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Darum war Hansi Flick der zweitschlechteste Trainer der WM

Hansi Flick lieferte 2022 eine schwache Leistung ab. Foto: Getty
Hansi Flick lieferte 2022 eine schwache Leistung ab. Foto: Getty

Kölns Trainer Steffen Baumgart hat ein neues Thema für sich entdeckt: Er lobt und verteidigt Bundestrainer Hansi Flick. Welche Motivation bei Baumgart dahintersteckt, ist schwer ersichtlich. Vielleicht aber sollte Steffen Baumgart ähnlich wie einige DFB-Funktionäre und Berichterstatter sich nochmal über die Neujahrstage ein paar Gedanken zum DFB-Team und der Leistung von Hansi Flick machen.

Zunächst gibt es natürlich einen schwierigen Gedankentransfer: Wie kann ein Trainer, der den FC Bayern im Jahr 2020 zum Triple geführt hat, so krass bei einer WM versagen? Diese Verständnislücke dürfte ein wesentlicher Faktor sein, warum Hansi Flick noch im Amt ist. Die Ära Hansi Flick beim FC Bayern lässt sich damit zusammenfassen, dass Flick die besonderen Umstände der Coronazeit am besten zu nutzen wusste. Dazu gehörten viele Glücksfaktoren (u.a. keine Vierfachbelastung, vereinfachte Turniersysteme, keine gegnerischen Fans im Stadion), die auf diesem Portal schon mehrfach erörtert wurden. Nicht außer Acht lassen sollte man, dass schon damals die internationale Fußballfachgemeinschaft (Trainer, Kapitäne, Journalisten) nicht Flick zum weltbesten Trainer des Jahres kürte - sondern Liverpools Jürgen Klopp.

Teamgeist und Automatismen - Flick versagte komplett

Dennoch ist es keine Frage: Flick lieferte beim FC Bayern zwischen 2019 und 2021 eine großartige Leistung ab. Ganz anders ist nun aber seine Zeit als Bundestrainer zu bewerten. Flick hat in wesentlichen Bereichen komplett versagt!

30 von 32 Mannschaften wiesen bei der Weltmeisterschaft Teamgeist auf. Teamgeist bedeutet dabei, dass die Spieler auf dem Feld sich helfen und über ihre Grenzen hinausgehen, damit die Mannschaft Erfolg haben kann. Nur bei Quatar und bei Deutschland war kein Teamgeist zu erkennen, 2014-Weltmeister Bastian Schweinsteiger nannte es "Brennen". Wer ist in erster Linie für den Teamgeist einer Mannschaft verantwortlich? Natürlich der Trainer, erst dann folgt der Teamkapitän.

Beim zweiten wesentlichen Basic eines Trainers hat Flick ebenfalls total versagt. Denn es war völlig klar, dass eine WM-Mannschaft Automatismen braucht, also eine gewisse Eingespieltheit, um Erfolg zu haben. Die Vorbereitungszeit auf die Weltmeisterschaft in Katar war kurz, daher war es für jeden WM-Trainer klar, auf Automatismen zu setzen. Nur Hansi Flick hatte andere Ideen für Deutschland und wechselte seine Startformationen munter durch, ganz gleich ob WM-Qualifikationsspiele, Nations League, WM-Vorbereitung oder WM-Gruppenphase. Was Flick dazu bewogen hat, in diesem Bereich schwächer als ein gut ausgebildeter Amateurtrainer zu handeln, ist unklar.

Die fatale Folge: Selbst WM-Teams, deren Stammspieler von Abstiegskandidaten oder Zweitligisten stammen, rückten ins Achtelfinale der WM vor. Deutschland, eines der acht wertvollsten Teams der WM, schied in der Gruppenphase aus. Auch Flicks Ausrede im Anschluss, man habe keine anderen Spieler zur Verfügung und die Ausbildung sei in Deutschland schwach, zieht deshalb nicht. Deutschland hat immer noch genug Profis von Qualität, um besser abzuschneiden als Nationalteams, deren Kicker Zweitligaspieler sind.

Gegen Japan "vercoacht"

Zu den etwas höher angelegten Aufgaben eines Trainers zählt darüber hinaus das InGame-Coaching. Auch hier handelte Flick bereits im ersten Spiel gegen Japan alles andere als professionell. Die Fakten wurden dabei schon durchgespielt: Flick nahm in einem WM-unerfahrenen Team mit Müller und Gündogan zwei Routiniers vom Platz, um andere Spieler mit Einwechslungen zufriedenzustellen. Aus einer 1:0-Führung wurde eine 1:2-Niederlage. Diese "Zufriedenheitswechsel" führen die Topcoaches eigentlich erst im dritten WM-Gruppenspiel durch, wenn die Mannschaft in der Regel schon für das Achtelfinale qualifiziert ist.

Auch in Sachen Psychologie lag Flick völlig daneben. Statt vor dem dritten und entscheidenden Gruppenspiel gegen Costa Rica die Mannschaft auf Angriff einzustellen und eine große Torserie anzukündigen und zudem Konkurrent Spanien vor einer Spielmanipulation zu warnen, sagte Flick, er sei froh, wenn seine Mannschaft überhaupt gegen Costa Rica gewinne.

Man kann Flick noch viel mehr Punkte anlasten, etwa keinen richtigen Mittelstürmer auserkoren und viel zu blauäugig auf seine ehemaligen Mitstreiter beim FC Bayern ("Bayern-Block") gesetzt zu haben. Kein WM-Coach - abgesehen jener von Quatar (Felix Sanchez) - lieferte gemessen an den Möglichkeiten der Mannschaft eine schwächere Leistung als Flick ab.

Wichtig ist für das Jahr 2023, dass Hansi Flick anders handelt. Sonst ist Flick auf dem besten Wege, auch die Heim-EM 2024 in den Sand zu setzen.

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Daniel Michel  
27.12.2022