(Kein) Kampf um den Titel

Das Versagen der Bayern-Konkurrenz (3): Wer hat die besseren Nerven?

Auch RB Leipzig kommt nicht an den FC Bayern heran.
Auch RB Leipzig kommt nicht an den FC Bayern heran. Foto: Imago

Der FC Bayern München ist zum neunten Mal in Folge deutscher Meister. Dass es zu dieser Erfolgsserie gekommen ist, beruht nicht nur, aber auch auf der Schwäche der Bayern-Konkurrenz.

fussball.news nennt in einer mehrteiligen Serie (hier geht es zu Teil 1 und Teil 2) Gründe, warum die deutschen Topklubs es Bayern München im Titelrennen viel zu leicht machen. In Teil 3 geht es um den mentalen Bereich.

Vier wesentliche Elemente sind im Fußball ausschlaggebend für den Erfolg: Die individuelle Klasse der Spieler, die vom Trainer vorgegebene Taktik, die körperliche Robustheit (Physis) sowie die mentale Stärke (Psyche).

Ist dabei die Rede vom FC Bayern, führt man im Zusammenhang mit der Psyche gerne den PR-Begriff des nach der WM 2006 erfundenen Ausdrucks „Miasanmia“ an. So werden Spieler des FC Bayern oftmals glorifiziert als „Mentalitätsmonster“. Sie seien Profis, die großen Druck aushalten, nervenstark sind, immer nach Erfolg streben und auch bei Rückständen und Rückschlägen mit enormer Wucht zurückschlagen, um am Ende ein Happy End für den FC Bayern herbeizuführen.

Dafür gibt es sicherlich viele legendäre Beispiel, um den Miasanmia-Claim zu bestätigen. Andererseits gibt es auch viele Enttäuschungen in der großen Geschichte des FC Bayern:

Fünf Niederlagen im EC-Finale

Von elf Finals im Landesmeistercup bzw. der Champions-League hat der FC Bayern fünf verloren. Einige dieser bitteren Niederlagen lassen sich im Grunde nur mit Überheblichkeit oder Nervenschwäche erklären. Zum Vergleich: Real Madrid hat alle seine 13 Finals in diesem Wettbewerb gewonnen.

Der FC Bayern hat zudem bedeutende Elfmeterschießen wie jenes im Champions-League-Finale 2012 in der heimischen Allianz Arena verloren. Hinzu kommen etliche bedeutende Elfmeter, die Bayern-Profis im Dress der Roten oder der deutschen Nationalmannschaft verschossen haben. Selbst im gewonnenen Champions-League-Finale 2001 verschoss Mehmet Scholl, der damals sicherste Schütze der Bayern, einen Elfmeter während der Partie - und auch beim Elfmeterschießen wurden zwei Elfmeter von Münchner Spielern vergeben.

Darüber hinaus gilt: Zwölfmal besaß der FC Bayern am letzten Spieltag einer Bundesligasaison noch die Chance auf den deutschen Meistertitel. Meistens ging er mit einem Vorsprung in dieses Duell - insgesamt viermal wurde dann aber doch ein anderer Klub noch deutscher Meister. Dabei nicht eingerechnet sind zudem fatale Saisonleistungen wie jene aus der Spielzeit 1992/93, an der man 32 Spieltage lang die Tabelle anführte, um dann doch noch von Werder Bremen überholt zu werden.

Eine mögliche Schlussfolgerung aus der Historie: Schafft es eine Mannschaft der individuellen Qualität und der teamtaktischen Ausrichtung nach den Bayern ernsthaft Druck zu machen, beginnt das große Zittern bei den Münchnern. Umso bedeutender ist es dann, dass Titelkonurrenten auch auf der mentalen Ebene den Kampf mit den Bayern aufnehmen. Doch Meisterschaftsanwärter wie Borussia Dortmund und RB Leipzig haben in jüngster Zeit in diesem Bereich versagt.

Wie Dortmund Leipzig versagen

2015/16 etwa sprachen BVB-Stars wie Piere Emerick-Aubameyang vom möglichen Titelgewinn – BVB-Boss Hans-Joachim Watzke erteilte ihnen umgehend einen öffentlichen Maulkorb. Am Ende fehlten demotivierten BVB-Stars zwei Punkte für die Schale.

Schlimmer noch war es 2018/19: Dortmund besaß nach dem 20. Spieltag neun Punkte Vorsprung auf den FC Bayern. Nur noch 14 Spiele waren zu bestreiten. In jeder anderen Topliga hätten die Münchner wohl keine Chance mehr auf den Titel gehabt, doch bei der verunsichert wirkenden nationalen Konkurrenz war noch alles möglich. In Sachen Leistungssport und Anspruchsdenken beschämend kam hinzu, dass der damalige BVB-Coach Lucien Favre noch während der Saison den Meistertitel entnervt abhakte, obwohl theoretisch und praktisch noch alles möglich war.

Nicht viel besser machte es "Herbstmeister" RB Leipzig eine Saison darauf. Vereinsboss Oliver Minztlaff sagte im Frühjahr 2020 der Bild-Zeitung, ihm wäre es lieber, wenn in der Zeit der Coronapandemie der FC Bayern Meister würde. Nach der Coronapause blamierte sich Leipzig mit mehreren Remis gegen "Underdogs", während die Münchner ihre Siegesserie Richtung Titel fortsetzten.

Die Beispiel zeigen: Das Erbe von Udo Lattek und Christoph Daum ist in der Bundesliga in Vergessenheit geraten. Was war deren Quintessenz im Titelkampf? Christoph Daum, in den 1980er und 1990er Jahren Trainer in Köln und Leverkusen, legte sich mehrfach mit den Bayern an, um ihnen den Titel zu entreißen. Daum wurde für seine Psychotricks gerühmt – für seine lockeren und teils abwertenden Sprüche Richtung München aber auch kritisiert. In seiner derzeit viel verkauften Biografie "Immer am Limit" erklärt der Meistertrainer von 1992 (VfB Stuttgart), dass er eigentlich nie geplant hatte, in der Bundesliga als „Lautsprecher der Nation“ aufzutreten. Doch in seiner Anfangszeit beim 1. FC Köln Ende der 1980er Jahre war sein Lehrmeister ein gewisser Udo Lattek. Jener Lattek legte mit seinen Erfolgen als Bayern-Coach – zunächst drei Mal in Folge deutscher Meister 1972 – 1974 sowie erstmals Gewinn des Landesmeistercups 1974; später in den 1980ern nochmal drei Meistertitel – den Grundstein für die nationale und internationale Erfolgsgeschichte der Münchner.

Dabei nutzte Lattek regelmäßig die Methode "Psychokrieg", um die Gegner mürbe zu machen. Als sein Meisterstück in diesem Bereich gilt die Meisterschaft von 1986, als der FC Bayern verzweifelten Bremern noch am letzten Spieltag den Titel abjagte. Was seltener in Erinnerung ist: Lattek war auch viele Male Gegner der Bayern, etwa in seiner Zeit als Gladbach-Coach holte er 1976 und 1977 den Meistertitel an den Niederrhein.

Was die Konkurrenz lernen muss

Lattek jedenfalls lernte seinem Lehrling Daum, dass der mentale Bereich eine ganz wichtige Komponente im Fußball einnimmt - gerade wenn man den Bayern Paroli bieten will. So fragt sich Daum in seiner Biografie sinngemäß, warum dies heutzutage kein deutsches Team mehr probiert. Natürlich muss man die heute albackenen und teilweise verletzlichen Sprüche von Lattek und Daum nicht mehr übernehmen, aber es müsste doch in Dortmund und Leipzig so viel psychologisches Vorwissen vorhanden sein, um zu erspüren, wann man im Titelkampf lieber keinen Maulkorb an seine Spieler austeilt (Watzke), wann man Meisterschaftsambitionen nicht leichtfertig aufgibt (Favre) und wann man lieber auf einen lockeren Spruch zu Lasten der eigenen Mannschaft (Mintzlaff) verzichtet.

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Daniel Michel  
07.06.2021