Bayern wirkt er dagegen führungsschwach. Sein unnötiger Streit mit Lothar Matthäus ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. fussball.news listet fünf strukturelle Mängel von Kahn auf.

Kein "Überzeugungstäter"

Nach seiner Karriere als Spieler wurde Kahn Unternehmer und TV-Experte. Seine Analysen im TV wirkten oftmals punktgenau und authentisch. Skills, die Kahn nun offenbar verloren hat. Ein Beispiel: 2018 schwärmte Kahn im ZDF vom Trainertyp Zinedine Zidane. "Diesen Trainer finde ich sensationell!", sagte Kahn und betonte: "Vom Anforderungsprofil her würde er perfekt zum FC Bayern passen, er kann ein Starensemble moderieren. Er selbst war ein absoluter Weltstar." 2021, unter Kahns Führung, verpflichtete der FC Bayern quasi das Pendant zu Zidane. Julian Nagelsmann war gerade mal 33 Jahre alt, relativ unerfahren auf Topniveau, kein erfolgreicher Ex-Profi und titellos. Rund 20 Monate später beendete der FC Bayern nun sein Experiment mit Nagelsmann, die geschätzten Kosten für diesen Fehler liegen bei rund 40 Millionen Euro plus X. 

Glaubwürdigkeitsproblem

Ohnehin schleppt Oliver Kahn ein Glaubwürdigkeitsproblem mit sich herum. Im Sommer 2022 sagte er zum Beispiel, Topstar Robert Lewandowski dürfe den FC Bayern nicht verlassen - "Basta!". Eine deutlichere Ansage geht wohl kaum. Wenige Wochen später aber durfte Lewandowski, nachdem er mit seinem Umfeld die Bayernführung vorgeführt und den Klub beleidigt hatte, doch zum FC Barcelona wechseln. Kahn legte man dieses Vorgehen zunächst positiv aus. Als Pokerface habe er eben die Ablöse für den FC Bayern auf rund 50 Millionen Euro nach oben getrieben.

Doch in Sachen Glaubwürdigkeit ist dies nicht das einzige Problem von Kahn. Mehrfach hatte Kahn Trainer Julian Nagelsmann den Rücken gestärkt und immer wieder betont, er und der Klub seien "voll überzeugt" vom jungen Coach. Nicht umsonst erhielt Nagelsmann einen teuren "Rentenvertrag" bis 2026 - ein in der Branche völlig unüblicher Move. Nun folgte doch die schnelle Entlassung von Nagelsmann. Die Behauptung von Lothar Matthäus, Kahn sei ein "Lügner" und sage nicht die Wahrheit, wie die Entlassung von Julian Nagelsmann abgelaufen sei, schießt wohl über das Ziel hinaus, ein Glaubwürdigkeitsproblem besitzt Kahn dennoch.

Fehlende Disziplin

Ein weiteres bedeutendes Thema beim FC Bayern ist der Faktor Disziplin. Die Klubführung fordert von ihren Spielern und Mitarbeitern enorme Disziplin ein. Man denke nur daran, was für eine Kampagne ausgelöst wurde, als ein Spieler wie Serge Gnabry in seiner Freizeit nach Paris gereist war. Auch die Verspätungen von Leroy Sane sorgten für Wirbel - und selbst der kurze Urlaubsaufenthalt von Julian Nagelsmann beim Ski-Fahren legte man dem Ex-Coach negativ aus.

Dabei geht Klubchef Oliver Kahn selbst nicht gerade mit gutem Beispiel voran. Wie die Bild-Zeitung berichtet, soll er innerhalb kurzer Zeit mit dem Auto zweimal zu schnell gefahren und dafür jeweils sanktioniert worden sein. Und auch Kahn soll sich nicht hundertprozentig auf den FC Bayern konzentrieren, sondern auch während der Saison gelegentlich in Mallorca sein, um den Bau seiner neuen Villa zu begutachten. Dabei beklagte Ex-Präsident Uli Hoeneß zuletzt, dass sich die Bayernführung zu wenig in die Belange des deutschen Fußballs einbringe. Hoeneß lieferte die vermeintliche Entschuldigung gleich mit, die neue Bayernführung habe wenig zusätzliche Zeit und müsse sich eben noch im Klub einarbeiten.

Ausbootung von Hoeneß-Vertrauten

Gleichzeitig treibt Kahn aber eine Umstrukturierung beim FC Bayern voran. Hinter vorgehaltener Hand spricht man davon, dass Kahn auch manchen "Hoeneßianer" im Klub austauscht, um seine Machtposition zu sichern und sich von seinem Mentor Uli Hoeneß zu distanzieren. Das Ganze ist natürlich nur eine vage Theorie. Als Indizien werden aber angeführt, dass der Wirtschaftsexperte Jörg Wacker den Vorstand verlassen musste - und auch Finanzexperte Jan-Christian Dreesen seinen Job im Vorstand aufgab. Beide Persönlichkeiten gelten als Vertrauensmänner von Uli Hoeneß. Kahn zugutezuhalten ist, dass er natürlich als Klubchef seinen eigenen Weg beim FC Bayern einschlagen und dafür eigene Vertrauensleute einstellen sollte.

Mia-san-Mia Gefühl fehlt

Bei der Umstrukturierung des FC Bayern kommt allerdings noch ein aktueller Vorwurf in Richtung Kahn hinzu, den Bayernlegenden wie Lothar Matthäus und Hermann Gerland öffentlich formulieren - und andere ehemalige Bayern intern ansprechen: Beim FC Bayern gehe, sinngemäß, das "Mia-san-Mia"-Gefühl verloren. Nun betonte Kahn zurecht, dass man über die Definition des Mia-san-Mia-Gefühls diskutieren kann und Klubführungen des FC Bayern schon immer harte Entscheidungen zum Wohle des Vereins getroffen haben. Was aber vielen Bayern fehlt, ist das Gefühl, eine Familie zu sein, in der die Klubführung ihre Spieler und Mitarbeiter vor Angriffen schützt, ihnen in Notlagen tatkräftig beiseite steht und einen ehrlichen Umgang pflegt.

Auf Oliver Kahn warten deshalb schwierige Zeiten. Nur weitere Titeltriumphe des FC Bayern werden eine Debatte über den Führungsstil des 53-Jährigen beim deutschen Rekordmeister in Grenzen halten.

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Daniel Michel  
03.04.2023