Reform der Königsklasse

Neues CL-Turnier als Erfolg? 4 Gründe für den alten Turniermodus!

ManCity unterlag Lyon mit 1:2.
ManCity unterlag Lyon mit 1:2. Foto: Getty Images

Deutsche Fußballfunktionäre, Fans und Berichterstatter sind im Kern nahezu einer Meinung: Der aufgrund der Corona-Pandemie veränderte Turniermodus in der Champions League ist spannend und auch für die Zukunft ein wünschenswertes Modell. Vier Einwände:

Zufall

Nur eine Partie pro K.o.-Runde erteilt dem Zufall und dem Spielglück eine noch höhere Wirkungsmacht. Die ersten beiden Viertelfinals der Champions League wurden in den letzten Spielminuten durch Eigentore maßgeblich beeinflusst und entschieden. Paris Saint-Germain besiegte Atalanta Bergamo mit 2:1. Beim 1:1 in der 90. Minute bugsierte Caldara den Ball mit dem Knie ins eigene Tor - die Wende für Paris. RB Leipzig bezwang Atletico Madrid mit 2:1. Dabei erzielte Tyler Adams aus der Distanz den 2:1-Siegtreffer, doch sein Schuss wurde maßgeblich von Savic abgefälscht. Im Modus Hin- und Rückspiel bliebe nun für die unterlegenen Teams die Hoffnung, mit einer Energieleistung diesen unglücklichen Patzer noch auszubügeln. Fußballspiele auf Top-Niveau sollten eher durch Qualität als durch einen glücklichen Moment entschieden werden.

Zudem: Teams wie Olympique Lyon und der FC Bayern werden auch für ihre überragende Fitness gelobt. Auffällig ist: Das Halbfinale besteht nur aus Klubs aus der Bundesliga (München, Leipzig) und der Ligue 1 (Lyon, Paris). Jene beiden Ligen also, die deutlich vor Spanien, England und Italien ihre Saison beendet hatten. Ein Corona-bedingter Gap schafft hier einen zufälligen Wettbewerbsvorteil.

Fehlender Heimvorteil

Das aktuelle CL-Turnier wird in zwei Stadien in Lissabon ausgetragen, Fans sind auch in Portugal aufgrund der Corona-Bestimmungen nicht zugelassen. Spätestens seit den "Geisterspielen" der Bundesliga weiß man: Heimfans sorgen in der Regel für mehr Siege ihrer Mannschaft. Kaum ein Team, abgesehen von Bayern München, konnte zuhause noch sonderlich punkten. Nicht anders dürfte es sich in der Champions League verhalten. Bei einem Turnier an einem neutralen Ort mit nur einem K.o.-Spiel pro Runde würden zahlreiche Fans ausgesperrt bleiben, denn Heim- und Gästefans müssten sich die Plätze im Stadion paritätisch (und mit den UEFA-Sponsoren) teilen. Wie wichtig der Heimvorteil sein kann, belegt der FC Barcelona. Barca spielt im Grunde seit acht Jahren auswärts in der Champions-League-K-o.-Phase schwach, liefert aber überragende Heimspiele ab, was nicht nur an den fast 100.000 Fans im Camp Nou liegen könnte, sondern auch an der speziellen Konzeption des Spielfeldes in Barcelona. Eine desolate Vorstellung wie beim 2:8 gegen den FC Bayern nun im Viertelfinale hätte sich Barca wohl vor heimischen Publikum nicht erlaubt. Soll man künftig wirklich ab dem Viertelfinale den Heimvorteil abschaffen?

Mehr Spannung

Das aktuelle CL-Turnier sei besonders spannend, heißt es darüber hinaus. Die Teams würden sofort den Torabschluss suchen und der Außenseiter würde eine größere Chance besitzen, sich gegen den Favoriten in einem Spiel durchzusetzen. Als Gegenbeispiel sei angeführt: Real Madrid, in der Regel stets Favorit, hat 13 Finals im Landesmeistercup beziehungsweise der Champions League gespielt - und alle gewonnen. Der Außenseiter konnte eben nicht in einem Spiel den Favoriten Real bezwingen. In zwei Spielen gegen Madrid ist die Wahrscheinlichkeit höher, die Spanier, die in Summe meist die besten Einzelspieler der Welt aufbieten, aus dem Turnier zu kegeln. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele, die aufzeigen, dass sich ein Außenseiter auch in zwei Spielen gegen den Favoriten durchsetzen kann. Dann wird die Leistung meist noch mehr anerkannt, denn man hat den Gegner in 180 Minuten und nicht nur in 90 Minuten besiegt. Und waren nicht die Halbfinals etwa zwischen Barcelona und Liverpool (3:0 vs. 4:0) in der vergangenen Saison ein absoluter Höhepunkt?

Mehr Abwechslung

Weit verbreitet ist auch das Vorurteil, in der Champions League würden immer die gleichen Teams das Halbfinale oder Finale erreichen. Nun aber sei mit den Halbfinalisten Olympique Lyon und RB Leipzig endlich Abwechslung möglich. Man muss aber nur die letzten zehn Jahre nachzählen: Im Halbfinale der Königsklasse waren nahezu immer zwei neue Teams im Vergleich zur Vorsaison dabei. 2018/19 erreichten Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspur überraschend das Halbfinale, ein Jahr zuvor hatte kaum jemand mit Liverpool und Rom als Halbfinalisten gerechnet. Eine weitere Saison davor zählten zu den Top 4 Atletico Madrid und AS Monaco.

Auch das Finale der Königsklasse bestand nie zwei Mal in Folge aus derselben Paarung. Nicht mal die reichsten oder am kräftigsten investierenden Klubs kommen regelmäßig in die Top 4 in Europa. Paris Saint-Germain steht nun erstmals seit 25 Jahren wieder im Halbfinale der Königsklase - Manchester City ist die vergangenen Jahre selbst an dieser Hürde kläglich gescheitert und unterlag nun auch im Viertelfinale Olympique Lyon mit 1:2.

Fazit:

Keine Frage: Das aktuell durchgeführte Champions-League-Turnier ist in Zeiten von Corona wohl die am besten machbare Variante. Das Turnier hat einen sportlichen Wert, kann aber nicht mit einer gewöhnlichen CL-Saison verglichen werden. Das aktuelle Turnier reicht nicht an den alten Wettbewerbs-Modus  heran, der deutlich nachhaltiger wirkt. Wenn es um eine Reform der Königsklasse ab 2024 geht, dann sollte es insbesondere um eine Änderung der Gruppenphase gehen. Die K.o.-Phase deutlich umzustrukturieren, dürfte kaum einen Mehrwert ergeben.

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Daniel Michel  
18.08.2020