Serienmeister FC Bayern

Das Versagen der Bayern-Konkurrenz (2): Rookies statt Routiniers

Florian Kohfeldt (l.) und Michael Reschke (r.) mussten die letzten Jahre Rückschläge hinnehmen.
Florian Kohfeldt (l.) und Michael Reschke (r.) mussten die letzten Jahre Rückschläge hinnehmen. Foto: Imago

Der FC Bayern München ist zum neunten Mal in Folge deutscher Meister. Dass es zu dieser Erfolgsserie gekommen ist, beruht nicht nur, aber auch auf der Schwäche der Bayern-Konkurrenz. fussball.news nennt in einer mehrteiligen Serie Gründe, warum die deutschen Topklubs es Bayern München im Titelrennen viel zu leicht machen. In Teil 2 geht es um die Auswahl von Vorständen, Managern und Trainern bei zahlreichen Profiklubs.

Bayern München wird allseits dafür gelobt, in den höchsten Vereinsgremien sehr gut besetzt zu sein mit zahlreichen Ex-Spielern und erfolgreichen Firmenbossen sowie Politikern. Das ist aber kein Alleinstellungsmerkmal bei deutschen Profiklubs. Auch der VfB Stuttgart hat über Jahrzehnte immer wieder Ex-Spieler, Politiker und Konzernbosse auf Führungsebene ausgewählt - und selbst bei Schalke 04 war dies lange Zeit der Fall.

Der entscheidende Unterschied ist vielmehr, dass sich beim FC Bayern viele starke Persönlichkeiten ganz offen um den richtigen Weg für den Klub zanken, sich danach aber wieder versöhnen und keine Intrigen anzetteln, die den kompletten Klub spalten können. Der Zusammenhalt insbesondere von Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Franz Beckenbauer war über dreißig Jahre sehr groß. Das Führungstrio, das zwischen 1992 und 2012 den Weg des FC Bayern vorgab, handelte ungemein erfolgreich. Voraussetzung war aber die soziale Kompetenz, sich nach Kontroversen wieder versöhnen zu können und dem Kollegen auch Fehler zuzugestehen - es sei an die Verpflichtung von Trainer Jürgen Klinsmann statt Jürgen Klopp 2008 erinnert. Zeigt eine Vereinsführung keine Zerfallserscheinung und kaum Schwächen, ist das meist ein gutes Zeichen für den Klub.

Es beginnt bei der Auswahl des Klubchefs...

Um zur Bayern-Konkurrenz überzuleiten:

Deren Problem Nummer eins ist oftmals schon die Auswahl des Klubchefs. Oft ist es ein ehemaliger Boss eines Klubsponsors, der von den Gremien in das Amt gehievt wird, in Sachen Diplomatie und sportlicher Kompetenz aber enorme Schwächen aufweist. Deshalb ist es so wichtig, dass ein Klubboss starke Persönlichkeiten um sich versammelt, um eine passende Linie für den Klub vorzugeben.

Erschwerend kommt hinzu: In den letzten rund 25 Jahren hat es eine einschneidende Entwicklung im deutschen Fußball gegeben, die vor allem die sogenannten Traditionsklubs belastet, die fast allesamt mal mit Bayern München um Titel gekämpft haben. Man denke an den Hamburger SV, an Schalke 04, an den 1. FC Köln, an den VfB Stuttgart oder an Werder Bremen. Zum Verhängnis wird den alten Bayern-Rivalen der schnelle Aufstieg der "Plastikklubs". Vereine wie 1899 Hoffenheim und der VfL Wolfsburg haben es geschafft, einige Traditionsklubs aus den Champions-League- und Europa-League-Rängen zu verdrängen. Sportlicher Misserfolg gepaart mit einem gekränkten Ehrgefühl führt in der Folge bei Traditionsklubs zu sehr großer Unruhe. Dabei sind danach oftmals ähnliche Abläufe festzustellen.

Der Vereinsboss wird meist von allen Seiten kritisiert, auf der Suche nach einem Befreiungsschlag trennt er sich von meinungsstarken Personen im Vereinsumfeld und baut sich eine Struktur ihm ergebener und abhängiger Mitarbeiter auf. Eine Abhängigkeit erzeugt er zum Beispiel dadurch, dass er sich in der Tendenz eher "Rookies" statt Routiniers für wichtige Positionen wie den Manager- oder Trainerjob holt. Das neue Personal geht mit ihm keine Konflikte ein und setzt meist ohne Murren seine Leitlinien um.

Mit "Rookies" sind in dem Fall übrigens Personen gemeint, die dem Anforderungsprofil nach für den Job eigentlich gar nicht infrage kommen, weil sie unerfahren sind und noch wenig große Erfolge vorzuweisen haben. Als Beispiel: Das ideale Trainerprofil für einen Traditionsklub ist aller Erfahrung nach ein Coach im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, der im Bestfall eben schon große Klubs mit ähnlichem Umfeld geleitet hat und dabei überdurchschnittliche Erfolge einfahren konnte.

Nur "Rookies"? So wählte Schalke zuletzt Trainer aus

Nun ein Blick in die Praxis:

Schalke 04 war zwischen 2000 und 2010 ein Titelkonkurrent von Bayern München. Profilierte und hochdekorierte Coaches wie Ralf Rangnick und Felix Magath arbeiteten für Königsblau. Mit Zunahme der Kritik an Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies, praktisch der Klubchef auf Schalke, änderte sich die Auswahl von Trainern und Managern.

Zwischen Sommer 2015 und Sommer 2021 verpflichtete Schalke insgesamt neun Trainer. Die zwei Interims-Amtszeiten von Legende Huub Stevens herausgerechnet, sind es noch sieben Trainer in diesen sechs Jahren.

Von diesen sieben Trainern hatten beim jeweiligen Amtsantritt nur drei(!) Coaches bereits eine Mannschaft in der Bundesliga trainiert. Und die Betonung liegt auf EINE. Markus Weinzierl und Manuel Baum coachten jeweils den FC Augsburg, wo das Erreichen des Ziels Klassenerhalt fast schon für Ekstase sorgt. Hinzu kam der Schweizer Christian Gross, der vor zehn Jahren ein kurzes Gastspiel in der Bundesliga beim VfB Stuttgart hatte. Kurzfassung: Sie alle scheiterten auf Schalke.

Ähnlich verhält es sich bei der Besetzung der Manager/Sportvorstand-Position:

Jochen Schneider, der zwischen 2019 und 2021 die Geschäfte leitete, hatte zuvor noch nie in erster Funktionärs-Reihe einen Traditonsklub geleitet. Auf seinen Stationen in Stuttgart und Leipzig zuvor gaben andere Funktionäre den Ton an.

Vor Schneider war Christian Heidel Sportvorstand. Er hatte natürlich über Jahrzehnte großartige Arbeit bei seinem Heimatklub Mainz 05 geleistet. Die Erfahrung für einen großen Traditionsklub der Kategorie Schalke fehlte ihm allerdings, formal war er somit ebenfalls ein "Rookie" auf Schalke.

Konsequenz: Der einstige Titelrivale von Bayern München hat seit der Saison 2014/15 nur noch einmal die Champions-League-Plätze erreicht, dagegen in vier der letzten fünf Saisons keinen einstelligen Tabellenplatz errungen - und 2021 muss Schalke 04 den bitteren Gang in die 2. Liga antreten.

Auch Stuttgart setzt auf "Rookie"-Funktionäre

Ein weiteres Beispiel aus der Praxis ist der VfB Stuttgart. Auch hier werden seit Jahren die Posten von Vorstand, Manager und Trainer mit "Rookies" besetzt. In den letzten sechs Jahren stieg der VfB zwei Mal aus der Bundesliga ab.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Verpflichtung von "Rookies" wieder auf Trainer- und Manager-Ebene.

Seit 2015 hat der VfB Stuttgart elf Trainer verpflichtet, die Interimscoaches eingerechnet. Nur drei von ihnen hatten zuvor schon einen Bundesligisten gecoacht. Immerhin brachten Jos Luhukay (u.a. Gladbach), Tayfun Korkut (Hannover 96) und Markus Weinzierl (Schalke) Erfahrung von einem Traditionsklub mit. Sonderlich weit kam das Trio allerdings auch nicht. Man darf nicht vergessen, dass der VfB parallel dazu 2017 ausgerufen hatte, spätestens 2022 zu den besten drei Teams in Deutschland zu zählen. 

Die Personalauswahl sorgt deshalb auch auf dem Managerposten für Verwunderung.

2015 durfte Robin Dutt als Sportvorstand in Stuttgart starten. Er hatte als Trainer beachtlichen Erfolg beim SC Freiburg, in Leverkusen und Bremen galt er eher als gescheitert, als Sportdirektor des DFB warf er schnell hin. Einen großen Traditionsklub in erster Reihe angeführt hatte er zuvor noch nie. Es folgte der Abstieg für den VfB.

Jan Schindelmeiser übernahm, der zuvor in der zweiten Reihe bei der TSG Hoffenheim agiert hatte. Mit ihm glückte die Rückehr in die Bundesliga. Danach trennten sich 2017 allerdings beide Parteien - auf Schindelmeiser folgte Michael Reschke, der ebenfalls zwar Erfahrung bei Leverkusen und Bayern München in der zweiten Reihe sammelte, aber zuvor noch nie an vorderster Front die Geschicke eines Traditionsklubs geleitet hatte. Prompt ging es für den VfB wieder bergab.

Aktuell hat sich der VfB erholt und als Aufsteiger den Klassenerhalt in der Bundesliga erreicht. Erneut sind die wichtigsten Posten mit "Rookies" besetzt - Trainer Pellegrino Matarazzo leistet bislang aber hervorragende Arbeit, auch wenn es im Verein erneut zu internen Problemen gekommen ist.

Der Fall von Werder Bremen

Ein letzter Ex-Bayern-Konkurrent sei aufgeführt: Werder Bremen.

Die Bremer betonten lange Zeit gerne, dass sie den "Bremer Weg" fortführen wollen. Zugespitzt formuliert heißt dieser Weg: Alle wichtigen Positionen werden nach Möglichkeit mit Ex-Bremer-Spielern besetzt, was für Konstanz, Harmonie und Erfolg sorgt. Dabei wird etwas unter den Tisch gekehrt, dass das "Role Model" dafür, Otto Rehhagel, nie ein Spieler von Werder Bremen war und er erstmal etliche Trainerstationen durchlaufen hatte, bis er zwischen 1981 und 1995 Erfolge und Titel mit Werder einfuhr. 

Letztlich ist festzuhalten: Die letzten drei Bremer Coaches waren alle zuvor Trainer der 2. Mannschaft von Werder - davor brachten sie überhaupt keine Bundesliga-Erfahrung mit. Der sportliche Verlauf war bei allen drei Coaches ähnlich: Viktor Skripnik, Alexander Nouri und Florian Kohfeldt übernahmen Bremen im Abstiegskampf, sie führten das Team zunächst aus der bedrohlichen Lage heraus, schnupperten für ein paar Wochen an den Europacup-Plätzen, bevor es wieder Richtung Abstiegsplätze ging. Kohfeldt konnte diesen Negativlauf in die Länge ziehen, doch am Ende stand jetzt sogar der Abstieg mit Werder.

Quintessenz: Traditionsklubs und ehemalige Bayern-Jäger  machen es sich bei der Personalauswahl viel zu einfach, sie stellen oftmals Rookies statt Routiniers ein. In der Folge wirken sie bei all den dynamischen Einflussfaktoren in so einem großen Klub - Medien, Fans, historische Erfolge, Diplomatie, Finanzen - überfordert. Der Abstieg ist nur eine Frage der Zeit - und Bayern München hat ein paar Konkurrenten weniger.

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Daniel Michel  
03.06.2021