Bayern-Coach auf der Erfolgsspur

Bundestrainer oder Bundeskanzler? Warum Flick beide Jobs stemmen könnte

Hansi Flick gelingt derzeit offenbar alles.
Hansi Flick gelingt derzeit offenbar alles. Foto: Getty

Hansi Flick bekommt von allen Seiten großes Lob - zuletzt brachte ihn Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg für den Posten als Bundestrainer ins Gespräch. Niemand zweifelt wohl daran, dass der Trainer des FC Bayern auch diesen Job in Perfektion ausüben könnte. Doch Flick hat auch Bundeskanzler-Fähigkeiten.

Zunächst zum Sportlichen, auch wenn dazu schon viel in den vergangenen Monaten gesagt und geschrieben wurde. Hansi Flick ist als Cheftrainer des FC Bayern von 0 auf 100 durchgestartet. Schon nach wenigen Tagen hatte er im November 2019 die Mannschaft des FC Bayern deutlich verändert. Er stellte die Hierarchie im Bayern-Team um, er verschrieb der Mannschaft für Defensive und Offensive ein neues Konzept, er bewies sich als Spielerversteher und er gewann nahezu jedes Spiel - vor und nach der Corona-Pause. Am Ende stand im Sommer 2020 der Gewinn des Triples. Sicherlich gab es dafür auch sehr auf den FC Bayern vorteilhaft ausgelegte Rahmenbedingungen - man denke nur an die umstrittene Spielplanansetzung der DFL (fussball.news berichtete mehrfach), die Erholung von verletzten Profis, keine Fans bei Auswärtsspielen wie in Dortmund und die fehlende Vierfach-Belastung unter anderem mit Länderspielen, die den krauftraubenden Spielstil der Münchner zur echten Waffe werden ließ -, aber der Erfolg ist absolut anzuerkennen. Wenn so ein Coach wie Flick nicht als Bundestrainer geeignet sein sollte - wer soll dann bitte geeigneter sein? Das Sportliche ist damit geklärt, doch im Fußball gehören meist auch große Fähigkeiten außerhalb des Sportplatzes dazu, um Erfolg zu haben.

Überragende "Soft Skills"

Was dabei bei Flick etwas zu kurz in der Betrachtung kommt: Selten gab es beim FC Bayern einen Trainer, der bei den Faktoren Diplomatie, Machtausdehnung, Rhetorik und Kampagnen-Setzung auf höherem Niveau agierte als Flick. Sicherlich profitiert Flick von seiner Vergangenheit als Co-Trainer und Sportchef beim ebenfalls großen "Haifischbecken" DFB - doch Flick hat diese Bereiche nun ebenfalls in Perfektion ausgeübt. Als Beispiele:

Flick übernahm nach der Entlassung von Niko Kovac im Winter 2019 vorerst als Interimscoach den FC Bayern. Medien und Klubführung gingen wie selbstverständlich davon aus, dass Flick nur kurz als Chefcoach fungieren würde. Der kicker schrieb nach Flicks erstem Spiel: "Flick darf sich vorerst beweisen, ein Wunderheiler kann er jedoch nicht sein. Ohnehin kam er nicht mit der Ambition zu Bayern, erster Mann zu werden." Flick passte die Rhetorik an seine neue Rolle an, devot sagte er bei seiner Antrittspressekonferenz, dass er sich aus Loyalitätsgründen fast nicht getraut habe, den Interimsjob anzunehmen: "Brazzo hat mich angerufen und gefragt, ob ich den Job mache. Aus Loyalität zum Verein habe ich Ja gesagt. Aber es war ja nicht einfach für mich, wegen Niko und Robert Kovac, die ich wirklich zu schätzen gelernt habe." Und: "Ich bin keiner, der in der Vergangenheit oder in der Zukunft lebt. Wir müssen uns auf das konzentrieren, was kommt. Alles, was künftig ist, interessiert mich Null."

Machtkampf mit Bayern-Funktionären

Mit jedem Sieg mehr stiegen Flicks Chancen auf den Cheftrainerposten, gleichzeitig spielte die Führung des FC Bayern aber weiterhin auf Zeit und setzte Flick immer neue Zeitlimits. Nach wenigen Wochen änderte Flick seine Rhetorik und begann knallhart, ein subtiles Machtspiel mit der Bayern-Führung zu starten. So brachten Medien sehr bald Gerüchte ins Spiel, Flick habe andere attraktive Angebote aus dem Ausland vorliegen. Flick selbst dementierte nicht, sagte sogar sinngemäß, dass er selbstverständlich regelmäßig Anfragen erhalte. Plötzlich gerieten die Münchner unter Zugzwang - und Flick setzte noch eine machtpolitische Attacke: Er forderte im Winter offen Verstärkungen für das Team, damit er seine Ziele mit dem FC Bayern erreichen könne. Sportchef Hasan Salihamidzic äußerte seine Irritation über Flicks Vorpreschen, doch Flick wollte eben nicht der Spiel- und Experimentierball der Bayern sein, sondern setzte im Gegenzug die Münchner Funktionäre unter Druck. Kurze Zeit später ließ Flick dann ganz offen die Klub-Führung wissen, dass ein Trainer beim FC Bayern ein starkes Mitspracherecht bei der Kaderplanung besitzen müsse. Kurzum: Vom zunächst devot wirkenden Assistenzcoach und Interimstrainer entwickelte sich Flick schnell hin zu einem echten Boss, der zur Not auch den Bayern-Funktionären Paroli bieten kann - oder eben den Klub verlässt. Das muss man sich erstmal trauen - oder wie der gemeine Fußballer wohl sagen würde: So viel Eier in der Hose hat kaum einer.

Schlussendlich erreichte Flick seine Ziele - er ist nun Chefcoach der Münchner und mehr denn je darf er bei der Kaderplanung mitgestalten. Flick schaffte dies nicht nur durch die Erfolge auf dem Platz, sondern auch, weil er im richtigen Moment in Sachen Rhetorik anzog und bewusst Machtkonflikte heraufbeschwor - die Zeit spielte für ihn.

Support für Lewandowski

Aber Flick hat auch immer einen Blick für seine Spieler über. Robert Lewandowski hatte eigentlich nie wirklich eine reelle Chance, die Wahl zu "Deutschlands Fußballer des Jahres", zu "Europas Fußballer des Jahres" oder gar zum "Weltfußballer des Jahres" zu gewinnen. Die Gründe dafür waren vielfältig - doch nun hat Lewandowski erstmals die deutsche und die europäische Krone gewonnen. Flick besitzt auch bei Lewandowskis Erfolgen großen Anteil. Sportlich brachte er dem Polen bei, mannschaftsdienlicher zu agieren, ohne seine Fähigkeiten als Torjäger zurückzuschrauben. Und im richtigen Moment begann Flick auch medial eine Kampagne zu starten: Bereits im Frühjahr betonte Flick, Lewandowski sei für ihn der beste Fußballer der Welt - und er habe endlich individuelle Auszeichnungen verdient. Kurze Zeit später sprangen die deutschen Medien auf den Lewy-Zug auf - und Flick legte unter anderem mit dem Ausspruch nach: "Wenn man sieht, dass er in der Bundesliga 34 Buden gemacht hat, da ist es schon so, dass man da auch nachdenken kann, dass man einen Spieler aus der Bundesliga zum Weltfußballer machen kann" - letztendlich erhielt Lewandowski verdientermaßen seine lang ersehnten individuellen Preise. Und das letzte Wort in Sachen Weltfußballer ist ja noch nicht gesprochen.

Kampagne für Müller

Nun setzt Flick übrigens gerade zu einer neuen Kampagne an. Nach dem 4:1-Sieg bei Arminia Bielefeld hob er die Leistung von Angreifer Thomas Müller in besonderem Maße hervor. "Thomas Müller hätte ich heute gern ausgewechselt, aber Thomas ist einfach mit Robert heute wieder der überragende Mann gewesen. Sie waren die zwei besten Spieler." Man darf vermuten: Flick startet gerade eine neue mediale Kampagne für seinen Schützling, um ihm zum Comeback in der deutschen Nationalmannschaft zu verhelfen. Nach allem was Flick gelungen ist, sollte man eine Rückkehr von Müller ins DFB-Team nun ernster nehmen, denn Flick zieht die Daumenschrauben auch gegenüber seinem ehemaligen Chef, Bundestrainer Joachim Löw, an. Rein zufällig oder eben bewusst startet Flick die Kampagne in einer Schwächephase von Löw und der deutschen Nationalmannschaft. Mehr Instinkt für besondere Situationen kann man kaum besitzen. So bleibt für Flick - selbstverständlich mit einem Augenzwinkern versehen - die Frage, ob er mit all den Skills, die er auch außerhalb des Sportplatzes besitzt, nicht vielleicht auch den Job als Bundeskanzler übernehmen will. Denn viele Persönlichkeiten gibt es auch in der Politik nicht, die auf höchstem Niveau rhetorisch, diplomatisch und machtpolitisch die richtigen Entscheidungen treffen und sich knallhart durchsetzen.

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Daniel Michel  
18.10.2020